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„Der Name der Rose“ als langsamer Tod
Kultur 2 3 Min. 30.06.2019

„Der Name der Rose“ als langsamer Tod

William von Baskerville – gespielt von John Turturro (r.) – und Adson von Melk (Damian Hartung) gehen im Kloster auf Mörderjagd.

„Der Name der Rose“ als langsamer Tod

William von Baskerville – gespielt von John Turturro (r.) – und Adson von Melk (Damian Hartung) gehen im Kloster auf Mörderjagd.
Foto: 11 Marzo Film/Palomar/TMG
Kultur 2 3 Min. 30.06.2019

„Der Name der Rose“ als langsamer Tod

Daniel CONRAD
Daniel CONRAD
Der Roman von Umberto Eco fixierte Stereotypen, um sie zu brechen. Die neue Serienversion von „Der Name der Rose" aber ist aufgebauschtes Kolorit, das dem Endergebnis keinen richtigen Drive zu geben vermag und sich einfach immer wieder mit seinem filmsichen Vorreiter mit Sean Connery messen lassen muss.

Die Mönche ermitteln wieder – diesmal in neuer Form: Über 30 Jahre nach den letzten Adaptationen des 1980er-Buch-Welterfolgs „Der Name der Rose“ ist nun eine Serie für das Hauptprogramm der italienischen Rai produziert worden – und wird nach der Premiere über die Telefilm München breit vertrieben. Die deutschsprachige Synchronfassung ist aktuell auf Sky zu sehen.

Tatort Kloster

Für jene, die noch nie davon gehört haben, hier die ganz grobe Handlung des Romans aus der Feder des vor drei Jahren verstorbenen Italieners Umberto Eco: 14. Jahrhundert, Spätmittelalter voller Konflikte und Katastrophen; der scharfsinnige Franziskanermönch und ehemalige Inquisitor William von Baskerville kommt mit seinem jungen Schüler Adson von Melk eigentlich zu einem innerkirchlichen Disput zwischen Ordensleuten und Vertretern des Papstes in eine Abtei in Norditalien, die für ihre Bibliothek und ihr Scriptorium berühmt ist. 

 Dort werden die beiden mit ungewöhnlichen Todesfällen konfrontiert – und machen sich auf Bitten des Abtes auf die Suche nach dem Mörder. 

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400 Minuten vs. 129 Minuten

Diesmal als mönchisches Holmes/Watson-Gespann: John Turturro als William von Baskerville und Damian Hardung als Adson von Melk (allein schon an Ecos Namenswahl wird der Bezug zu Conan Doyle deutlich). Der US-Amerikaner John Turturro ist zwar lange im Business, aber in den vergangenen Jahren kaum an Top-Positionen besetzt worden; und der Jungspund Hardung empfiehlt sich durch die äußerst erfolgreiche deutsche Serie „Club der roten Bänder“, sein zur Figur passendes Milchbubigesicht und akzentfreies Englisch, in dem gedreht wurde. 


Umberto Eco war am Freitag vor einer Woche im Alter von 84 Jahren in Mailand gestorben.
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Und was hat sich eine Generation später in puncto Adaptation verändert? Zunächst einmal die Form: In acht Folgen à rund 50 Minuten erlaubt sich die Serie mehr Raum. 400 Minuten also – das ist schon deutlich mehr als die 129 Minuten, die Jean-Jacques Annaud – damals produziert von Deutschlands Filmpapst Bernd Eichinger – 1986 für seinen Streifen mit Sean Connery und Christian Slater in den Hauptrollen ausschöpfen durfte.

Auch wenn dieser Film im Vergleich zum Buch umstritten blieb, sind dessen mystische Bildsprache, die Schauspieler und die Filmmusik von James Horner, die schlicht diese Droh- und Thrillerkulisse unglaublich zu verstärken wusste, einfach bis heute markant.

Umberto Ecco geht anders

Und für die, die den Film kennen, liegt der Vergleich nahe. So wird generell die Bewertung der Zuschauer von der Vertrautheit mit der Vorlage und dem Annaud-Film abhängen. Letztlich wirkt die Serie auf jeden Fall nicht ganz „State of the Art“. Als neue Reihe im Krimigenre hat sie oft ein zu betuliches Tempo. Schock und Thrill gehen heute eben anders. Die Tragweite der Todesfälle und die Dramatik wird einfach nicht deutlich. 

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Aber dann könnte die Serie ja vielleicht ganz andere Akzente gegen den Trend setzen: zeitlicher Raum zum Beispiel für die Schwerpunkte, die Ecos Roman neben der Kriminalhandlung auszeichnen – wie die Armutsdebatte der mittelalterlichen Kirche oder die vielen Anspielungen, die der Mittelalterexperte und Linguist Eco in seiner Fassung versteckt hatte? Nein, auch da geht die Adaptation nicht so wirklich auf den Roman ein – ausgenommen vielleicht von einer Kamerafahrt über das Kirchenportal mit seinem Weltuntergangsszenario, dessen Wirkung im Gegensatz zum Buch aber nicht verständlich ist.

Nicht genügend Drive

Vielmehr erweitert die Serie mit Nebensträngen und Flashbacks die Geschichte der Charaktere über den Roman hinaus: Den Papst in Avignon und seine Rolle, die Härte des Inquisitors Bernardo Gui, der als dessen Vertreter, die „Soldatengeschichte“ des Adson von Melk und die Probleme mit seinem Vater, die „Verbrechen“ der als Ketzer geschmähten Sekte um Fra Dolcino und damit die Vorgeschichte der Mönche Remigio und Salvatore, die unter Mordverdacht geraten.


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Geht das denn auf, macht das die Serie spannender? Der Roman fixierte Stereotypen, um sie zu brechen. Hier ist es aufgebauschtes Kolorit, das dem Endergebnis keinen richtigen Drive zu geben vermag. Der Zuschauer fiebert zu wenig mit oder kann sich nicht wirklich mit Rollen identifizieren.

Und die Technik? Kamera, Licht, Requisiten, Ausstattung und Kostüm? Dieses Kloster wirkt geradezu geleckt sauber – wie auch die Schauspieler. Kantigkeit fehlt. In der Summe ist das nett zu schauen, aber keine Großtat für eingefleischte Streaming-Fans.


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