Wählen Sie Ihre Nachrichten​

„Baby(a)lone“: „Die Sprache der Jugendlichen verstehen“
Kultur 5 Min. 07.03.2015 Aus unserem online-Archiv

„Baby(a)lone“: „Die Sprache der Jugendlichen verstehen“

„Baby(a)lone“: „Die Sprache der Jugendlichen verstehen“

(Foto: Ricardo Vaz Palma / Iris Productions)
Kultur 5 Min. 07.03.2015 Aus unserem online-Archiv

„Baby(a)lone“: „Die Sprache der Jugendlichen verstehen“

Das Luxembourg City Film Festival neigt sich seinem Ende zu. Bevor am Samstag die Preisträger dieser 5. Ausgabe ermittelt werden, wird der Film „Baby(a)lone“ Premiere feiern.

Das Luxembourg City Film Festival neigt sich seinem Ende zu. Bevor am Sonntag die Preisträger dieser 5. Ausgabe ermittelt werden, wird am Samstagbend der Film „Baby(a)lone“ Premiere feiern. Ein Gespräch mit Donato Rotunno. 

Interview: Thierry Hick

Donato Rotunno, warum waren Sie beim Lesen von „Amok“ so stark beeindruckt?

Zuerst, weil ich zwei Kinder habe, eine 21-jährige Tochter und einen Sohn von zwölf Jahren. Ich bin also mit der Problematik des Films konfrontiert. Wer bist du? Wie wirst du erwachsen? Wie gehst du mit deiner Umwelt um? Die Fragen, die sich die Jugendlichen im Film stellen, kenne ich und haben mich auch irgendwann in meinem Leben beschäftigt. Beim Lesen von „Amok“, stellte ich mir die Frage, wie ich als Erwachsener diesen Kindern helfen könnte.

Das Drehbuch haben Sie mit dem Buchautor Tullio Forgiarini und dem Produzenten Nicolas Steil geschrieben. Waren sechs Hände nicht zu viel für diese Arbeit?

Es war der Wunsch der Produktion und des Autors, ich habe in dieser Rolle mitgespielt. Nachdem wir lange Ping-Pong gespielt haben, kam dann der Zeitpunkt, an dem ich endlich sagen konnte: „Hier ist das Drehbuch, das ich verteidigen kann, entweder kann ich jetzt allein arbeiten oder ich muss aufhören.“ Nicolas war schnell damit einverstanden, Tullio hatte am Anfang mehr Schwierigkeiten, sein Kind loszulassen. Ich hatte dann die Freiheit, das Drehbuch und meine Regie den Umständen permanent anpassen zu können.

Vom Buch zum Film ist nicht immer ein einfacher Weg.

Zuerst muss man beachten, dass nicht jedes Buch zum Film bearbeitet werden kann. Bei „Amok“ war ich zuversichtlich, dass eine Verfilmung möglich und sinnvoll wäre. Ich hatte die richtige Story, die richtigen Figuren, die Dialoge waren gut und vor allem zeitgemäß. Wie wurden die beiden Hauptdarsteller Joshua Defays und Charlotte Elsen ausgewählt? Jugendliche zwischen 12 oder 13 Jahren, die Luxemburgisch sprechen, ohne Filmerfahrung zu finden, war eine nicht einfache Angelegenheit. Wir haben mit den Lyzeen des Landes Kontakt aufgenommen und in einer ersten Phase 300 Jugendliche ausgewählt. Nach langen Gesprächen und Zusammenspielen wurde die Auswahl immer enger bis schließlich Joshua Defays und Charlotte Elsen zurückbehalten wurden. Sie hatten anfangs keine Ahnung, was auf sie zukommen würde, wollten einfach nur dabei sein. Hätte eine andere Wahl dem Film eine andere Orientierung gegeben? Vielleicht, ich weiß es nicht. 

(Foto: Ricardo Vaz Palma / Iris Productions)

Welche Sprache muss man als Regisseur mit Jugendlichen sprechen, um verstanden zu werden?

Die Antwort ist im Film, wäre ich geneigt zu sagen. Der Film wurde kürzlich im Rahmen des Luxembourg City Film Festival rund 400 Jugendlichen vorgeführt. Anschließend haben wir den Film besprochen. Die Zuschauer kannten mich ja nicht und kein einziger hat mich gefragt, wer ich sei, der so mit ihnen rede. Ich habe an diesem Morgen mein Publikum gefunden und gemerkt, dass sie ihre Sprache wiedererkannt haben und sich mit X und Shirley identifizieren konnten. Dieses Schülertreffen war ein sehr interessanter und spannender Test für mich.

Waren die beiden Hauptdarsteller nicht einer größeren Gefahr beim Dreh ausgesetzt? Wie wurden sie geschützt?

(Foto: Ricardo Vaz Palma / Iris Productions)

Natürlich stehen sie im Mittelpunkt, sie müssen deshalb beschützt werden. Wie weit darf ich in meiner Regiearbeit gehen? Grenzen zwischen Kino und Privatleben dürfen nicht überschritten werden; man darf von Jugendlichen nicht Sachen erwarten, die sie selbst überfordert hätten. Ich habe ihnen stets erklärt, dass sie bestimmte Rollen spielen müssen und nicht ihr eigenes Leben darstellen.

