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Der Mann der Stunde
Leitartikel Kultur 2 Min. 29.10.2018

Der Mann der Stunde

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
Superjhemps Sprung auf die Leinwand ist nicht nur die Rettung des Kleinherzogtums, sondern auch eine Chance für das Großherzogtum.

Luxemburgs Hausmacher-Held Superjhemp macht den Sprung vom Bücherregal auf die Leinwand und ist am Ende nicht nur die Rettung des Kleinherzogtums, sondern auch eine unverhoffte Chance für das Großherzogtum. Im Film werden nach jahrelanger, selbstauferlegter Zwangspensionierung seine Superkräfte erneut gebraucht, um Monarchie, Land und Leute vor dem Untergang zu bewahren. Im richtigen Leben könnte er ein neues Selbstwert-, gar Identitätsgefühl vermitteln, dessen Notwendigkeit u.a. die Sprachdebatte um das Luxemburgische verdeutlicht. Über seinen unterhaltsamen Charakter hinaus ist „De Superjhemp retörns“ der Beweis für die Relevanz künstlerischer Ausdrucksformen und deren gesellschaftliche Wirkkraft.

Seit er am vergangenen Mittwoch in den Kinos angelaufen ist, haben 8 751 Zuschauer Regisseur Félix Kochs Film, der mit 2 564 998 Euro vom Film Fund unterstützt wurde, gesehen: ein vielversprechender Start. Im Vergleich: Laut einer Bestandsaufnahme des Centre national de l'audiovisuel vom Juli 2018 zog „Le club des chômeurs“ (2002), als bislang erfolgreichster Luxemburger Film in Sachen Kinobesucher, ganze 33 816 Zuschauer an. Nur die AFO-Produktion „Congé fir e Mord“ aus dem Jahr 1983 soll laut Produzentenangaben mit 42 619 Zuschauern noch größeren Anklang beim Publikum gefunden haben.

Die Beliebtheit der Comicfigur, die Autor Lucien Czuga und Zeichner Roger Leiner 1988 schufen, und eine geschickt orchestrierte Medien- und Marketingkampagne allein erklären diesen Publikumszuspruch nicht. Vielmehr ist letzterer Zeichen dafür, dass hier einem tiefgründigen, emotionalen Bedürfnis in der Zuschauerschaft entsprochen wird. Denn Superjhemp alias Charel Kuddel ist der Mann der Stunde: ein Held mit Wohlstandsbäuchlein, sich lichtendem Haar und biederem Beamtendasein, den eine eheliche Beziehungsflaute plagt und der weder den pubertierenden Sohn noch die schöne, neue Technikwelt versteht – keine wirkliche Identifikationsfigur und doch ein Archetyp, in dem viele sich wiederfinden.

In all seiner Unzulänglichkeit ist er aber vor allem genau die Art von Vorbild, die wir heutzutage dringender brauchen als je zuvor. Denn er entspricht nicht dem aktuellen Zeitgeist des stetigen Wettstreits mit sich und der Welt, sondern hebelt die Diktatur des Konkurrenzdenkens mit Humor und Biss aus. Seine Figur erlaubt dem Zuschauer, einen Schritt neben sich zu treten und sich einen Augenblick lang – ganz ohne Scheuklappen und Scham – selbstironisch und -kritisch zu betrachten. Nicht nur der Selbstzelebrierung des selbstoptimierten Individuums, die durch Gruppendynamik schnell die hässlichen Züge eines narzisstischen Nationalismus und einer oft damit einhergehenden Fremdenfeindlichkeit annimmt, bietet der mängelbehaftete Superheld somit Paroli; er schafft auch das verbindende Gefühl einer Gemeinschaft, das lehrt, die eigenen Fehler zu erkennen und bestenfalls über das beengende und Frust generierende Kleinbürgertum des „Maach wéi d'Leit, da geet et dir wéi de Leit“ hinauszuwachsen und den rettenden Notausgang aus dem Mittelmaß zu erreichen.

Superjhemp ist nicht zuletzt das noch viel dringlichere Nation Branding nach innen hin, das ein positives, generationsübergreifendes Nationalgefühl schaffen und die heutzutage unverzichtbare Lektion lehren kann, dass nicht das Kostüm den Superhelden macht, sondern die Arbeit, die sein Träger hineinsteckt.

vesna.andonovic@wort.lu