Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Blanker Wahnsinn – mit Methode
Kultur 1 2 Min. 20.10.2018 Aus unserem online-Archiv

Blanker Wahnsinn – mit Methode

Serienmörder Jack (Matt Dillon) steigert sich über die zwölf Jahre, die der Film ihn begleitet, in einen blutigen Mordrausch hinein.

Blanker Wahnsinn – mit Methode

Serienmörder Jack (Matt Dillon) steigert sich über die zwölf Jahre, die der Film ihn begleitet, in einen blutigen Mordrausch hinein.
Foto: Zentropa Entertainment
Kultur 1 2 Min. 20.10.2018 Aus unserem online-Archiv

Blanker Wahnsinn – mit Methode

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
Genie und Wahnsinn liegen manchmal nahe beieinander. Gefährlich nahe sogar. Und sicher noch etwas näher, wenn vom dänischen Regisseur Lars von Trier die Rede ist: Denn weiß der Mann zwar, wie man Filme erzählt, so sind seine Geschichten mehr als nur verstörend – so auch die des Serienmörders Jack.

Sieben Jahre lang saß der dänische Regisseur Lars von Trier (buchstäblich) im Fegefeuer und (ganz praktisch) seine Zeitstrafe auf der moralischen Strafbank ab, um seine zweifelhafte Sympathiebekundung mit Adolf Hitler bei einer Pressekonferenz an der Croisette 2011 zu büßen: Dann kehrte er im vergangenen Mai mit „The House That Jack Built“ in den Wettbewerb des Filmfestivals von Cannes zurück.

Keinen kleineren Anspruch erhebt das verstörend-brutale Werk, als die ganz persönliche „Divina Commedia“ des Dänen zu sein. Nicht nur, dass er die Figur des Serienmörders Jack zu seinem Dante (und Alter Ego?) macht und von „Verge“ (Bruno Ganz – auch als neuzeitlicher Vergil souverän) auf seiner Reise ohne Wiederkehr in die Untiefen der menschlichen Seele begleiten lässt, er macht auch noch - passend zum eigenen, düsteren Innenleben - „Die göttliche Tragödie“ daraus.

Der Film hält dann auch genau, was allein der Name des Enfant terrible des Films bereits verspricht: In der Pressevorführung in Cannes waren vornehmlich zwischen Verzweiflung und Entsetzen angesiedelte Seufzer und zuschlagende Türen zu hören, denn so viele Filmkritiker hat man seit Jahren nicht mehr den Saal fluchtartig verlassen sehen. Zur Krönung, beziehungsweise dem totalen Absturz hin, steigerten sich in Cannes dann viele der Hartgesottenen, die bravourös ausharrten, gegen Ende der endlos anmutenden 155 Minuten der zuweilen ins Groteske abgleitenden Gewaltorgie vor pseudo-philosophischer Kulisse in geradezu hysterisches Lachen.

Das Blut gefriert in den Adern

Dabei gibt es hier wirklich nichts zu lachen; wenn Tiere seelenruhig verstümmelt, Frauen brutal ermordet und Kinder kaltblütig niedergestreckt werden. Dass Lars von Trier augenscheinlich gleich mehrere (größere!) Probleme hat, scheint klar: Die Grenze zwischen Wahrnehmung der Welt und Gewaltfantasien verschwimmt auf beunruhigende Weise. Mögen manche ihn für gestört halten – und damit gar nicht mal so falsch liegen, hat von Triers Wahnsinn jedoch stets Methode.

360 Videos werden hier nicht unterstützt. Wechseln Sie in die Youtube App, um das Video anzusehen.

Der Däne arrangiert mit der Handwerklichkeit eines alten Meisters seine Kompositionen, lässt in das gemeinsam mit Jenle Hallund geschriebene Drehbuch sogar stellenweise durchaus prägnante Gesellschaftskritik, gar Ironie einfließen, doch schon im nächsten Augenblick lässt der Agent Provocateur die Situation kippen und tischt Gewalt auf, deren Brutalität einem das Blut in den Adern gefrieren lässt.

Genau deshalb geht von Triers Film auch letztlich nicht auf: Statt den Zuschauer in irgendeiner Weise intellektuell herauszufordern, beschränkt er sich darauf, zu schockieren und das ufert schnell in einen selbstdarstellerischen Gott-Komplex aus, an dem man als Außenstehender dann auch schnell irgendwie das Interesse verliert. Selbst Matt Dillons eindrucksvolle Porträtierung des intelligenten Mörders Jack vermag da auf Dauer nichts mehr zu retten.

Die grundlegenden Fragen, die „The House That Jack Built“ stellt, sind „Muss der Zuschauer sich so etwas Brutales antun und, vor allem, warum möchte er das überhaupt?“ Vielleicht lässt sich dann, auf der Suche nach Antworten darauf, der einzige Grund ausmachen, warum man sich die visuelle und emotionale Tortur antut. Der Mensch lebt schließlich von der Hoffnung allein – und manchmal eben auch etwas vom Selbstmitleid ...

Alle Kinotermine finden Sie in unserem Veranstaltungskalender.