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Blair Witch Project: Meilenstein des Grauens
Kultur 5 6 Min. 18.07.2019

Blair Witch Project: Meilenstein des Grauens

 Ein Manipulationsfehler, der in die Filmgeschichte einging: Während ihres Abschiedsmonologs zoomt Heather Donahue zu sehr auf sich, der Effekt steigerte die gruselige Wirkkraft des Moments um ein Vielfaches, war aber an sich nur eine Fehleinstellung.

Blair Witch Project: Meilenstein des Grauens

Ein Manipulationsfehler, der in die Filmgeschichte einging: Während ihres Abschiedsmonologs zoomt Heather Donahue zu sehr auf sich, der Effekt steigerte die gruselige Wirkkraft des Moments um ein Vielfaches, war aber an sich nur eine Fehleinstellung.
Foto: LW-Archiv
Kultur 5 6 Min. 18.07.2019

Blair Witch Project: Meilenstein des Grauens

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
Wie „The Blair Witch Project“ vor 20 Jahren ein Filmgenre schuf, das seitdem eine Spur der Angst hinterlassen hat.

Bei der Gewinnmarge dieses Films bekommt jeder Banker feuchte Augen: Bei anfangs zwischen 20 000 und 25 000 investierten Dollar kommen am Ende atemberaubende 248.639.099 Dollar heraus – sprich jeder Dollar wird zum 10.000-fachen. Obwohl diese Rechnung so zwar richtig toll klingt, jedoch nicht ganz richtig ist – denn Postproduktion und weitere Nachbesserungen des Vertreibers Artisan Entertainment ließen sie schlussendlich auf 500.000 bis 750.000 Dollar heranwachsen – geht „The Blair Witch Project“ dennoch nicht deswegen in die Filmgeschichte ein. Er geht in deren Annalen ein, weil er die Geburtsstunde des Found-Footage-Films einläutet.

  Die Wackelkamera des Found-Footage-Films taucht Zuschauer in die Emotionen der Charaktere ein.  

Hierbei handelt es sich um scheinbar originales, wiedergefundenes Bildmaterial, das dann auch formal nicht den üblichen „geleckten“ Standards der Filmkunst entspricht, sondern augenscheinlich erhascht wurde. Wo andere Filme durch diskret eingesetzte subjektive Kameraeinstellungen die Identifikation des Zuschauers mit den Figuren fördern, taucht die Wackelkamera des Found-Footage-Films das Publikum schonungslos in das emotionale Erleben der Charaktere ein.


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Hinter dem realistischen Anschein von Reportage, Dokumentation oder Überwachungsaufnahmen, verbirgt sich eine ausgeklügelte List, die Wahrhaftigkeit geschickt vortäuscht. Filmisch ist das Erstlingswerk des Regie- und Freunde-Duos Daniel Myrick und Eduardo Sánchez, das den beiden je vier gänzlich unverhoffte Millionen Dollar Gage einbringt, zweifelsohne kein Meisterwerk. Dennoch ist es formal ein Meilenstein, der Millionen Zuschauer weltweit das Fürchten lehrt und zahlreiche Nachahmer für sein ebenso einfaches, wie wirkungsvolles Konzept findet.

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So richtig in Fahrt gerät die Karriere des Films nach der ersten Vorführung beim Sundance Film Festival – „um Mitternacht im Egyptian, und die Warteschlange ging um das Gebäude herum die ganze Straße entlang“, erinnert sich 2009 im Interview mit „Entertainment Weekly“ Regisseur Daniel Myrick. „An diesem Abend wurde der Film erstanden – wir waren der erste Verkauf beim Sundance.“

Dem Ganzen zugrunde liegt statt eines richtigen Drehbuchs ein 35-seitiger Abriss, der gerade mal grob die Handlung vorgibt. Dialoge werden keine geschrieben, um echter zu wirken, sollen sie von den Schauspielern nämlich „on the spot“ improvisiert werden. „Und dann haben wir entschieden, wir würden die Schauspieler da draußen lassen und versuchen, sie fernzusteuern“, führt Sánchez bei „Entertainment Weekly“ weiter aus.

Wirklich Glück bzw. eine richtig erfolgreiche Filmkarriere bringt die Hexengeschichte den beiden Regisseuren nicht. Wenn man sich ihre respektiven Filmografien genauer ansieht, liest sich Myricks Werkliste eher bescheiden und Sánchez schränkt sie geradezu im Horror-Genre ein. Zumindest kann Letzterer immerhin bei größeren Produktionen wie der „Lucifer“-Serie Regie führen.

Schauspieler werden ausgehungert

Die über eine Kleinanzeige im „Backstage“-Fachmagazin gecasteten Heather Donahue, Joshua „Josh“ Leonard und Michael „Mike“ Williams, bekommen den Job dank ihres Improvisationstalents, das mit 1.000 Dollar pro Drehtag, von denen es nur acht gab, entlohnt wird. Später summiert sich ihre Gage dann – durch den unerwarteten Erfolg – auf annähernd 300.000 Dollar. Dabei ersparen sie den beiden Filmemachern ebenfalls einen Kameramann, weil sie für fast alle Aufnahmen verantwortlich zeichnen.

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Foto: Archiv LW

Da sie sich teure Requisiten nicht leisten können, wird mit den „moyens du bord“ gearbeitet – so stellt beispielsweise Sánchez' Zahnarzt menschliche Zähne für eine der Szenen bereit.

