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Der Mann, der die Beatles ablehnte
Kultur 2 4 Min. 01.01.2022 Aus unserem online-Archiv
60 Jahre "Decca Auditions"

Der Mann, der die Beatles ablehnte

Nach dem Vertrag mit Parlophone: Die Beatles mit Ringo Starr (2.v.l.) im Jahr 1962.
60 Jahre "Decca Auditions"

Der Mann, der die Beatles ablehnte

Nach dem Vertrag mit Parlophone: Die Beatles mit Ringo Starr (2.v.l.) im Jahr 1962.
Foto: dpa
Kultur 2 4 Min. 01.01.2022 Aus unserem online-Archiv
60 Jahre "Decca Auditions"

Der Mann, der die Beatles ablehnte

Tom RÜDELL
Tom RÜDELL
Am 1. Januar 1962 spielten die Beatles beim Plattenlabel Decca Records vor. Dessen Manager Dick Rowe traf eine millionenschwere Fehlentscheidung. Seine Antwort "Gitarrenbands sind aus der Mode" wurde zum geflügelten Satz.

Dick Rowe wäre wahrscheinlich lieber anders in gleich mehrere Geschichten eingegangen. Statt dessen steht der 1986 verstorbene britische Musikmanager seit mittlerweile fast 60 Jahren als der Mann in den Büchern, der nicht nur einen der popkulturell schwerwiegendsten Fehler zu verantworten hat, sondern damit auch noch einen geschätzt dreistelligen Millionenbetrag aus dem Fenster warf. Rowe, damals Anfang 40, ist bis in alle Ewigkeit „der Mann, der die Beatles ablehnte“ und das auch noch selbstsicher, aber grundfalsch begründete. Und das kam so: 

Ende 1961, genauer am 9. November, traf ein junger Schallplattenverkäufer namens Brian Epstein im Liverpooler Cavern Club zum ersten Mal auf eine noch jüngere Band: die Beatles. Epstein, der in den Möbel- und Elektrogeschäften seiner Eltern in Liverpool bereits erfolgreich Schallplattenabteilungen eingeführt hatte, wurde der Manager der talentierten, aber noch etwas richtungslosen Gruppe. 


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Die Beatles, damals noch mit Pete Best am Schlagzeug, waren von ihrem Gastspiel auf der Hamburger Reeperbahn zurück und schickten sich jetzt an, in England durchzustarten. Was noch fehlte war ein Image, und das wollte und konnte Epstein, der anstatt Möbelverkäufer lieber Schauspieler oder Modedesigner geworden wäre, liefern. Was er auch liefern sollte, war ein Plattenvertrag in England, nachdem der deutsche Vertrag aus der Hamburger Phase der Beatles mit dem deutschen Label Polydor Records im Sommer 1961 ausgelaufen war. Epstein hatte für diese Verhandlungen gute Karten: Die Anzahl der Plattenläden im Epsteinschen Familienbesitz war mittlerweile auf neun gewachsen, das bedeutete einen Lagerbestand von rund einer halben Million Platten - Tendenz steigend. 

Auf seiner Tour durch die Vorzimmer der Plattenfirmen geriet er an Mike Smith von Decca Records, den er für den 13. Dezember 1961 in den Cavern Club zu einem Beatles-Konzert einlud. Smith war ähnlich beeindruckt, wie es Epstein fünf Wochen zuvor gewesen war und erklärte sich bereit, die Beatles für Probeaufnahmen nach London einzuladen - am Neujahrstag 1962, damals noch kein gesetzlicher Feiertag in Großbritannien. 

Nervöses Debüt

Die Band packte ihr Material in einen Kleintransporter und fuhr nach Süden. Zehn Stunden dauerte die Fahrt von Liverpool nach London. Und so waren die späteren „Fab Four“ nicht eben in Bestform, als sie unter der Produktion von Mike Smith 15 Songs innerhalb einer Stunde aufnahmen - live, ohne Nachbearbeitung oder zweite Anläufe. In einem echten Tonstudio waren sie vorher noch nie gewesen, die Nervosität ist den Aufnahmen anzuhören. Dennoch geht man zuversichtlich auseinander, Smith ist überzeugt, seinem Boss Dick Rowe einen Treffer präsentieren und den Beatles einen Vertrag anbieten zu können. 

