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Blixa Bargelds Neubauten 2020: „Wir werden alle älter“
Kultur 6 Min. 14.05.2020

Blixa Bargelds Neubauten 2020: „Wir werden alle älter“

Das Cover des Albums "Alles in Allem" der Band Einstürzende Neubauten.

Blixa Bargelds Neubauten 2020: „Wir werden alle älter“

Das Cover des Albums "Alles in Allem" der Band Einstürzende Neubauten.
Foto Another Dimension/Potomak/Indigo
Kultur 6 Min. 14.05.2020

Blixa Bargelds Neubauten 2020: „Wir werden alle älter“

Vor 40 Jahren startete die Berliner Band Einstürzende Neubauten mit krachigen Avantgarde-Industrial-Sounds. Heute zählt sie auch international zu den Ikonen deutscher Rockmusik neben Kraftwerk und Can.

(dpa) - Interview mit Frontmann Blixa Bargeld (61) über ein Jubiläum in Corona-Zeiten, das neue Album „Alles in Allem“ (Veröffentlichung: 15. Mai) sowie Gegenwart und Zukunft der Neubauten als hochanerkannte Band gereifter Männer.

Der Musiker Blixa Bargeld
Der Musiker Blixa Bargeld
Foto: Ursula Düren/dpa

Am 1. April sind die Einstürzenden Neubauten 40 Jahre alt geworden. Sie hatten so einiges geplant, bevor Corona kam. Was kann aus diesem seltsamen Jubiläumsjahr für die Neubauten noch werden?

Die Situation, so wie sie jetzt ist, hat sich noch vor ein paar Wochen ja keiner ausmalen können. Das Jubiläum wollten wir gar nicht an die große Glocke hängen. Die Krönung - also „Corona“ - wären eine Generalprobe in Potsdam gewesen und ein Auftritt im Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin. Wir hatten eine Neubauten-spezifische Busrundfahrt geplant, einen „Art-Crawl“ durch die Berliner Galerien, und wir hatten das Hansa-Studio gemietet, um ein Public Listening zu veranstalten - all das mit unseren Supportern.

Und das kann nun wegen der Corona-Pandemie nicht stattfinden?

Allein für die Konzerte in Potsdam und Berlin haben sich 500 unserer Unterstützer aus aller Welt angemeldet, die hatten schon ihre Flüge und Hotels gebucht. Das fällt jetzt alles ins Wasser, und das ist natürlich extrem bitter. Die Tour ist verschoben auf 2021, aber diese besonderen Festivitäten können wir nächstes Jahr nicht einfach nachholen. Jetzt sitzen wir alle zu Hause und produzieren „Content“. Der landet dann zuerst auf der Neubauten-Webseite, Teile davon ziehen weiter Richtung Instagram und Youtube. Alles geht seinen digitalen Gang, könnte man sagen.

Inwieweit sind Sie persönlich betroffen? Wie gehen Sie selbst als Mensch im Alltag mit der Krise und ihren Auswirkungen um?

Ich bin sehr vorsichtig. Heute, im April, ist das, glaube ich, mein 36. Tag in Quarantäne. Mein Immunsystem ist mehr oder weniger nicht existent, deswegen begebe ich mich nicht in ein Risiko. Ich sitze also auch nur zu Hause und erzeuge „Content“ (lacht). Wahrscheinlich war ich noch nie 36 Tage am Stück zu Hause. Doch, vor ein paar Jahren hatte ich mir mal das Bein gebrochen, als ich beim Konzert in Rom von der Bühne gefallen bin.

Lassen Sie uns über Ihr neues Album sprechen. Wie schafft man es nach 40 Jahren immer noch, eine Platte von solcher Dringlichkeit und Zeitgeistigkeit zu machen, die auch noch zugänglich ist? Bietet Ihr Stück „Möbliertes Lied“ dafür den Schlüssel?

„Möbliertes Lied“ war das erste Stück der Phase 4 unseres Supporter-Projekts, mit dem wir ja 2002, damals in Phase 1, praktisch das Crowdfunding erfunden haben. Das Resultat einer anfänglichen Improvisation wurde also „Möbliertes Lied“. Das Stück war bei mir in einem Hefter unter „Kleinere Ideen“ gelistet. Diesen Hefter habe ich für unsere Improvisationen immer dabei, und wie man sieht, ist das Stück dann bis zum Schluss erhalten geblieben. Es ist ein Spiel mit Metaphern, ein Spiel mit Worten. Also ich sehe das Lied nicht als sehr tief an - eher als heiter.

Ihre Worte kreisen schon in den Songtiteln um Berlin, stärker als je zuvor. Die Stadt ist in Ihren neuen Texten so präsent wie nie, ganz direkt mit „Grazer Damm“, „Wedding“, „Tempelhof“ und „Am Landwehrkanal“. Wie kam es dazu?

Ich wurde am Anfang dieser Arbeit gefragt: Gibt es irgendein Thema, ein Konzept? Da habe ich gesagt: Vielleicht geht es um Berlin. Dann gab es ein Stück „Welcome To Berlin“, an dem wurde lange gearbeitet, aber letztlich haben wir es bei der Qualitätsendkontrolle aussortiert. Übrig blieben diese ganzen anderen Querreferenzen zu Berlin, die sich im Laufe der Zeit schon entwickelt hatten. Man kann das Album aber nicht als Kommentar zu Berlin lesen, es werden letztendlich keine Aussagen über diese Stadt getroffen.

„Alles in Allem“ ist geprägt von Ruhe, schönen Streichern, Harfe, wenig Krach oder Schreien. Eine sehr Song-orientierte, sehr melodische Neubauten-Platte, oder überhöre ich da etwas?

Wir werden alle älter (lacht). Und eines kann man über die Neubauten sicher sagen: Wir wiederholen uns nicht allzu viel. Wenn wir so etwas wie „Kollaps“ von 1981 ewig betrieben hätten, wäre es schon ein langweiliges Leben geworden. Bei „Lament“ von 2014 habe ich eines gelernt - mehr Platz zu lassen. Früher hatte ich immer den Drang, alles auszufüllen: Da muss noch was hin, ist sonst langweilig. Das hat sich gelegt - dieser Drang, den man ja auch der Jugend nachsagt.

Ich habe Sie 1987 in Münster erlebt, im Beiprogramm des Bildhauer-Projekts „Skulpturen“ - da hat die Band noch richtig Krach gemacht mit Schlagbohrern und Einkaufswagen, die Passanten waren tief verschreckt. Dann wurden Sie ein Thema für die Feuilletons. Fehlt Ihnen das Aufrührerische, da Sie nun nicht mehr Bürgerschreck sind?

Antwort: Ich kann mich auch noch sehr gut an das „Skulpturen“-Projekt in Münster erinnern. Da sind wir nur auf ausdrücklichen Wunsch und Bezahlung der Bildhauerin Isa Genzken gewesen. Isa ist schon lange ein Neubauten-Fan - immer noch. Gegen Krach habe ich auch weiterhin nichts einzuwenden. Aber „Alles in Allem“ finde ich jetzt rund, wie das Album eben ist. Das kann ich mir im klassischen Vinylplatten-Sinn anhören, mit einer Seite A und einer Seite B.

Und werden Sie 2030 das 50-jährige Bestehen der Band feiern?

Wenn wir dann mit der Corona-Krise durch sind ... Ja, ich kann mir für die Band noch so einiges vorstellen. Wir wollten nach der Phase 4 ja auch gleich weitermachen, mit Phase 5 und einem weiteren Album. Das ist natürlich jetzt ein bisschen sabotiert.



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