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Das Geheimnis des kleinen Elefanten
Kultur 6 1 8 Min. 05.07.2018 Aus unserem online-Archiv

Das Geheimnis des kleinen Elefanten

Das Geheimnis des kleinen Elefanten

Foto: Matic Zorman
Kultur 6 1 8 Min. 05.07.2018 Aus unserem online-Archiv

Das Geheimnis des kleinen Elefanten

Sarah ROCK
Sarah ROCK
Wirft man einen Blick auf die Geschichte der Farbsymbolik, wird Violett oft mit Schwermut und Isolierung assoziiert. Kein Wunder also, dass „Der Spiegel“ schon mal „Violett für Melancholiker“ titelt. Dabei ist die Farbe weit vielfältiger als das – und fasst Regen, ein Kuh und sogar einen kleinen Elefanten.

Lila oder Violett – alleine die Bezeichnung der Farbe ist eine Wissenschaft für sich. Gibt man den Begriff „Lila“ bei Google ein, erscheint gleich ein Eintrag über die „Syringa vulgaris“, auf Hochdeutsch: Flieder. Bei „Violett“ schlägt die Suchmaschine auch einen Artikel zu einer Blumenart vor: das Veilchen. Die Farbe Lila stellt unmittelbar eine Assoziation zur Natur her, genauer gesagt zu einem optischen, ästhetischen Aspekt der Natur. Und zugegeben: Es steigt gleich ein ganz besonderer, blumiger Duft in die Nase. Nicht zu vergessen sind die weiten, geradezu betörenden, in tiefem Violett schimmernden Lavendelfelder der Provence. Die Farbe Lila arbeitet mit Sinnlichkeit – das ist ihre Stärke.

Die Sinne stimuliert hat auch die Herstellung der Farbe Lila im antiken Libanon – beliebt war sie nämlich bereits bei den Phöniziern. Fotograf Franz Immoos beschreibt in seinem Buch „Farbe: Energie der Farbe“, wie man den Farbton aus dem Schleim einer Schneckenart gewann, den Stachelschnecken – die Phönizier glaubten, der lila-purpurne Ton stamme vom Blut der Schnecken. Die Herstellung hatte es in sich, denn man ließ die gesammelten Schnecken anfaulen, um mehr Schleim zu gewinnen, der für die Herstellung der Farbe ausschlaggebend war. Das hatte allerdings nichts von blumigem Parfum des Flieders, Veilchens oder Lavendels – der Gestank muss fast unerträglich gewesen sein. Im alten Libanon unterschied man bei der Farbherstellung auch ganz bewusst zwischen purem Rot und dem besonderen Dunkelrot – dem Violett.

Bunter Dualismus

Lila oder Violett sind keine Primärfarben, sondern eine Mischung aus Rot, einer warmen und Blau, einer kalten Farbe: die Verschmelzung eines Gegensatzes. Einige Theorien gehen noch weiter in ihrer Analyse und unterscheiden zwischen Rotviolett als aktiv-warme, weiblich kodierte und Blauviolett als passiv-kalte, männlich kodierte Farbe. Wohl deshalb wurde Lila zum Symbol des Feminismus – welche Farbe könnte die Konflikte zwischen Mann und Frau besser darstellen?

Johann Wolfgang von Goethe, der in seiner Farbenlehre von 1810 bereits die verschiedenen Stufen der Farbe unterscheidet, spricht von „Rotblau“: „Es hat eine steigernde Wirkung und hat durchaus etwas Wirksames. Es macht unruhig. Verdünnt ist es Lila und hat so etwas lebhaftes und fröhliches.“ Goethe, der in der Wissenschaft der Farbsymbolik bestens bewandert war, bezieht sich nicht nur darauf, dass Farben bestimmte Stimmungen erzeugen und eine Atmosphäre schaffen können. Interessant ist vor allem, dass er den Tönen unterschiedliche Wirkungen zuspricht. In seinem Farbkreis charakterisiert er die rotblaue, also dunklere Farbnote mit den Wesenszügen „melancholisch“ und „Phantasie“.

