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Der Messias aus der Matrix
Kultur 2 5 Min. 31.03.2019 Aus unserem online-Archiv

Der Messias aus der Matrix

Als Trinity, Neo und Morpheus in „The Matrix“ schrieben Carrie-Anne Moss, Keanu Reeves und Laurence Fishburne (v.l.n.r.) 1999 Filmgeschichte.

Der Messias aus der Matrix

Als Trinity, Neo und Morpheus in „The Matrix“ schrieben Carrie-Anne Moss, Keanu Reeves und Laurence Fishburne (v.l.n.r.) 1999 Filmgeschichte.
Foto: Warner Bros.
Kultur 2 5 Min. 31.03.2019 Aus unserem online-Archiv

Der Messias aus der Matrix

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
Das filmische Jubiläum, das „The Matrix“ in diesem Jahr feiert, macht all seine ersten Zuschauer nicht jünger. Aber dass die mitreißende Ästhetik und das ebenso tiefgründige erzählerische Grundkonstrukt einen bleibenden Eindruck hinterließen, zeigt, dass der Film alle Qualitäten eines zeitlosen Meilensteins der Filmgeschichte hat.

Was, wenn alles, was uns als Realität umgibt, nur ein ferngelenkter Traum ist, und wir Menschen in Wirklichkeit nichts anderes sind als willenlose Wegwerfbatterien, gefangen in einer von seelenlosen Maschinen regierten Welt? 

Und was, wenn dieser Albtraum, frei nach der Maxime „Ignorance is bliss“ – „Unwissenheit ist ein Segen“ – dann am Ende auch noch die angenehmere Option ist, verglichen mit der lebensgefährlichen Revolte gegen die Maschinen, die den Menschen von der Spitze der Evolutionsleiter heruntergestoßen haben?

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20 Jahre ist es her, dass „The Matrix“ Zuschauer weltweit mit folgendem unbequemen Dilemma konfrontierte: kuschen oder kämpfen. Damals wie heute lässt sich seine Auflösung also auf nur diese zwei möglichen Antworten reduzieren: auf- bzw. klein beigeben oder eben den gefährlichen Befreiungsschlag wagen, so aussichtslos er auch scheinen mag.

Mensch gegen Maschine

Das filmische Jubiläum, das der Opus des Regie führenden Wachowski-Duos in diesem Jahr feiert, macht all jene Zuschauer zwar nicht jünger, bei denen seine mitreißende Ästhetik und sein ebenso tiefgründiges wie vielschichtiges erzählerisches Grundkonstrukt damals einen bleibenden Eindruck hinterließen, zeigt aber gleichzeitig auf, dass „The Matrix“ alle Qualitäten eines zeitlosen Meilensteins der Filmgeschichte hat. 


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Warum und vor allem wie gelang aber diesem Werk, was anderen mit ähnlichen Prämissen – dem Kampf zwischen Mensch und Maschine mitsamt messianischen Erlöserfigur, wie sie beispielsweise auch „The Terminator“ bereits aufgriff, – nicht vermochten?

Dafür gibt es gleich mehrere Gründe, die sich in drei zentrale Aspekte zusammenfassen lassen: perfektes Timing, erzählerische Tiefgründigkeit und atemberaubend markante Bildsprache.

Angst ist ein fruchtbarer Boden

„The Fight for the Future Begins“ – so die Tagline des Films – am 31. März 1999 als „The Matrix“, nach seiner Premiere, eine Woche zuvor im kalifornischen Westwood, in den amerikanischen Kinos anläuft. Der perfekte Zeitpunkt, steht doch auch der Jahrtausendwechsel vor der Tür: Das Grundklima der latenten Angst vor dem herannahenden Y2K und dem befürchteten Millennium-Bug, sprich das Versagen vieler Computersysteme, sind der fruchtbare Boden auf den die Geschichte des unscheinbaren Angestellten Thomas Anderson (gespielt von Keanu Reeves) fällt, der als Neo ein Hackerdoppelleben führt und sich ungefragt in der Erlöserrolle im Krieg gegen die Maschinen wiederfindet.

Und die Matrix in dem Ganzen? Sie ist das von den Maschinen entwickelte Computerprogramm in dem die Menschen eingelullt in einer scheinbaren Normalität leben.


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Schnell erobert diese doppelte Verankerung – in der faktischen Aktualität und zugleich dem gefühlsgesteuerten kollektiven Bewusstsein – dem Werk eine internationale Fangemeinschaft. 

Die auf prägnanten, klar typisierten Stereotypen fußende Figuren – Neo als Messias-ähnlicher Retter, Trinity (Carrie-Anne Moss) als seine opferbereite Weggefährtin, der unbeugsame Rebellenführer Morpheus (Laurence Fishburne), ihrer aller Gegenspieler Agent Smith (Hugo Weaving) oder noch der an den Archetyp des Judas angelehnte Verräter Cypher (Joe Pantoliano) – tragen individuell ihren Teil dazu bei, dass die Identifikation beim Zuschauer überaus wirksam greift.

