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Die Axt als Statussymbol
Kultur 1 3 Min. 02.09.2019

Die Axt als Statussymbol

Kultur, Echternacher Museum, Hihof, musée de la préhistoire, Erklärungen von Dr. André Grisse  Foto: Anouk Antony/Luxemburger Wort

Die Axt als Statussymbol

Kultur, Echternacher Museum, Hihof, musée de la préhistoire, Erklärungen von Dr. André Grisse Foto: Anouk Antony/Luxemburger Wort
Anouk Antony
Kultur 1 3 Min. 02.09.2019

Die Axt als Statussymbol

Tessy KLOPP SOWA
Tessy KLOPP SOWA
Ein Museum, ein Objekt: In der Sammlung des Echternacher Museums für Vorgeschichte befindet sich ein Exemplar einer in Luxemburg gefundenen flachen Hammeraxt aus der Steinzeit. Sie ist ein schönes Beispiel für den damaligen symbolischen Gebrauch des heutigen Werkzeugs.

Leise knarzt der Quarzsand im noch winzigen Bohrloch im Stein. Mithilfe eines bogenförmigen Astes und einer um den Bohrer gebundenen Sehne wird der in einer hölzernen Konstruktion befestigten Spindelbohrer in Bewegung versetzt. Unter seiner beständigen Rotation und mit viel Geduld wird das Loch dann Millimeter für Millimeter tiefer. „Man musste schon mindestens zwei Tage ohne Pause arbeiten, um ein Arbeitsgerät aus Stein herzustellen“, erklärt André Grisse, Kurator der Sammlung im Echternacher Museum für Vorgeschichte. Kaum vorstellbar, unter welch körperlichen Mühen der sich in einem der 34 Schaufenster des Museums ausgestellte Kopf der steinzeitlichen Steinaxt vor zirka 4 500 v. Chr. hergestellt wurde. 


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Das Exemplar einer flachen Hammeraxt wurde in den 1980ern in der Mosel gefunden, als bei Bech-Kleinmacher Kiesbänke zur Säuberung der Fahrrinne  wurden. Die Familie des Finders Alvis Kohn schenkte die Axt anschließend André Grisse. Auf diese Weise ist die Mehrheit der im Museum für Vorgeschichte ausgestellten steinzeitlichen Werkzeuge und Geräte aus Luxemburg und unter anderem aus Frankreich und der Schweiz in den Besitz des Ingenieurs und Historikers gelangt. Nach seinem Studium der Vor- und Frühgeschichte beschloss er, die in mehr als 30 Jahren Sammeltätigkeit zusammengetragenen Objekte in der 140 Quadratmeter großen Ausstellungsfläche des Echternacher „Hihof“ zu präsentieren. 

Bei Vorführungen gibt André Grisse mit Rekonstruktionen einen Einblick in den Herstellungsprozess von vorzeitlichen steinernen Werkzeugen, Waffen und Ähnlichem. Der dafür ausgewählte Steinbrocken wird zuerst mittels eines Feuersteinabschlages oder einer fixierten Sandsteinplatte bis zu einem Drittel seiner Dicke eingesägt. Dabei wird Sand hinzugegeben. Danach werden Holzbrettchen als Keile in die Sägeschnitte gelegt, mit einer Schnur gesichert und ins Wasser gegeben. Dort wird der Stein nach 24 Stunden durch den Druck gesprengt. Anschließend erfolgt die Schleifung mit einem Schleifstein. Doppelhämmer, Äxte und Keulen werden zusätzlich mithilfe der beschriebenen Bohrvorrichtung gelocht, um sie auf einem Stock zu befestigen. 

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Der Arbeitsaufwand für eine Axt ist noch sehr viel größer. Im Gegensatz zu den anderen gefundenen Steinobjekten, welche stets Gebrauchsspuren aufweisen, sind Äxte stets gut poliert. Denn gegenteilig zur weit verbreiteten Meinung wurden steinzeitliche Äxte nie als Waffe oder Arbeitsgerät genutzt. „Die Axt war ein Machtabzeichen, nie ein Werkzeug“, erklärt André Grisse. Dies ist auch der Fall bei der flachen Hammeraxt aus der Mosel. Sie besitzt eine akribisch fein polierte graue Oberfläche und besteht aus Diabase, einer besonders harten und deshalb sehr wertvollen Steinart bei unseren Vorfahren. Zusätzlich ist das zwölf Zentimeter lange und fünf Zentimeter breite Artefakt nach strengen geometrischen Grundprinzipien gestaltet. Es wurde mit der sogenannten „grafischen Radienmethode“, einer rechnerischen Vorgehensweise mit einem Zirkel bestehend aus einem Stock und einem daran befestigten Seil, aufgezeichnet. Diese Vorgehensweise und die sich ähnelnden Formen der europäischen Steinäxte deuten auf transkulturelle Verbindungen hin. An einigen Äxten wurden sogar noch Flächen- und Ritzverzierungen angebracht und lassen auf himmelkundliches Wissen schließen. „Die Äxte sind Zeugen von Wissen und Macht“, so André Grisse. 

  Die Axt war ein Machtabzeichen, nie ein Werkzeug.  

 ... steinernes Statussymbol

Steinäxte waren vor allem ein steinzeitliches Statussymbol, denn nur Oberhäupter durften sie tragen. Die für Krieg und Arbeit unbrauchbaren Äxte wurden als reine Schaustücke an einem bis zu zwei Meter langen Holm befestigt. Somit konnte jeder aus der Gruppe, aber auch Fremde, den Anführer erkennen. Zusätzlich verwendeten unsere Vorfahren sie bei Zeremonien. Äxte besaßen symbolischen Wert und wurden mit Macht und Glück assoziiert. Sie waren beispielsweise eine wichtige Grabbeigabe und als Miniaturanhänger aus gebranntem Ton und Bernstein sehr beliebt. Die luxemburgische Steinaxt wurde wahrscheinlich als Opfergabe in die Mosel geworfen, um dem Spender Reichtum, Kindersegen oder eine reiche Ernte zu bescheren. 

 


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In einigen afrikanischen Ländern zeigen sich Staatsoberhäupter bei besonderen Anlässen auch heute mit Steinäxten. Neben der Sammlung von steinzeitlichen Äxten und Werkzeugen befinden sich im Museum für Vorgeschichte in Echternach noch eine Nachbildung des Skeletts des ältesten Luxemburgers, dem nach seiner Fundstelle benannten „Loschbour-Mann“, sowie eine Ausstellung von Echternacher Porzellan aus dem 19. Jahrhundert.

 

„Musée de Préhistoire“ in Echternach 4a, rue du Pont, geöffnet dienstags bis sonntags, vom 1. April bis zum 15. November von 10 bis 12 und von 14 bis 17 Uhr, montags geschlossen. Eintritt für Erwachsene 2 Euro, für Kinder 1 Euro. Führungen nach Absprache.  Weitere Infos unter www.museedeprehistoire.lu 


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