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Bei Sotheby's in London: Bowies große Kunstsammlung unter dem Hammer
Kultur 3 Min. 10.11.2016 Aus unserem online-Archiv

Bei Sotheby's in London: Bowies große Kunstsammlung unter dem Hammer

'Botallack' von Denis Mitchell, Schätzwert zwischen 7 000 und 10 000 Britischen Pfund, vor einem Bowie-Porträt.

Bei Sotheby's in London: Bowies große Kunstsammlung unter dem Hammer

'Botallack' von Denis Mitchell, Schätzwert zwischen 7 000 und 10 000 Britischen Pfund, vor einem Bowie-Porträt.
Foto: REUTERS
Kultur 3 Min. 10.11.2016 Aus unserem online-Archiv

Bei Sotheby's in London: Bowies große Kunstsammlung unter dem Hammer

Tom RUEDELL
Tom RUEDELL
„Das Einzige, was ich wie ein Süchtiger sammele, ist Kunst“, sagte Rockstar David Bowie einst. Die dieser Sucht geschuldete Privatkollektion ist so vielfältig wie seine Platten. Bis Freitag wird sie in London versteigert.

(dpa) - Der Design-Radioschrank von Achille und Pier Giacomo Castiglioni ist eines der preisgünstigeren Objekte aus der riesigen Kunstsammlung von David Bowie. Einen vierstelligen Betrag müsste ein Fan der im Januar mit 69 Jahren gestorbenen Popikone nach der Londoner Versteigerung am Freitag hinblättern, um ein Stück aus Bowies Privatbesitz sein Eigen zu nennen.

Der Sänger habe den 1966 entworfenen „Radio-Phonograf model no. RR126“ selbst gern benutzt, sagt Sotheby's Expertin Bryn Sayles am Donnerstag beim Rundgang durch die Ausstellung „Bowie/Collector“ in ihrem Auktionshaus. „Er fand es wohl einfach cool, seine Platten auf einem so ungewöhnlichen Musikgerät abzuspielen.“

Die Beziehung Bowies zu dem Möbeldesign-Objekt sagt viel aus über seine Sammlung. Sie ist in all ihrer Vielfalt sehr persönlich und von einem sehr individuellen Geschmack geprägt. „Der Motor für David Bowies Kunstsammlung, die er mit Leidenschaft zusammengetragen hat, war sein persönliches Interesse“, so die Nachlassverwalter. Bowie habe „Ausschau gehalten nach Künstlern, mit denen er sich verbunden fühlte, und nach Werken, die ihn motivierten und inspirierten“, erklärt der Londoner Experte für britische Kunst, Simon Hucker.

Robusti neben Man Ray

Das "Schachspiel" von Man Ray wird auf 20 000 bis 30 000 Pfund geschätzt.
Das "Schachspiel" von Man Ray wird auf 20 000 bis 30 000 Pfund geschätzt.
Foto: REUTERS

So ist in der Ausstellung der gut 350 Werke eine Bibelszene von Jacopo Robusti (1518-1594) direkt neben einem Schachspiel von Man Ray von 1945 platziert. Ein Gemälde von Sir Stanley Spencer von 1920/21 hängt mehreren bildschönen Picasso-Keramiktellern gegenüber. Die Besucher der Londoner Schau schlendern dicht an dicht durch die Sotheby's-Räume - Kunstfreunde und -kenner aller Altersgruppen, einige mit T-Shirts klar als Bowie-Fans gekennzeichnet. Viele staunen über den breiten Ansatz dieser Privatkollektion.

Der Musiker suchte gelegentlich auch Kunst, die auf ihn wirkte wie ein guter Rocksong. Beispielsweise von Frank Auerbach: „Mein Gott, ja! Ich will so klingen wie das hier aussieht“, sagte der Pop-Avantgardist über das Werk des 1931 in Berlin geborenen britischen Malers. Oder Bilder von Jean-Michel Basquiat (1960-1988) - der Stil des Afroamerikaners sei „so eng mit Rockmusik verbunden wie bei wenigen anderen Künstlern“.

