Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Der Teufel steckt im Detail
Kultur 1 2 Min. 07.03.2020 Aus unserem online-Archiv

Der Teufel steckt im Detail

Annas (Nina Hoss) Ansprüche sind nicht nur ein Problem für sie selbst, sie wirken sich auch dramatisch auf ihr Umfeld aus.

Der Teufel steckt im Detail

Annas (Nina Hoss) Ansprüche sind nicht nur ein Problem für sie selbst, sie wirken sich auch dramatisch auf ihr Umfeld aus.
Foto: Lupa Film
Kultur 1 2 Min. 07.03.2020 Aus unserem online-Archiv

Der Teufel steckt im Detail

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
„Das Vorspiel“ zeigt das Zerstörerische der Perfektion und überzeugt dank einer umwerfenden Nina Hoss.

Anna Bronsky (Nina Hoss) trägt ihren Violinenkasten wie Jesus sein Kreuz – auf dem Rücken. Die Pein, die er bereitet, ist psychisch und steht der jungen Frau ins Gesicht geschrieben. Spielen hört man Anna nur selten in Ina Weisses „Das Vorspiel“ – und wenn, dann endet es meist in einer Katastrophe. Deshalb beschränkt sich die Mutter von Jonas und Ehefrau des Geigenbauers Philippe auf den Unterricht. Hat der Zuschauer auch Verständnis und Empathie mit dieser getriebenen Musiklehrerin, wirkliches Mitleid kann er für sie nicht entwickeln beziehungsweise verliert es schnell: Denn Annas Obsession nach Perfektion wird zur Qual mit fatalen Folgen – nicht nur im Kriegskontext gibt es „Kollateralschäden“.

360 Videos werden hier nicht unterstützt. Wechseln Sie in die Youtube App, um das Video anzusehen.

Annas musikalische Leidenschaft tut, was ihre Bezeichnung auch verspricht. Sie schafft Leiden und zwar nicht nur für sie selbst, die nie auf der Höhe der eigenen Erwartungen ist, sondern auch für alle, die, wie Trabanten von unsichtbaren Kräften gefangen, um sie herum gravitieren: Schüler Alexander (Ilja Monti), der die Perfektion erreichen soll, die ihr verwehrt geblieben ist; Sohn Jonas (Serafin Mishiev), den die Ambitionen der Mutter immer weiter entfremden, und Ehemann Philippe (Simon Abkarian), der den Alltag mit seinen krankhaften Unsicherheiten bestreiten muss.

Wie ein emotionales schwarzes Loch fesselt Anna alle, die sich ihr nähern, an sich – und unverletzt geht aus dieser Begegnung niemand hervor. Auch nicht Annas Kollege und Liebhaber, der Cellist Christian (Jens Albinus). Alle Figuren, in deren seelische Abgründe Regisseurin Ina Weisse mit ihrer Kamera eintaucht, sind in ihrer Einsamkeit gefangen – und in diesem Vakuum der Nicht-Kommunikation, das die Emotionen für jeden Einzelnen bis ins Unerträgliche steigert, hört niemand die stummen Hilfeschreie des anderen, kann niemand dem anderen helfen.

Nina Hoss trägt die Figur der innerlich zerrissenen Anna, die unweigerlich und immer wieder an ihren Ansprüchen zerschellt, mit einer bestechenden Intensität. An ihrer Seite sind es besonders die beiden Jungdarsteller Ilja Monti und Serafin Mishiev, die durch ihr bemerkenswertes Spiel auffallen.

Die Regisseurin derweil entscheidet sich dazu, die Unfilmbarkeit des Erlebnisses „Musik“ in den Gesichtern ihrer Figuren zu zeigen: Ihr Erleben ist es dann auch erst, das der Geschichte zugleich ihre Vielschichtigkeit gibt und damit den erzählerischen Antrieb emotional noch wirkungsvoller macht.

Unterstützt aus dem Großherzogtum

Und einen Bezug zum Großherzogtum hat die bemerkenswerte deutsch-französische Produktion dann auch noch: Denn die Luxemburger Tarantula übernimmt den Vertrieb – und das ist auch gut so, denn vielschichtigem Erzählkino, wie „Das Vorspiel“ es ist, sollte die notwendige Bühne geboten werden.

Eine passend-anspruchsvolle Ergänzung zum aktuellen LuxFilmFest-Programm, die man trotz Letzterem nicht schmähen sollte! 


Lesen Sie mehr zu diesem Thema