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Dreck in der Stimme, Whisky im Blut

Dreck in der Stimme, Whisky im Blut

Dreck in der Stimme, Whisky im Blut
Bon Scott wäre 75

Dreck in der Stimme, Whisky im Blut


von Tom RÜDELL/ 09.07.2021

Die Statue von Bon Scott in Fremantle ist Anlaufpunkt für zahlreiche Fans aus aller WeltFoto: BPUltimate98 via Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0

Bon Scotts Stimme prägte den Sound von AC/DC weit über die mit ihm entstandenen sechs Alben hinaus. Sein früher Alkoholtod im Jahr 1980 zementierte seine Legende. Am 9. Juli wäre er 75 geworden.

Bon Scott war ein Rüpel, ein wilder Mann. Mit freiem Oberkörper und Zottelhaaren. In engen Jeans, die seine Männlichkeit auf eine Art betonten, die keine Zweifel offenließ. Der Sänger von AC/DC war mit seinem Habitus, seiner dreckigen Rock'n-Roll-Röhre und seinen zotigen, aber bei näherem Hinlesen erstaunlich intelligent geschriebenen Texten der Faktor, der in nur rund fünf Jahren für die australische Hardrockband den Unterschied machte. Es war seine „Mütter, holt die Kinder rein“-Attitüde, die AC/DC von der mäßig erfolgreichen Hinterzimmerband zum Megaseller machte. 

Am 9. Juli 1946 in Schottland geboren, mit sechs Jahren nach Australien eingewandert, beginnt Ronald Belford Scott seine musikalische Karriere am Akkordeon und, als Exilschotte wahrscheinlich verpflichtend, am Dudelsack. Sein Spitzname Bon soll übrigens von „Bonnie Scotland“ herrühren - „prächtiges Schottland“. Eine Verklärung ganz offensichtlich, denn im Mutterland gab es schlicht keine Arbeit - daher Australien. Trotz Dudelsack ist Bons Vorbild Little Richard, der extrovertierte schwarze Rocker mit der durchdringenden Stimme. 

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Nach mehreren eher erfolglosen Gehversuchen als Drummer und Sänger in regionalen Bands rund um seine neue Heimatstadt Fremantle bewirbt er sich 1974 auf eine Zeitungsanzeige bei AC/DC, der bereits seit 1973 aktiven Band der Young-Brüder Angus und Malcolm. Die sind zwar deutlich jünger als er, doch die Mischung stimmt: Der Dreck in Scotts Stimme schiebt den bluesigen Sound der Gebrüder Young in eine Richtung, die in der Mitte der 1970er gefragter war denn je: laut, rauh, dreckig und „auf den Punkt“.


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Bon Scott ist zudem ein durstiger Mann, ein notorischer Säufer, was ihn später das Leben kosten wird. Er ist ein Frauenheld, um dessen Libido und seine Arten dieselbe auszuleben, sich zahlreiche Legenden ranken - eine der verrücktesten lässt ihn am gleichen Tag zwei Frauen im gleichen Krankenhaus besuchen, weil beide je ein Kind von ihm bekamen. Gleichzeitig ist er sich als begnadeter Showman nicht zu schade, auch mal in Frauenkleidern aufzutreten, wenn es dem Bühneneffekt dient. 

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Und: Er beherrscht das Schreiben von doppeldeutigen Texten, die all das intelligent karikieren. Das Saufen, das Rumhuren, das Provozieren, die Gegenkultur, die Rebellion. Vor allem aber natürlich den Sex: In „Big Balls“ (offiziell geht es um pompöse Tanzveranstaltungen) vom dritten Album „Dirty Deeds Done Dirt Cheap“ lässt Scott kein Wortspiel im Zusammenhang mit männlichen Fortpflanzungsorganen aus - pubertär, aber clever. 

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Zweites Beispiel: „The Jack“ vom zweiten Album „T.N.T“ kommt als getragene Stehblues-Nummer über ein Pokerspiel daher. Wer weiß, dass „The Jack“ nicht nur der Bube im Kartenspiel, sondern auch ein Slangwort für eine Geschlechtskrankheit ist, hört mehr als ihm oder ihr vielleicht lieb ist. 

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Es kommt, wie es muss: Die Fans lieben es, die Eltern der Fans sind schockiert. AC/DC wird spätestens mit „Highway to Hell“ zur „gefährlichen“ Band, spielt Tourneen in Europa und der ganzen Welt. Die Band überlebt sogar die beginnende Punkwelle, der viele etablierte Hardrockbands zum Opfer fallen: „Punk“, also laut und dreckig sind die Australier schließlich selbst. Die Kehrseite ist aber deutlich sichtbar: Scott versinkt in diesem schnellen Leben immer öfter im Alkohol, versumpft oft tagelang. 

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Einsamer Tod im Renault 5

Am 19. Februar 1980 endet Bon Scotts Leben im Alter von 33 Jahren mit einem erschreckend banalen Zwischenfall: Die Band arbeitete in London am siebten Album, Scott ging mit einem Kumpel namens Alistair Kinnear auf Zechtour - seine letzte. Kinnear bekommt Scott am Ende der Nacht vor dessen Wohnung nicht mehr wach - und lässt ihn auf der Rückbank seines Renault 5 liegen, den er vor seinem eigenen Appartment parkt. Am nächsten Morgen findet er den Sänger leblos im Auto - dass er, wie später vielfach kolportiert wird, an seinem eigenen Erbrochenen erstickt ist, ist nicht bewiesen. 

Das mutmaßlich letzte Foto, das Bon Scott lebend zeigt, schießt die Londoner Rockfoto-Ikone Ross Halfin. 

Noch im Februar wird die Leiche nach Australien überführt und am 1. März 1980 in Fremantle beigesetzt. AC/DC machen mit Sänger Brian Johnson, ebenfalls gebürtiger Schotte, weiter. Johnson wird noch jahrzehntelang in Fankreisen als „der neue Sänger“ bezeichnet werden - er tritt wissentlich gegen eine Legende an und es ist ihm nicht hoch genug anzurechnen, dass er sich diese übergroßen Schuhe im Frühjahr 1980 nicht nur anzog, sondern danach rund 40 Jahre - mit krankheitsbedingten Unterbrechungen seit 2016 - darin lief.  

Es war sein Schaden allerdings auch nicht: Im Juli 1980 erscheint das Bon Scott gewidmete Album „Back in Black“, das über die Jahre mit 46 Millionen verkauften Einheiten zum erfolgreichsten Hardrock-Album aller Zeiten wird - öfter verkauft sich nur „Thriller“ von Michael Jackson. 

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Zum 75. Geburtstag Scotts erfährt das Gedenken an einen der besten Frontmen der Rockgeschichte übrigens eine neue Dimension: Scotts Familie, genauer zwei Brüder und ein Neffe, haben die erste offizielle Bon-Scott-Website www.bonscottofficial ins Leben gerufen. 


Foto:  The famous Statue of Bon Scott in Fremantle, Western Australia / BPUltimate98 via Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0

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