Dass Violett neben Blau die Farbe für Tiefenwirkung ist und Künstler wie Marc Chagall, Gustav Klimt oder Franz Mark sie für die Darstellung des Unbewussten und Fantasievollen verwendeten, liegt Goethes Wesenszuordnung für den Farbton also nicht fern. Lila und Violett laden zum Träumen ein; die Künstler aus den unterschiedlichsten Kunstsparten nützen diese Symbolkraft. Lange muss man nicht suchen, um auch in der zeitgenössischen Popkultur dem besagten Farbton zu begegnen. Der Ohrwurm „Lila Wolken“ von Marteria, Yasha und Miss Plantum aus dem Jahr 2012 sollte spätestens mit den Zeilen des Refrains „Wir bleiben wach bis die Wolken wieder lila sind!“ bei den meisten den Aha-Effekt auslösen. Das hellere, oder – hält man es mit Goethe – „verdünnte“ Rotblau steht für Romantik, Träumerei, Heiterkeit und Aufbruch.

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Die ambivalenten Bedeutungsebenen weiß auch Alice Walker in ihrem Roman „The Color Purple“ von 1982 einzusetzen: Die Amerikanerin gewann 1983 den Pulitzer-Preis für Belletristik und Steven Spielberg führte Regie bei der 1985 erschienenen Verfilmung mit Whoopi Goldberg und Oprah Winfrey in den Hauptrollen. Der Film ging mit elf Oscarnominierungen ins Rennen. Lila steht in der Geschichte sowohl für das Leiden – die Haut der jungen Celie verfärbt sich lila, wenn ihr gewalttätiger Ehemann sich an ihr vergeht. Gleichzeitig sind die violetten Blumenfelder eine Metapher dafür, dass selbst in einem scheinbar trost- und auswegslosen Alltag Schönheit existieren kann, wenn man sie nur wahrnimmt und zulässt. 

 Geradezu mysteriös und hypnotisierend ist die Wirkung des „Lilac Wine“ – der Text wurde 1950 von James Shelton verfasst und von Größen wie Nina Simone oder Jeff Buckley interpretiert. Mit Phrasen wie „I lost myself on a cool damp night/ I gave myself in that misty light/ Was hypnotized by a strange delight/ Under a lilac tree“, wird klar, dass Lila für Verführung, Schwermut und Sehnsucht steht. Auch der King of Pop – nein, nicht Michael Jackson, sondern Prince – hat sich 1984 in einem der bekanntesten Lieder der Musikgeschichte, „Purple Rain“, mit der Bedeutung der Farbe Violett auseinandergesetzt.

Foto: Matic Zorman

Differenzieren sollte man dabei zwischen dem englischen „Purple“ und dem deutschen „Purpur“: Während Purpur auf ein rotes Violett hinweist, bezeichnet Purple die bläuliche, dunklere Variante. Obwohl der Kommentar von Prince zu seinem eigenen Text, nämlich: „When there's blood in the sky – red and blue = purple ... purple rain pertains to the end of the world and being with the one you love and letting your faith/god guide you through the purple rain“, bis heute Rätsel aufgibt, so kann man trotzdem erkennen, dass auch er über das Wesen der besagten Farbe nachgedacht hat und sich bewusst ist, dass der Farbton auf Gegensätzen aufbaut und sie immer miteinander verbindet. In „Purple Rain“ wäre das der blaue Himmel und das rote Blut.

Rot, Blau oder Violett

Setzt man sich mit Lila oder Violett auseinander, stößt man auf Widersprüche – alleine die Begriffsähnlichkeit von „Purple“ und „Purpur“ stiftet Verwirrung. Dabei war violettes Purpur nicht nur bei den Phöniziern beliebt und kostbar – auch das Christentum sprach und spricht der Farbe eine besondere Bedeutung zu. Warum tragen Bischöfe bis heute ein tiefes Violett, obwohl violett-rotes Purpur eigentlich feierlicher wirkt und Macht symbolisiert?

Im alten Rom war es ausschließlich dem Kaiser, später dann auch den Kardinälen erlaubt, purpurne Umhänge zu tragen, so Franz Immoos in seinem Buch. Kleideten sich Menschen niederen Standes in dieser Farbe, wurde ihnen die Todesstrafe auferlegt. 300 n. Ch. wurde die Farbherstellung von Purpur sogar zum kaiserlichen Monopol, bis das weströmische Reich zerbrach und die Farbateliers nach Byzanz – später Konstantinopel, heute Istanbul – kamen.