Gemälde von Auerbach und Basquiat sind nun Prunkstücke aus Bowies Sammlung, deren Schätzwert bei mindestens 15 Millionen Euro liegt - es könnte aber angesichts des Vorab-Interesses ein deutlich höherer Erlös erzielt werden. Allein in London, Bowies Geburtsstadt, nahmen innerhalb einer Woche über 25 000 Menschen an den Vorbesichtigungen teil. Vermutlich werden nicht nur betuchte Sammler, Museen und Galerien mitbieten, sondern viele immer noch trauernde Bowie-Fans - auf der Suche nach Kunst, die einst bei ihrem Idol an der Wand hing, ihn begeisterte und inspirierte.

Zu Bowies Lieblingskünstlern gehörte Jean-Michel Basquiat, dessen Gemälde "Air Power" mit rund drei Millionen Pfund veranschlagt wird.
Zu Bowies Lieblingskünstlern gehörte Jean-Michel Basquiat, dessen Gemälde "Air Power" mit rund drei Millionen Pfund veranschlagt wird.
Foto: REUTERS

Bowies Kollektion wurde in den 90er Jahren enorm umfangreich („Das Einzige, was ich wie ein Süchtiger sammele, ist Kunst“). Sie enthält teils ausladende Skulpturen und Objekte, die er nur teilweise in seinen Häusern unterbringen konnte - vieles wurde auslagert oder an Museen ausgeliehen, weiß Sotheby's-Expertin Sayles. „Kunst war, ganz ernsthaft, das Einzige, was ich jemals besitzen wollte. Es war für mich immer eine unentbehrliche Nahrung“, sagte Bowie 1998.

Schwerpunkt auf britischer Kunst

Britische Kunst von Auerbach, Henry Moore und Damien Hirst bildet einen Schwerpunkt der nun vom David Bowie Estate in Auftrag gegebenen Auktion. Druckgrafik deutscher Expressionisten wird in London zusammen mit Bowies berühmter „Heroes“-Coverpose präsentiert, zu der er sich von Erich Heckel inspirieren ließ. Auch zur Objektkunst von Marcel Duchamp verspürte Bowie enge Verbindungen: „Ich war glücklich, der Duchamp des Rock zu sein. (...) Er war alles für mich, weil er sagte, dass die Kunst tot sei. Diese Aussage war so mutig.“

Seit seiner Londoner Kindheit in den 50er und 60er Jahren soll sich Bowie für Kunst interessiert haben. 1971 traf der junge Glamrocker den Pop-Art-Übervater Andy Warhol, den er 25 Jahre später im Film „Basquiat“ darstellte. Während seiner berühmten Berliner Jahre mit den bahnbrechend futuristischen Alben „Low“ und „Heroes“, so erinnert sich sein damaliger Soundingenieur Eduard Meyer, war Bowie selbst als Maler aktiv: „Immer war eine Staffelei in der Nähe.“

Später wurde Bowie Redaktionsmitglied der Fachzeitschrift „Modern Painters“ und interviewte in dieser Funktion Maler wie Jeff Koons, Tracey Emin oder Balthus. Der eigene Kunstschatz nahm solche Ausmaße an, dass sich die Familie nun den meisten Werken trennt. Finanziell nötig hätte sie das nicht - das Erbe des geschäftstüchtigen Musikers betrug dem britischen „Guardian“ zufolge weit über 100 Millionen Euro. Seine Familie wolle aber nur „bestimmte Stücke von besonderer persönlicher Bedeutung behalten“, hieß es.

Zunächst sollte am Donnerstagabend moderne und zeitgenössische Kunst aus der Bowie-Kollektion versteigert werden. Teil zwei des Bieterwettbewerbs folgt am Freitagmorgen, am Nachmittag geht die Sotheby's-Auktion mit italienischen Design-Objekten zu Ende.


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