Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Bossa-Nova-Erfinder João Gilberto ist tot
Kultur 2 3 Min. 07.07.2019

Bossa-Nova-Erfinder João Gilberto ist tot

João Gilberto während eines Konzerts im August 2006.

Bossa-Nova-Erfinder João Gilberto ist tot

João Gilberto während eines Konzerts im August 2006.
Foto: AFP/Ari Versiani
Kultur 2 3 Min. 07.07.2019

Bossa-Nova-Erfinder João Gilberto ist tot

Sein Bossa Nova eroberte in den fünfziger und sechziger Jahren die Welt. Er selbst versteckte sich lieber vor seinem Weltruhm. Nun ist das brasilianische Musikgenie João Gilberto mit 88 Jahren gestorben.

(KNA) - Das synkopische Gitarrezupfen und der nasale Flüster-Gesang waren sein Markenzeichen, genauso wie seine Schrulligkeit und seine Manien. João Gilberto, der Ende der fünfziger Jahre den Bossa Nova erfand und mit dem "Girl from Ipanema", 1963 mit seiner Frau Astrud am Mikrofon und Saxofon-Legende Stan Getz eingespielt, die Welt eroberte, ist tot. Er starb am Samstag im Alter von 88 Jahren in Rio de Janeiro. Woran genau, das ist nur ein weiteres der Geheimnisse, die sein Leben stets umkreisten. 

Der Gitarrist und Sänger galt als überaus eigentümlich und verschwiegen, Interviews gab er so gut wie nie. Lieber ließ er die Musik für sich sprechen. Den markanten Bossa-Nova-Sound soll er 1956 in dem gefliesten Badezimmer seiner Schwester erfunden haben, wo seine Stimme und Gitarre besonders schön hallten. In Rio de Janeiro, damals eine vor Lebensfreude und Aufbruchsstimmung explodierende Stadt, feierte man den neuen Musikstil. Im Jahr 1958 spielte Gilberto mit dem Lied "Chega de Saudade" (Schluss mit der Sehnsucht) den Soundtrack für das sich gerade neu erfindende Brasilien ein. 

360 Videos werden hier nicht unterstützt. Wechseln Sie in die Youtube App, um das Video anzusehen.

Gemeinsam mit den Traumtoren des Wunderstürmers Pele, der Brasilien gerade im fernen Schweden zum ersten Weltmeistertitel schoss, und den Bikini-Mädchen von den Traumstränden Copacabana und Ipanema erlebte die Welt ein mit sanften Melodien erzähltes Märchen aus Südamerika. Begeistert nahmen US-amerikanische Jazz-Musiker die von den jungen Wilden aus Brasilien kreierten Bossa-Nova-Lieder auf. 

Anfang der sechziger Jahre eroberte Gilberto dann New York, wo er umjubelte Auftritte in der Carnegie Hall feierte. Der Pianist und Komponist Tom Jobim und der Bohemien Vinicius de Moraes wurden neben ihm zu Stars der neuen Musik. Ihr Lied "Girl from Ipanema" machte den Bossa Nova 1963 zum Welthit und João Gilberto zum "Frank Sinatra Brasiliens". Während die Bossa-Nova-Welle um den Erdball schwappte, löschten die Militärs daheim die Hoffnungen des jungen Brasiliens aus und putschten die Demokratie im April 1964 weg. Ein Schlag, von dem sich der Bossa Nova nie wieder erholen sollte. Denn Unterdrückung und Folter passten nicht zu sanft vertonten Gedichten über sich am Strand räkelnde Frauen. João Gilberto wählte New York zu seinem Lebensmittelpunkt, von dem aus er durch die Welt tourte. 

360 Videos werden hier nicht unterstützt. Wechseln Sie in die Youtube App, um das Video anzusehen.

Rückzug ins Privatleben

Erst 1979, in der Endphase der Diktatur, kehrte er zurück nach Rio. Damals begann sein Rückzug ins Privatleben, unterbrochen nur von wenigen umjubelten Konzerten und seltenen, jedoch weltweit gefeierten Plattenaufnahmen. Am liebsten saß er daheim im Pyjama und spielte seine alten Lieder in Dauerschleife, auf der Suche nach der perfekten Version, erzählte man sich. Nur die Stimme und das zarte Vibrieren der Gitarrensaiten - mehr wollte er nicht mehr hören. Konzerte brach er ab, weil ein Husten im Publikum oder die summende Klimaanlage den perfekten Moment störten. 

João Gilberto im August 2008 in São Paulo.
João Gilberto im August 2008 in São Paulo.
Foto: AFP/Marco Hermes

Die Medien hetzten ihm trotzdem hinterher – wo und mit wem wohnt er wohl und arbeitet er etwa an neuen Aufnahmen? Im Jahr 2010 schrieb der deutsche Journalist Marc Fischer den Sehnsuchtsroman "Hobalala - Auf der Suche nach João Gilberto", in dem er Rio nach den Spuren des verschwundenen Musikgenies absucht. Er fand alte Musiker, die angeblich nachts von Gilberto angerufen werden, und Kellner, die ihm sein Essen vor die Haustür stellen. Es ist die Suche nach einem zum Geist gewordenen Menschen. Und nach dem Geist einer verschwundenen Zeit voller Hoffnung. 

Zuletzt soll er Pleite gewesen sein, Mitte 2018 musste er sein Apartment verlassen und kam wohl bei Freunden unter. Seine Kinder entmündigten ihn und zankten sich um die Vormundschaft und das erwartete Erbe. Gilberto selbst wartete bis zuletzt auf Tantiemen und Entschädigungen in Millionenhöhe von seiner Plattenfirma EMI. Diese habe seine perfekten Platten durch Neubearbeitungen zerstört, klagte der Altmeister mit dem absoluten Gehör. In der letzten Woche seines Lebens wagte er sich dann noch einmal in die Öffentlichkeit und speiste Meeresfrüchte zu einem Glas portugiesischem Wein. Kellner und Gäste applaudierten der hageren Gestalt in dem viel zu großen Anzug, als er nach zwei Stunden das Restaurant in Rios glamouröser Südzone verließ. Auf dem Heimweg habe er dem Uber-Fahrer noch von den großen Gala-Dinners nach gefeierten Shows in New York und Italien erzählt. Das war am Dienstag. Vier Tage später verstummte er dann für immer.