Auch im Mittelalter war die Hierarchie der Farben klar definiert: Das blau-violette Purpur wurde immer stiefmütterlich behandelt und als billigere Variante der kostbaren violett-roten Farbe abgestempelt. Allerdings war der Untergang des oströmischen Reiches fatal für die Farbwerkstätten der rot-violetten Purpurs: Stattdessen verwendete man den Farbstoff aus roten Läusen, so Franz Immoos, um Purpur weiterhin herzustellen – der Beginn eines Wandels von Farbsymbolik und Farbhierarchie, denn aus dem ursprünglichen violett-roten Ton wurde nun ein tief rotes Purpur. Bestimmt war diese Farbe für den weltlichen Bereich und für die ranghöheren Kardinäle, die nach päpstlicher Anordnung von Paul II die teuere Farbe tragen sollten. Den Bischöfen hingegen wurde die billigere Variante des mit Indigo gefärbten Stoffes zugewiesen – das Violett, so wie wir es heute kennen. Die Farbe steht bis heute, neben Träumerei und Fantasie auch für Demut und Besinnung.

Foto: Matic Zorman

Gleichzeitig reicht die Bedeutung von Lila und Violett bis hin zum Bereich der dunklen Magie und Zauberkraft. Bereits für die Schamanen war Violett die Farbe der Trance und des Übergangs zwischen Diesseits und Jenseits. Auch die Traumfabrik Disney weiß diese Symbolik gezielt einzusetzen. Welche Farbe trägt zum Beispiel der unheimliche, bösartige Voodoo-Zauberer Dr. Facilier in „The Princess and the Frog“? In welchem Farbton ist das Kleid von Schneewittchens bösen Stiefmutter oder Dornröschens Widersacherin Maleficent? Und welche Farbe hat die untere Seite der Tentakeln des zaubernden Riesenoktopus Ursula aus „The Little Mermaid“?

Violett und Blau fechten stattdessen einen ständigen Konkurrenzkampf aus und werden oft mit einander verglichen oder sogar verwechselt. Dass selbst Kunsthistoriker immer wieder mit dem „Kampf der Farben“ konfrontiert werden, zeigt die Frage nach dem wohl berühmtesten Schlafzimmer in der Geschichte der Malerei. Klar, die Rede ist von Vincent Van Goghs Zimmer, das er in Arles bewohnte und zwischen 1888 und 1889 in drei Gemälden verewigt hat. Im Februar 2016 kam dann die überraschende Nachricht: Die Wand des Schlafzimmers ist eigentlich violett, nicht blau. Das Violette ist über die Jahre ganz einfach verblasst, was durch den Fund von rosa Pigmentspuren belegt wurde.


Ein weiteres, aber noch ungelüftetes Mysterium gibt bis heute die Farbe des kleinen Elefanten der „Sendung mit der Maus“ auf. In diesem Fall macht Violett Blau nicht nur Konkurrenz – Fans debattieren bis heute über den genauen Farbton des pummeligen Maskottchens. Liegt die Angelegenheit im Auge des Betrachters? Auf jeden Fall wird einmal mehr gezeigt, wie schnell die Grenzen zwischen den verwandten Farbtönen verschwimmen können.

Es liegt auf der Hand, dass Lila, beziehungsweise Violett somit auch für Artifizialität steht. Wer kennt nicht die lilafarbene Milka-Kuh, Sinnbild der Schweizer Schokolade? Und wer Künstlichkeit sagt, denkt Extravaganz – auch das bewirkt Violett, denn schlicht oder zurückhaltend wirkt diese Farbe nie. Eines der bekanntesten Gedichte der englischen Literatur, „Warning“ von Jenny Joseph, spielt mit eben dieser Charakteristik: „When I am an old woman I shall wear purple“ lautet der erste Vers. Das Gedicht erzählt von der Hoffnung, sich im Alter mehr zu trauen, persönliche Grenzen zu überschreiten und das Leben wieder zu spüren. Dass der erste Gedanke aus dem Text, nämlich den Vorsatz, Mut zu Farbe zu bekennen, gleich Violett ins Auge fasst, und damit den Rahmen des Gedichtes bildet, spricht für sich.

Extravaganz und Auffälligkeit, Individualität und Träumerei sind genau deshalb die Assoziationen, die einem zum Schlagwort „Kunst“ oder „Kultur“ einfallen. Ob das der Grund ist, warum die Farbe der Kulturseiten des Luxemburger Wortes mit einem – nun, man könnte sagen warmen, fast rötlichen und edlen Lila versehen wurden, bleibt offen. Passend wäre es aber auf jeden Fall.


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