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Die dünne Decke der Zivilisation
Kultur 1 2 Min. 02.09.2018

Die dünne Decke der Zivilisation

acha Baron Cohen in
seiner neuen Satire-Rolle.

Die dünne Decke der Zivilisation

acha Baron Cohen in
seiner neuen Satire-Rolle.
Foto: Showtime
Kultur 1 2 Min. 02.09.2018

Die dünne Decke der Zivilisation

Mit seinen Kunstfiguren des kasachischen Reporter-Verschnitts Borat und des Gangster-Rappers Ali G. wurde der britische Fernseh-Komiker Sacha Baron Cohen weltberühmt. Mit „Who is America?“ eckt er wieder an.

von Kathrin SCHUG

Dass der Blödelfassade der überzeichneten Figuren ein raffinierter Plan zur Offenlegung von Vorurteilen und Diskriminierung zugrunde lag, musste eigentlich gar nicht jeden Zuschauer erreichen: Über Cohens Verwandlungskünste und die Reaktion seiner Gesprächspartner konnte auch lachen, wer die Subversion nicht mitdenken konnte oder wollte.

Für sein neues Projekt „Who is America?“ hat Cohen erneut alle Register der Verwandlungskunst gezogen, um in Interviews herauszufinden, wie die Nation unter der Präsidentschaft von Donald Trump tickt.

Cohen mimte fünf verschiedene Charaktere, um seine Gesprächspartner aus der Reserve zu locken: Einen israelischen Anti-Terror-Experten, einen italienischen Modefotografen, einen rechtsextremen Verschwörungstheoretiker, einen gendersensiblen Universitätsdozenten und einen frisch entlassenen Häftling. In Interviews mit Politikern, Kulturschaffenden und Privatpersonen kitzelt Cohen seine Gesprächspartner an die Grenzen des Sagbaren: Bewaffnung von Kindergartenkindern? Super Sache für die Kongressabgeordneten. Kunst aus Exkrementen? Die Galeristin zeigt sich begeistert und sponsort Schamhaare für den Pinsel.

Die Serie hat bislang zweischneidige Kritiken erhalten, die nicht nur entlang der erwartbaren Konfliktlinien verlaufen. Neben dem obligatorischen Geschrei aus dem Lager der Trump-Anhänger kritisierten auch liberale Stimmen die Sendung: In seiner unredlichen Versuchsanordnung, die echte Menschen gegen Kunstfiguren antreten lasse, ginge es Cohen nicht darum, die Haltungen seiner Gesprächspartner zu verstehen, sondern lediglich um die pure Provokation.

Satire darf alles

In einer gewissen Weise stimmt das, und dennoch gilt hier: Satire darf alles und der Zweck heiligt die Mittel. Das Verdienst von „Who is America?“ die Momentaufnahme einer Nation, in der die Decke der Zivilisation dünn geworden ist.

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Die Interviews zeigen auf faszinierende Weise, wie sehr die Einschätzung des Gegenübers die Grenzen des Sagbaren im politischen Diskurs verschiebt: Waffenlobbyisten sehen in dem vermeintlichen Anti-Terror-Hardliner einen Bruder im Geiste, vor dem man Meinungen äußern kann, die man sonst im öffentlichen Diskurs verschweigen oder zumindest PR-konform glatt schleifen würde.

So halten sie ihr Gesicht bereitwillig für die Bewaffnung von Kleinkindern in die Kamera, ein Reality-TV-Sternchen lässt sich ermuntern, eine Geschichte zusammenzulügen, wie sie ein Massaker in einem afrikanischen Dorf verhindert hat.

Darüber hinaus, und davon wird man fast noch betrübter, sehen wir Szenen aus einem Land, in dem das Gespräch unmöglich geworden ist: Von der Bürgerversammlung über eine geplante Moschee, die außer Kontrolle gerät, bis zum republikanischen Ehepaar, das in seinem hilflosen Versuch, tolerant gegenüber Andersdenkenden zu sein, selbst Verständnis dafür aufzubringen versucht, dass die Partnerin ihres Gastes ein Verhältnis mit einem Delfin hat.

Man sitzt mitunter fassungslos vor diesen Eindrücken, man will manchmal nicht glauben, wie bereitwillig sich Berufspolitiker um Kopf und Kragen reden (die ersten Rücktritte nach der Ausstrahlung haben schon stattgefunden), und man hat nicht den Hauch einer Idee, wie der diskursive Abgrund, der sich hier in Schlaglichtern auftut, jemals wieder geschlossen werden soll.

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Who is America? Staffel 1 verfügbar auf Sky