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Der Vorleser mit leisem Nachhall
Kultur 3 Min. 29.05.2012 Aus unserem online-Archiv

Der Vorleser mit leisem Nachhall

Der nachdenkliche, der stille Literat: Bernhard Schlink ist für Lesungen schwer zu ködern und ließ sich doch in die Eifel locken.

Der Vorleser mit leisem Nachhall

Der nachdenkliche, der stille Literat: Bernhard Schlink ist für Lesungen schwer zu ködern und ließ sich doch in die Eifel locken.
Foto: Birgit Pfaus-Ravida
Kultur 3 Min. 29.05.2012 Aus unserem online-Archiv

Der Vorleser mit leisem Nachhall

600 Menschen in Wittlich im Atrium des Cusanus-Gymnasiums. Fast 100 Prozent von ihnen werden „Der Vorleser“ kennen, den größten Erfolg Bernhard Schlinks, 1995 geschrieben, mit nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet, mit Kate Winslet 2008 verfilmt.

Von Birgit Pfaus-Ravida

600 Menschen in Wittlich im Atrium des Cusanus-Gymnasiums. Fast 100 Prozent von ihnen werden „Der Vorleser“ kennen, den größten Erfolg Bernhard Schlinks, 1995 geschrieben, mit nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet, mit Kate Winslet 2008 verfilmt. Viele kennen und schätzen auch die „Selb“-Trilogie, drei Kriminalromane, den ersten Teil hatte er geschrieben mit Co-Autor und Freund Walter Popp. Bernhard Schlink, wie Popp Jurist und gleichzeitig Schriftsteller, ist an diesem Abend in das kleine Eifelstädtchen Wittlich gereist, zum Eifel-Literatur-Festival. Konzentriert und mit fast unbewegter Miene sitzt er da und wartet auf seinen Auftritt.

Schlink, der in Berlin und New York lebt, sei „eines der scheuesten Rehe im Literaturwald“, metaphert Festivalleiter Kosef Zierden zur Begrüßung des bekannten deutschen Autors. In der Tat ist er nicht oft auf Festivals anzutreffen. Und er bietet einen Kontrapunkt zu all den unterhaltsamen, fast choreografierten Lesungen, die man heutzutage so erleben kann. Da vorne sitzt nur Schlink mit seinem Buch. Er erklärt vorher nichts und auch nicht zwischendurch, und ganz, ganz selten nur hebt er seinen Blick von den Zeilen, in denen jedes einzelne Wort am rechten Fleck zu sitzen scheint. Präzise formuliert, dabei jedoch nicht trocken, entführt Schlink gerade mit jener leisen, unaufdringlichen Art des Lesens in die Welt seiner Protagonisten.

Der Knackpunkt des Lebens

Schlink springt nicht zwischen Erzählungen und Kapiteln wie viele andere Autoren, er liest nur eine der sieben Geschichten seines bereits im Jahr 2010 erschienenen Bandes „Sommerlügen“. Es ist die letzte Erzählung, „Die Reise nach Süden“. Sie handelt von einer alten Dame, die eines Tages aufhört, ihre Kinder zu lieben. Ihre Geschichte, so kristallisiert sich heraus, ist nicht nur eine „Sommerlüge“, sie ist auch eine Lebenslüge. Die 80-Jährige muss sich eingestehen, dass sie vielleicht einen Fehler gemacht hat, indem sie „vernünftig“ und „standesgemäß“ geheiratet und immer ihre Pflichten als Hausfrau und Mutter erfüllt hat, statt ihren Jugendschwarm zu ehelichen und mit ihm in eine vor allem finanziell unsichere, aber vielleicht bereicherndere Zukunft zu gehen, ihre Studien fortzuführen, vielleicht sogar selbst erfolgreich zu sein im Beruf. Doch zum Zeitpunkt der Krise der 80-jährigen Nina ist die Zukunft schon Vergangenheit. Und so wie sie im Alter ihren Geruchs- und ihren Geschmackssinn verloren hat, geht ihr eben auch die Liebe verloren. Zu allen vier Kindern und 13 Enkelkindern, und die können nichts dafür.

Über dieser emotionalen Katastrophe wird Nina krank – und hingebungsvoll gepflegt von Enkelin Emilia. Mehr als das: Die beiden reisen an den Ort, an dem Nina mit ihrer Studentenliebe viel Zeit verbracht hat, und kommen dem Knackpunkt des Lebens der alten Dame auf die Spur. Wer hat damals wen verlassen? Was wäre, wenn? Was wäre gewesen, wenn?

Fragen, die sich wohl jeder mindestens einmal im Leben stellt. Antworten gibt es nicht immer, nicht im Leben und auch nicht in Schlinks Geschichten. Und vielleicht auch deshalb, weil jeder einzelne Zuhörer wohl hier oder da einen Stich im Herzen verspürt, ist es sehr still bei der Lesung und der Applaus sehr lang danach. Unabhängig davon, ob man das ganze Buch gelesen hat, die Aneinanderreihung der ähnlich gestrickten Geschichten gutheißt oder nicht, ob man sich mit dem Milieu, in dem die Erzählungen spielen, identifizieren mag oder nicht: Schlinks Vortrag hat die Menschen berührt.

Und danach, vor dem Signieren: Zeit für Fragen. Warum schreibt ein Jurist? Und was ist Schlink mehr – Jurist oder Autor? Im Laufe der Zeit habe sich das verschoben, meint Schlink. Sein Erfolg schien und scheint ihn nie irritiert oder beeinflusst zu haben. Er freue sich sehr darüber, dass „Der Vorleser“ so begeistert aufgenommen worden sei. Wie er denn immer wieder zu den Themen Selbsttäuschung und Lügen käme. „Ich weiß es nicht“, sagt Schlink trocken. Generell fänden die Geschichten ihn, nicht er suche die Geschichten. Ein Satz, der wohl eigentlich die Definition sein muss für einen großen Schriftsteller.