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Das erzählerische Gedankenspiel entwickelt dabei seine volle Wirkungskraft dank seiner Vielschichtigkeit, die dem Universum der Matrix zugleich Komplexität und Lebendigkeit verleiht deren Sogkraft an die von „Star Wars“ oder „Dune“ erinnert.

Große existenzielle Fragen

Nicht von ungefähr fiebern Millionen Zuschauer der Weiterführung bzw. dem Abschluss der Trilogie in den beiden Folgefilmen entgegen.

Zuletzt lässt sich die Faszination, die der Film auslöst aber auch dadurch erklären, dass „The Matrix“ bei seiner Themenwahl aus den großen existenziellen Fragen, wie nach dem Sinn des Lebens, dem freien Willen, dem Selbstzweifel und der Verantwortung des Einzelnen, schöpft. Dabei fließen eine Vielzahl philosophischer, literarischer und religiöser (Vor-)Bilder mit ein und trotzdem präsentiert sich der Film als kohärente, in sich schlüssige Einheit.


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Der Zuschauer kann also in „The Matrix“ eintauchen und die Geschichte genießen, selbst dann, wenn er den Brückenschlag zu Platons Höhlengleichnis nicht erkennt, die Referenzen zum christlichen und buddhistischen Glauben nicht deuten kann, die Analogien zu Alices weißem Kaninchen nicht sieht oder die Anspielungen an Jean Baudrillards „Simulacres et Simulation“ nicht auszulegen versteht.

Die rote oder die blaue Pille?

Die philosophische und religiöse Dimension des Films funktioniert, weil das Drehbuch sie nicht ständig zu erklären versucht – und dem Publikum komplett frei die Interpretationshoheit überlässt.

Ein weiteres Erfolgsrezept des Films sind seine starken, einprägsamen Bilder, die es dem Zuschauer leicht machen, sich in die dystopische Welt des Endkampfes zwischen Mensch und Maschine hineinzuprojizieren.


Zur ARTE-Sendung
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5: "Dave" (Keir Dullea) kurz vor Antritt seiner Mission.
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Paradebeispiel hierfür ist die Allegorie der roten und der blauen Pille: Erstere zeigt die schonungslose Wahrheit, letztere lässt den, der sie einnimmt in seliger Unwissenheit weiterschlummern. Bezeichnend ist, dass das Regie-duo Wachowski – damals zwei Brüder, heute die Schwestern Lilly und Lana – im Interview verriet, dass sie selbst sich für die blaue Pille entschieden hätten. Nicht weniger markant dürfte übrigens auch der Einfall eines Löffels – und dem passenden „There is no spoon“ – sein, um die Lüge allen Seins zu versinnbildlichen.

Umwelt- und Genderprobleme sind geblieben

Erschreckend und aus der heutigen Perspektive zugleich enttäuschend aktuell mutet an, wie wenig Umwelt- und Genderproblematik, die schon damals verarbeitet wurden, sich 20 Jahre später weiterentwickelt haben. Agent Smiths Aussage „Menschen sind eine Krankheit, der Krebs dieses Planeten. Sie sind eine Seuche und wir das Heilmittel“ oder Neos Staunen darüber, dass der Hacker, der die Bundessteuerbehörde IRS lahmlegte ...eine Frau ist: „Jesus (...) I just thought you were a guy“ haben 2019 einen noch schaleren Nachgeschmack als schon 1999.

Doch nicht nur am Inhalt, auch an der formalen Verpackung von „The Matrix“ ist die Zeit erstaunlich spurlos vorbeigegangen. Geradezu visionär mutete damals die Inszenierung der Actionszenen mit der markanten Ästhetik des „Bullet Time“, eine Art Zeitlupe, an – wohl wahrscheinlich deshalb wirkt sie heute noch so modern.


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Weil sie unbedingt den Hong-Konger Stunt-Experten Woo-Ping Yuen, der später ebenfalls die Kampfszenen der beiden Nachfolgewerke choreografierte, verpflichten wollten, gab die Regisseure ihm freie Hand – und alle von ihm gewünschten Mittel. Und das Resultat lässt sich heute noch sehen und scheut keinen Vergleich mit modernster CGI-Technik.

So ist „The Matrix“ auch heute noch spannend, unterhaltsam, fordernd und auch betroffen machend – und wird es auch in Zukunft bleiben. Auf die existenzielle Frage „In a world of 1s and 0s ...are you a zero, or The One?“ muss ein jeder Zuschauer selbst seine Antwort finden.


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