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Der Fall Rushdie
Leitartikel Kultur 2 Min. 14.02.2019

Der Fall Rushdie

Der Protest gegen Salman Rushdies "Die satanischen Verse" reichte bis nach Manila: 1989 forderten dort Demonstranten seinen Tod.

Der Fall Rushdie

Der Protest gegen Salman Rushdies "Die satanischen Verse" reichte bis nach Manila: 1989 forderten dort Demonstranten seinen Tod.
AFP
Leitartikel Kultur 2 Min. 14.02.2019

Der Fall Rushdie

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
Bücher sind gefährlich. Manchmal können sie sogar tödlich sein. Und zwar nicht nur dann, wenn ihr Inhalt religiöser Natur ist und er von Extremisten gerade mal so ausgelegt wird, wie es ihren Zwecken am besten passt. Daran erinnert ein trauriges Jubiläum, das sich heute auf den Tag zum 30. Mal jährt.

Am 14. Februar 1989 rief in Teheran Staatsoberhaupt Ajatollah Khomeini mit einer Fatwa zur Ermordung des Schriftstellers Salman Rushdie sowie aller an der Veröffentlichung seines Romans „The Satanic Verses“ Beteiligten auf. Fortan musste Rushdie mit Leibwächtern im Versteck leben, sein Werk wurde öffentlich verbrannt, Bücherläden wurden zum Ziel von Sprengstoffanschlägen, Übersetzer und Verleger weltweit ermordet beziehungsweise schwer verletzt.


Der britisch-indische Autor Salman Rushdie wurde für ein Buch zum Tode verurteilt.
Für Gegner von Salman Rushdie verjährt Blasphemie nie
Manche Bücher sagen jedem etwas, auch wenn sie nicht jeder gelesen hat. „The Satanic Verses“ sind so ein Fall. Vor 30 Jahren veränderte dieser Roman das Leben seines Autors Salman Rushdie.

Obwohl sich die iranische Regierung 1998 von der Fatwa distanzierte, schwebt das Damoklesschwert noch immer über dem Autor: Das für Rushdie ausgesetzte Kopfgeld ist von ursprünglichen 600.000 auf inzwischen vier Millionen US-Dollar angewachsen. Auch in den USA, wo er seit 2002 ohne Personenschutz lebt, ist er wohl nicht sicher vor religiösen Fanatikern, deren Eifer die Aufmerksamkeit des Jahrestages erneut entfachen kann.

Nicht nur deshalb müssen die Alarmglocken heute ebenso laut läuten wie vor 30 Jahren: Wenn Bücher und Kultur zu Zielscheiben ideologischer Angriffe werden, ist nämlich nicht allein die Freiheit der Gedanken in Gefahr, die Zukunft der Gesellschaft steht auf dem Spiel. Auch wenn diese Art der Bedrohung freilich nicht neu ist, wie u.a. der „Index librorum prohibitorum“ der katholischen Kirche oder die Bücherverbrennungen der Nationalsozialisten verdeutlichen. In Zeiten sozialer Medien ist die Gefahr nämlich umso akuter: Dabei wirkt Lesen dem Hüftschuss der Empörungskultur effektvoll entgegen, da es Reflektion fordert und den kritischen Geist schärft.

Lesen wirkt dem Hüftschuss der Empörungskultur effektvoll entgegen, da es Reflektion fordert und den kritischen Geist schärft.

Welche Lektionen können wir nun aus dem „Fall Rushdie“ 30 Jahre später noch ziehen? Erstens einen zeitlosen Befund: So mancher schmückt seine Visitenkarte gerne mit Kultur. Internationale Solidaritätsbekundungen mit dem Schriftsteller gab es damals wie heute viele: Vertreter unterschiedlicher Nationen und aller Couleur verurteilten die Fatwa im Namen der Meinungs- und Redefreiheit. Gerne machen sich auch Politiker zu Verfechtern von Literatur, Kunst und Kultur und unterstreichen unisono ihre Wichtigkeit für die Entwicklung des Einzelnen und den Zusammenhalt des Ganzen.


Im Februar 1989 erhitzte Salman Rushdie mit seinem Werk "The Satanic Verses" die Gemüter.
Kopfgeld für Rushdies Verse
Würden sie als Autor ihr Leben für ein verfemtes Buch aufs Spiel setzen? Luxemburgs Literaturszene befragt ihr Gewissen - 30 Jahre nach der Fatwa gegen Salman Rushdie.

Die zweite Lehre ist demnach eine Einforderung: Wer sich all dies auf die Fahne schreibt, darf nicht nur in Krisenzeiten mit bedeutungsschwangeren Sprachblasen als rettender (Kreuz-)Ritter in glänzender Rüstung auftreten, wissentlich, dass auf viele Worte meist wenig Taten folgen. Er muss Literatur, fernab medienwirksamer Auftritte, im Alltag unterstützen indem er beispielsweise gezielt ihren gesellschaftlichen Stellenwert durch schulische Vermittlung steigert. Nur so können auch Bücher wirken – als Hüter von Vergangenem und Wegbereiter für Kommendes.

Die dritte Lektion ist eine wichtige Anmahnung: Bücher bieten Momente des bewussten Rückzugs aus der täglichen Hektik, bei denen es um die Begegnung mit Gedankenwelten und den taktilen Kontakt selbst geht. Wer liest, entdeckt und erfährt, hinterfragt und versteht, staunt und ärgert sich – und hat dabei sein Schicksal in der Hand. Spätestens hier sind wir an genau dem Punkt angelangt, der Bücher wirklich gefährlich macht: Sie können vielleicht nicht die Welt, sehr wohl aber einen Menschen verändern. Und damit fängt alles an.

vesna.andonovic@wort.lu

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