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Christoph Sietzen kämpft auf der Marimba gegen Ablenkung
Kultur 3 4 Min. 31.10.2019

Christoph Sietzen kämpft auf der Marimba gegen Ablenkung

Sein nächstes Konzert in der Philharmonie spielt Christoph Sietzen unter anderem auf Ölfässern und Autofedern.

Christoph Sietzen kämpft auf der Marimba gegen Ablenkung

Sein nächstes Konzert in der Philharmonie spielt Christoph Sietzen unter anderem auf Ölfässern und Autofedern.
Foto: Stefan Sietzen
Kultur 3 4 Min. 31.10.2019

Christoph Sietzen kämpft auf der Marimba gegen Ablenkung

Sophia SCHÜLKE
Sophia SCHÜLKE
Wiessel mol d'Scheif: „Wer sich konzentrieren kann, genießt intensiver", sagt Multiperkussionist Christoph Sietzen und erkundet auf seinem neuen Album sowohl die Stille als auch die Ablenkung. Am 29. November gibt der Multiperkussionist in der Philharmonie aber ein Konzert auf einem neuen Instrument, das er sich erst einmal auf dem Schrottplatz zusammen suchen muss.

Kürzlich hat er den renommierten Opus-Klassik-Preis als Nachwuchskünstler des Jahres gewonnen, nun legt der 27-Jährige das dritte Album vor: Multiperkussionist Christoph Sietzen erforscht auf „Silence“ Ruhe und Ablenkung. 

Der in Österreich aufgewachsene Musiker mit Luxemburger Wurzeln stellt am 29. November in der Philharmonie aber ein ganz anderes Projekt vor. Wenn der „Rising-Star“ der European Concert Hall 2017/18 für das „Rainy Days“-Festival zurückkehrt, spielt er mit dem Orchestre Philharmonique du Luxembourg eine Uraufführung auf einem neuen Instrument.

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Was bekommt der Hörer auf dem neuen Album „Silence“ geboten?

Es ist ein Album, auf dem ich fast nur Marimba spiele und nicht Multiperkussion. In dieser Hinsicht ist ein sehr melodiöses Album, besonders für Schlagwerk. Ich fand es sehr interessant, mich mit dem Thema Stille auseinanderzusetzen, weil man das nicht sofort mit diesem Instrument verbindet. Aber Marimba eignet sich unglaublich gut dafür, denn man kann sie nicht nur sehr laut, sondern auch sehr leise, weich und fein spielen. 

Das Repertoire ist eine Auswahl von Stücken, von denen ich das Gefühl habe, dass ich darin Stille finden kann oder dass sie etwas damit zu tun haben. Das sind aber nicht nur ruhige, sondern auch laute Stücke. Aber „Opening from Glassworks“ von Philip Glass und „Spiegel im Spiegel“ von Arvo Pärt spiegeln das Thema am offensichtlichsten wider, weil sie sehr ruhig sind und sich manche Dinge sehr langsam entwickeln, man aber umso aufmerksamer folgen kann.

Sie sagten, Stille gibt es auch in lauten Stücken. Wie kommt das?

Für mich beschreibt Stille eher ein Gefühl der inneren Ruhe. Ich denke, man kann Stille in so vielen Momenten im Leben finden, ohne dafür in einem Zimmer allein sein zu müssen. Es kann auch im Sturm eine gewisse Stille geben, das ist in der Musik ähnlich.

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Was wäre ein Mensch ohne Stille?

Das kann ich nur von mir selbst sagen. Es tut sehr gut, wenn man nicht ständig abgelenkt wird. Wer sich konzentrieren kann, genießt intensiver. Im Konzert bleibt die Ablenkung draußen, aber bei der CD ist die Versuchung für Hörer, kurz auf das Smartphone zu schauen, groß. Es ist schade, wenn Musik nebenbei gehört wird, denn ich glaube, dass man mit Konzentration und Kontemplation tiefer eindringt.

Wie können Sie vermeiden, dass der Hörer daheim auf dem Smartphone liest?

Da sind meine Möglichkeiten natürlich begrenzt. Ich wollte Stille thematisieren, weil auch bei mir als Musiker die Gefahr der Ablenkung groß ist. Wenn ich übe und immer wieder das Handy geht, komme ich gar nicht in diese Welt, in der ich kreativ bin und loslassen kann. Letztendlich muss ich so spielen, dass es dem Hörer nicht langweilig wird.


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Die Stücke wurden nicht für Marimba komponiert, inwiefern mussten Sie sich von den Originalkompositionen wegbewegen?

Eigentlich gar nicht. Alle Stücke lassen sich eins zu eins auf Marimba spielen, das ist mir immer sehr wichtig, sonst müsste ich große Abstriche gegenüber der Originalkomposition machen. Außer man hat eine tolle Bearbeitung, die trotzdem in sich geschlossen ist; das ist etwa bei „Verano Porteño“ so, arrangiert von dem amerikanischen Marimbaspieler Puis Cheung. 

„Opening“ und „Asturias“ kann ich wiederum eins zu eins spielen. Aber für „Spiegel im Spiegel“ von Arvo Pärt, das ursprünglich für Klavier und Cello beziehungsweise Violine geschrieben ist, habe ich den Klavier-Part größtenteils auf Marimba übertragen und noch zwei zusätzliche Instrumente eingebaut: einen tiefen Gong und ein sehr hohes Crotales, eine kleine gestimmte Metallscheibe.

Weshalb waren die zusätzlichen Instrumente notwendig?

Marimba hat einen etwas kleineren Tonumfang als Klavier und kein Pedal, mit dem man Töne halten könnte; es singt schön, aber es ist nicht so klingend. Und im Stück von Pärt gibt es einen hohen und einen tiefen Ton, die wiederholt werden und die Struktur des Stückes markieren. Der Gong und die Crotales bringen einen Klang fast wie von außen in das Stück und fungieren als Markierung und Ruhepunkte. Bei Änderungen muss man Pärt immer eine Probeaufnahme schicken. Ich war sehr froh, dass er sie freigegeben hat, was bei ihm nicht selbstverständlich ist.

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Was erwartet das Publikum beim Konzert in der Philharmonie?

Das ist ein komplettes Gegenprogramm zur aktuellen CD und ein ganz anderes Projekt. Georg Friedrich Haas, einer der arriviertesten lebenden Komponisten der Neuen Musik, hat ein neues „Konzert für Klangwerk und Orchester“ geschrieben, was ich mit dem OPL uraufführen werde. Da wird keine Marimba auf der Bühne stehen, gespielt wird auf Trommeln, Holzblöcken und einer Klangwand, die aus mehr als 60 Metallgegenständen besteht.

Diese Klangwand ist also ein neues Instrument?

Genau, diese Metallgegenstände musste ich erst zusammensuchen. Ich bin dafür auf den Schrottplatz gegangen und habe mich sozusagen durchgeklopft. Es ist tatsächlich so, als würde man ein neues Instrument bauen, weil man sich unglaublich viele Gedanken machen muss. Man nimmt eine Ladung Schrott mit, muss sie ordnen und eine Möglichkeit finden, das Ganze aufzuhängen, bevor man überhaupt erst anfangen kann, das Stück zu lernen. Diese Ölfässer, Alufelgen, Metallrohre und Autofedern sind alle so spannend, weil sie nicht so perfekt und ausbalanciert klingen. Und genau das macht die Klangwand so charaktervoll und faszinierend.
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„Silence“ ist bei Sony erschienen. Uraufführung „Konzert für Klangwerk und Orchester“ unter dem Titel „Le Maximum du minimal“, 29. November, „Rainy Days“ in der Philharmonie.


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