Biennale 2021: Die Stunde der Malerin Tina Gillen
Biennale 2021: Die Stunde der Malerin Tina Gillen
Allzu viel verraten, was sie konkret am Sitz des Luxemburger Pavillons, dem Sale d’Armi mitten im Arsenale – einem der zentralen Ausstellungsgelände der Biennale – plant, möchte sie noch nicht. Erst einmal hat sich bei ihr die große Freude innerlich breit gemacht; nach den Anstrengungen der Bewerbung und dem Gespräch mit der international besetzten Jury um Mudam-Direktorin Suzanne Cotter.
„Es war schon eine Herausforderung. Man weiß natürlich, auf was man sich da potenziell einlässt – und welches Niveau verlangt wird. Man muss alles geben und sich gegenüber der sehr professionell auftretenden Jury behaupten“, gibt Gillen im Gespräch Eindrücke aus dem Auswahlprozess. „Ich glaube, auch mit meinem Ansatz sehr gut verstanden worden zu sein. Und ich finde es wunderbar, dass die Jury damit auch eine Stellungnahme für die Malerei setzt. Selbst, wenn ich als Malerin durchaus auch andere Medien und Grenzbereiche zu anderen Kunstgattungen anschneide, war es mir wichtig, in meinem Vorschlag die Malerei zu betonen.“
Erfahrung und Durchschlagskraft
Wer sich auf den letzten Kunst-Biennalen umgeschaut hat, bemerkt schon, dass der Akzent oft auf Videokunst, Performance und Installation liegt – das weiß Gillen auch. „Malerei ist nicht das schnellste Medium: Sie braucht Zeit, um darzustellen; Zeit, um Antworten zu finden und um sie auch nachhaltig und punktgenau zu produzieren; Film und Fotografie finden schneller produzierbare Antworten. Malerei muss sich eben entwickeln.“
Dass sie es erst im dritten Anlauf geschafft hat, sich mit einem Konzept durchzusetzen, nimmt sie in ihrer über 20-jährigen Karriere nicht tragisch. Vielmehr habe die 1972 geborene Künstlerin nun auch wirklich das Gefühl, mit mehr Gewicht und Sprengkraft in der Aussage ihren Pavillon gestalten zu können.
Und nicht zuletzt bringt sie mit ihrer kontinuierlich aufgebauten Karriere nun schon ein gewisses Netzwerk zwischen den Wurzeln in Luxemburg, dem Arbeits- und Lebensmittelpunkt in Brüssel, der Lehrtätigkeit an der Koninklijke Academie voor Schone Kunsten in Antwerpen und eine Basis an fundierter Resonanz nicht nur durch große Soloschauen wie 2012 im Mudam („Playground“) und 2015 im Brüsseler Bozar („Echo“) ein. „Es könnte für mich jetzt der perfekte Zeitpunkt sein, meine Arbeit zu zeigen“, sagt Gillen.
Fokus auf das Erleben der Malerei
Das Vertrauen in die eigene Qualität spielt dabei eine große Rolle: Sie habe in ihrer Malerei viel an neuen Aspekten gewonnen, die Abstraktion und das Einfangen von Gefühlszuständen immer stärker zuzulassen und punktgenauer fassen zu können, um so einen breiteren Ausdruck zu erreichen, der dem Betrachter noch mehr Impulse gebe. Ganz abgesehen von ihrer Botschaft und Thematik – dem Blick auf den heutigen Menschen und die Konfrontation mit seiner Rezeption von Bildern und der Natur. „Ich möchte den Betrachter packen, sobald er den Pavillon betritt; er soll sich als Teil dieser Ausstellung fühlen“, sagt sie – auch in dem Wissen, dass es schwer ist, unter den Hunderten Kunstwerken der Biennale in Erinnerung zu bleiben.
„Faraway So Close“, so der Titel des Pavillons, sei ein „tableau vivant“ – in das der Betrachter wie in ein Filmset hineingezogen werde, in dem er selbst ein wichtiger Teil sei; und dank ihm selbst, neue Aspekte des Kunstwerks entstünden. Zudem besteche er durch seine Bezugslinien von innen und außen, Landschaft und Architektur, Figuration und Abstraktion.
Suzanne Cotter kommentierte den Entwurf so: „Die Jury wurde von der Überzeugungskraft von Tina Gillens Projekt und ihrer bilddarstellerischen Praxis gefangen genommen, die die Geschichte der Malerei berücksichtigt und sie gleichzeitig mit anderen Medien wie Fotografie und Kino konfrontiert; sowie von der Fähigkeit der Künstlerin, über den traditionellen Rahmen der Leinwand hinauszugehen.“ Ihre im Pavillon angeschnittenen Themen seien zentral für die Menschen weltweit.
Für Gillens Luxemburger Galerist Alex Reding, der mit ihr an dieser Karriere gebaut hat, ist diese Wahl etwas sehr Besonderes: „Das Mudam zeigt mit der Wahl Tina Gillens eine Kontinuität. Das ist ein wichtiges Zeichen. Einmal zeigt es, dass es längerfristig hinter den Künstlern steht; Künstlern, die es in seiner eigenen Sammlung hat, denen es eine Soloshow ermöglicht hat und die es in Gruppenschauen immer wieder eingeflochten hat; und somit eine Karriere durchdacht mit aufgebaut hat. Und das war nicht immer so. Zusammen mit der Anerkennung für Tina außerhalb des Landes ist das ein starkes Zeichen für diese internationale Plattform Biennale“, sagt der Galerist.
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