Ihre Instruktionen – knappe Sätze wie „Heather macht mich verrückt“ oder „Josh verliert langsam den Verstand“ – finden die Darsteller per vordefinierten GPS-Koordinaten in 35mm-Filmkanistern. Jeder muss, um die freie Interpretation der Charaktere zu gewähren, seine Anweisungen für sich behalten, was die natürliche Entwicklung der Geschichte ermöglichen soll. Einen ähnlichen Zweck erfüllt auch das Codewort „Taco“, das den Spielpartnern signalisieren soll, dass man kurzzeitig aus der Figur aussteigen will.

Um die „Blair Witch“ noch reeller erscheinen zu lassen, schlüpft die restliche Crew zeitweilig in die Rolle der Hexe – und rüttelt beispielsweise nachts an den Zelten der drei Darsteller oder hinterlässt mysteriöse Zweigmännchen im Wald.

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Praktisch ist, dass der Produzent Gregg Hale früher in der Armee gewesen ist und dort Überlebenstraining absolviert hat – denn die Regisseure arbeiten mit drastischen Mitteln, um Wahrhaftigkeit zu erzielen: „Als das Ende näher kam, begannen wir, ihnen Essen zu entziehen. Am letzten Tag lebten sie buchstäblich nur von einer Banane und etwas Saft“, erinnert sich Eduardo Sánchez bei „Entertainment Weekly“ weiter.

Die 19 Stunden Rohmaterial schneiden die beiden Regisseure in acht Monaten zum 90-Minuten-Film, der am 25. Januar 1999 beim Sundance Filmfestival seine Premiere feiert. Später nimmt der Film ebenfalls an den Internationalen Filmfestspielen von Cannes teil.

Als virales Marketingkonzept entwickeln die Filmemacher unter anderem eine Website, die die Geschichte um das Verschwinden der drei Filmstudenten am 31. Oktober 1994 stützt. Später geht die Vertriebsfirma Artisan Entertainment sogar soweit, Donahue, Leonard und Williams zeitweilig von der Öffentlichkeit abzuschirmen und auf ihren betreffenden Seiten in der „International Movie Data Base“, kurz IMDB, als verstorben zu führen.

Quo vadis, Found Footage?

Der Effekt lässt nicht lange auf sich warten: Auf den Spuren der frei erfundenen Legende der „Blair Witch“ pilgern Tausende Fans mit ihren Fotoapparaten und Kameras nach Burkittsville im Bundesstaat Maryland – Einwohnerzahl 180. Gedreht wurde dort eigentlich aber nur eine einzige Szene: die auf dem Friedhof. Den vorübergehenden Ruhm ihres beschaulichen Kleinstädtchens betrachten die Einwohner dann auch eher ungläubig.

  „The Blair Witch Project“ setzt auf Einfallsreichtum statt auf Mittel. 

Das Rad neu erfunden hat „The Blair Witch Project“ allerdings nicht, denn es gab bereits zuvor Found-Footage-Ansätze. Einerseits 1972 mit dem im 16mm-gedrehten „Tracking the Fouke Monster“, der später in „The Legend Of Boggy Creek“ umbenannt wurde, von Charles B. Pierce. Andererseits acht Jahre später mit dem nach allen Standards des Anstands schrecklichen, in 18 Ländern mit einem Vorführverbot belegten „Cannibal Holocaust“ des italienischen Regisseurs Ruggero Deodato, der – heute undenkbar! – vor laufender Kamera Tiere töten ließ und dabei eine Snuff-Movie-Komponente mit einfließen ließ.

„The Blair Witch Project“ macht aber durchaus Schule und inspirierte zahlreiche Nachahmer. Einer der bekanntesten ist sicherlich „Paranormal Activity“ (2007) von Oren Peli, bei dem das Publikum auf den Aufnahmen der Überwachungskamera geradezu nichts sieht, der die Macht der Vorstellung aber so vollends ausschöpft. Inzwischen bei der sechsten Folge bzw. Ableger angelangt, ist der Reihe unlängst die Puste ausgegangen. 

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Das spanische Regieduo Jaume Balagueró und Paco Plaza wagt 2007 den Genremix und konfrontiert in „[REC]“ ein Fernsehteam in Barcelona auch noch mit Zombies und schafft es ebenfalls auf insgesamt vier Filme. Matt Reeves' „Cloverfield“ (2008) – dessen Kameraführung so unruhig war, dass zahlreiche Zuschauer, regelrecht seekrank, den Kinosaal verlassen mussten – bemüht außerirdische Monsterkreaturen; während der norwegische Regisseur André Øvredals 2010 bei seinem „Trollhunter“ Found-Footage-Elemente der mythologischen Trolle einfließen lässt. Für ihr „Grave Encounters“ gehen The Vicious Brothers 2011 noch einen Schritt weiter und weihen ihre Schauspieler nicht in die Geschichte ein, sodass die Angst auf ihren Gesichtern durchaus echt ist.

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Die Lektion des unerwarteten Erfolges von „The Blair Witch Project“ dürfte eine doppelte sein. Erst mal, dass es nicht große Mittel, sondern gute Einfälle und eine formal stringente Umsetzung braucht, um einen Kinohit zu landen. Und zweitens, dass das Gruseligste noch immer im Kopf und nicht vor den Augen der Zuschauer passiert. 

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