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Blut ist dicker als Wasser
Kultur 1 2 Min. 18.08.2018 Aus unserem online-Archiv

Blut ist dicker als Wasser

Tina (Valeria Golino, r.) und Angelica (Alba Rohrwacher, M.) verbindet ein dunkles Geheimnis, in dessen Zentrum die junge Vittoria (Sara Casu) steht.

Blut ist dicker als Wasser

Tina (Valeria Golino, r.) und Angelica (Alba Rohrwacher, M.) verbindet ein dunkles Geheimnis, in dessen Zentrum die junge Vittoria (Sara Casu) steht.
Foto: Vivo Film
Kultur 1 2 Min. 18.08.2018 Aus unserem online-Archiv

Blut ist dicker als Wasser

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
Regisseurin Laura Bispuri geht der Frage nach, was eine Frau zur (Raben-)Mutter macht und sprengt dabei Emanzipation-Klischees

Sind es nun die Gene oder am Ende doch die Be- und Erziehung? Von Philosophen über Psychologen bis hin zu Verhaltensforscher haben sich unzählige kluge Köpfe mit der Frage beschäftigt, was Familie nun ausmacht. „Figlia mia“ liefert bei seiner Auslotung dieses Themas tiefe Einblicke in weibliche Seelen.

Es klingt fast schon wie ein Klischee – und zwar ein regelrecht entmannendes dazu: Auf Sardinien hat die Frau die Hosen an. Dies zumindest könnte man meinen, wenn man sich „Figlia mia“ ansieht. Umberto (Michele Carboni) und Bruno (Udo Kier) sind die einzigen männlichen Figuren in Laura Bispuris Film. Der Erste besticht durch seine Zurückgezogenheit, der Zweite durch sein Machogehabe. Diesem eher unnuanciert angelegten Duo setzt der Film drei starke Frauenfiguren entgegen, die sich auch nicht gerade einer klischeehaften Zeichnung entziehen: die präpubertäre Vittoria (Sara Casu), ihre verlässliche und aufopferungsvolle Mutter Tina (Valeria Golino) und die abseits der Gesellschaft und deren klassischem Rollenmodell der untergebenen Frau lebende Angelica (Alba Rohrwacher).

Bispuri und ihr zweiter Berlinale-Beitrag

Die beiden Frauen verbindet ein dunkles Geheimnis, in dessen Zentrum das junge Mädchen steht und das auch der Zuschauer schnell erahnt. Und dann kommt es, wie es – Spannungsbogen oblige – kommen muss: Vittoria sucht die Nähe zu Angelika, sehr zum Missfallen Tinas.

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Auch mit ihrer zweiten Regiearbeit, die wie ihr Erstlingswerk „Vergine giurata“ (2015) es gleich bis in den Wettbewerb der Berlinale schaffte, stellt Laura Bispuri mit der Mutterschaft und der Frage, was sie eigentlich ausmacht, ein weibliches Thema in den Mittelpunkt. Dabei gelingt der italienischen Filmemacherin ein emotional vielschichtiges Werk, das ein schales Melodrama erfolgreich umschifft und bei dem die Darstellerinnen, allen voran die junge Sara Casu, durch ihr feinfühliges Spiel verhindern, dass die drei weiblichen Figuren allzu stereotyp ausfallen. So kommt selbst Mutter Tina und deren italienischer „Mamma“-Instinkt unerwartet frisch daher. Ihr Gegenüber gibt als Rabenmutter-Modell Alba Rohrwacher, die Bispuri bereits in „Vergine giurata“ inszenierte, eine nicht weniger spannende Figur ab.

„Der sardinische Kreidekreis“

So gelingt dem Film einerseits eine geschickte Verwurzelung der Charaktere in der Kargheit der Ländlichkeit, die dank der Zurückhaltung in visuellen und erzählerischen Mitteln und Vittorias Coming-of-Age die Prämisse der Geschichte um spannende Perspektiven erweitert.

Präsentiert sich „Figlia mia“ ursprünglich wie eine Variation des bekannten Themas von „Der kaukasische Kreidekreis“, bei dem zwei Mütter einen Anspruch auf ein Kind erheben, verfügt, im Gegensatz zu Brecht, Bispuris Film auch über die Möglichkeit, über das eigene Rollenmodell und die damit einhergehenden Vorstellungen und Grenzen hinauszuwachsen und dabei ebenfalls Empathie für andere Welt- und Lebensanschauungen aufzuzeigen.

„Figlia mia“ ist somit ein sehenswerter Film, der Emanzipation so zeigt, wie sie eigentlich sein sollte: nämlich nicht allein auf das Geschlecht reduziert.