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Doch Dick Rowe, der damalige Leiter der Abteilung „Artists and Repertoire“ bei Decca, sieht das grundlegend anders. Aus zwei Bands, die am gleichen Tag für Decca Probeaufnahmen machten, entscheidet er sich gegen die Beatles aus Liverpool und für Brian Poole & the Tremeloes aus London. Rowes arrogante Absage geht in die Geschichte ein: „Gitarrenbands sind aus der Mode, Herr Epstein“ ("Guitar groups are on their way out, Mister Epstein") soll er gesagt haben - was er später bestreitet. Man habe sich von der Londoner Band eine einfachere Zusammenarbeit versprochen und sich deshalb für Brian Poole entschieden, so Rowe. 

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So oder so, die Entscheidung steht - und sie kostet Decca Millionen. Brian Poole & The Tremeloes bescheren dem Label zwar im Herbst 1963 mit „Do You Love Me“ einen Nummer-eins-Hit in den britischen Singlecharts, bleiben ansonsten aber farblos. Was die Beatles nach dem 1. Januar 1962 erwirtschaften, muss wohl nur der Vollständigkeit halber erwähnt werden. Nach Zählung der Website officialcharts. com alleine für die Single-Charts des Vereinigten Königreichs: 17 Songs auf Platz 1, 28 Songs in den Top 10, 65 Wochen auf Nummer 1. In den Albumcharts: 16 Alben auf Platz 1, 34 in den Top 10. 176 Wochen auf Nummer 1. 

Der Weg in die Abbey Road

Nutznießer von Rowes Schnitzer ist sowohl die direkte Konkurrenz als auch die Popmusik als Ganzes: Nach einigen weiteren erfolglosen Gesprächen mit verschiedenen Firmen landen die Beatles schließlich am 6. Juni 1962 in den Abbey Road Studios zu Probeaufnahmen für Parlophone - und treffen hier auf dessen Labelchef George Martin. Dieser hatte Epstein bereits kurz zuvor auf Grundlage der „Decca Tapes“ einen Vertrag zugeschickt, unterschrieb aber selbst erst, als er die Band persönlich im Studio gehabt hatte. 


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Es ist ein folgenschweres Aufeinandertreffen: Der Plan, Drummer Pete Best zu ersetzen geht auf den erfahrenen Produzenten Martin zurück, ebenso wie zahlreiche weitere Eingriffe am Beatles-Sound. Im Laufe der Zusammenarbeit wird Martin zum „fünften Beatle“, der aktiv in Komposition und Arrangement eingreift und zudem die damals noch recht rudimentäre Studiotechnik maßgeblich voranbringt - eine Kombination, die ohne Dick Rowes „Gitarrenbands sind aus der Mode, Herr Epstein“ nie zustande gekommen wäre. 

Wahrscheinlich beißt er sich in den A... 

Paul McCartney über Dick Rowe

George Martin selbst ergriff übrigens später sehr gentlemanlike Partei für seinen Konkurrenten Rowe: „Er wird das Kreuz dieser Ablehnung bis an sein Lebensende tragen. Aber das ist nicht ganz fair, denn es hatten ja alle die Beatles abgelehnt.“ Paul McCartney formulierte es weitaus prosaischer, indem er darüber spekulierte, in welchen Körperteil sich Rowe wahrscheinlich gebissen hat, nachdem ihm das Ausmaß seiner Entscheidung klar wurde. Zumindest finanziell konnte Dick Rowe seinen Fehler aber wieder einigermaßen ausbügeln: 1963 fädelte er die Zusammenarbeit zwischen Decca und den Rolling Stones ein, die ihm immerhin bis 1971 treu blieben.

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