Bestand nicht die Gefahr für Sie als Erwachsener, Regisseur – und auch eben als Vater –, zu stark pädagogisch auftreten zu wollen?

Ich würde eher moralistisch sagen. Dieses Risiko bestand. Ich habe mich dagegen gewehrt und stets versucht, weder den Kindern noch den Erwachsenen, den Eltern 
oder dem Lehrpersonal irgendwelche Form von Schuld zuzuweisen. Die Probleme sind einfach da! 

Gibt der Film Antworten auf die Fragen, die die Jugendlichen sich stellen? 

(Foto: Ricardo Vaz Palma / Iris Productions)

Ich werfe mehr Fragen als Antworten im Film auf. Die Antworten, die ich vorstelle, sind die der Jugendlichen und nicht die der Erwachsenen. Ich verfolge mit dem Film des Weiteren ein pädagogisches Ziel. Zuerst ein Buch, dann ein Film: wenn wir mit diesen beiden Medien die Thematik mit Jugendlichen und Erwachsenen durchdiskutieren können, haben wir gewonnen. Über Sexualität, Gewalt, Drogen und Erwachsenwerden zu sprechen, ist für mich extrem wichtig. Es geht hier nicht nur um einen Film...

Ist Ihr Film eine düstere Fortsetzung des Buches?

Nein. Ich hatte eine andere Auffassung als der Autor. Mein Film ist viel weniger schwarz und pessimistisch. Ich wollte Sonne und Licht. Ich habe versucht, die Karte der Hoffnung zu spielen, obwohl die Lage spannend und dramatisch bleibt. Das Umfeld, in dem der Film gedreht wurde, sollte auch schön sein und nicht nur grau und schwarz. Die Jugendlichen haben alles, nur fehlt die Liebe. Dies ist natürlich eine klare Ausrichtung, die ich dem Film als Regisseur geben wollte. Tullio kann keinen Film drehen und ich kann kein Buch schreiben. Das Buch und der Film sind nun zwei ganz verschiedene Sachen; sie vergleichen zu wollen, wäre meiner Meinung nach ein Fehler, da der Film als Evolution des Buches angesehen werden muss. Was beide Arbeiten verbindet, ist, dass sie sich aus den Fragen und aus den Visionen rund um unsere Gesellschaft ernähren.

Hat die Erfahrung als Produzent Ihnen bei der Regiearbeit viel geholfen?

Diese Erfahrung erlaubte mir natürlich zu wissen, was ich von der Produktion verlangen konnte. Es war schon hilfreich, ich brauchte mir nichts vorzumachen.

Die Story

BABYALONE_176_1.indd
BABYALONE_176_1.indd

Die Geschichte von „Baby(a)lone“ spielt sich nicht in einem trostlosen armen Slum oder irgendwo in einem exotischen Drittwelt-Land ab. Auch bei uns in Europa, wo mit allen Mitteln versucht wird, den Jugendlichen ein bestmögliches Leben anzubieten, gibt es verwahrloste und von der Gesellschaft vergessene „Teenies“. X und Shirley sind zwar nur 13 Jahre alt, haben aber bereits vieles erlebt: Gewalt, Drogen und Pornografie gehören zu ihrem Schulalltag. Die beiden Schüler, die ohne richtige Anhaltspunkte im Leben umherkommen müssen, werden sich näherkommen. Zu zweit fühlen sie sich stärker, um gegen 
ihre Außenwelt zu kämpfen und suchen Zuflucht in einer Scheinwelt. Diese Flucht nach vorne ist auch eine unermüdliche Suche nach dem, was noch immer in ihrem Leben gefehlt hat: die Liebe.

Baby(a)lone, Luxemburg 2015 (Iris Productions), 98 Minuten. Regie: Donato Rotunno, Drehbuch: Donato Rotunno, Tullio Forgiarini, Nicolas Steil. Mit: Joshua Defays, Charlotte Elsen, Etienne Halsdorf, Ginater Parulyte, Fabienne Hollwege, Pit Diederich, Jules Werner. Ab dem 11. März in den Kinos.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Kameramann Darius Khondji: Der Teamplayer
Der Ehrengast des LuxFilmFest 2019 verrät welche Götter in seinem Filmolymp sitzen, warum das Wort seine Initialzündung ist und wem er sein erstes Erfolgserlebnis verdankt.
Filmfestival: Itv Darius Khondji - Foto : Pierre Matgé/Luxemburger Wort
Tommy Krappweis im Interview: Der Tausendsassa
Tommy Krappweis, unter anderem Erfinder von „Bernd das Brot“ und Grimme-Preisträger, wechselt fliegend zwischen Film und Fernsehen, Musik und Literatur. Am 16. und 17. April ist das Allroundtalent einer der Gäste der LuxCon. Ein Interview.
Tommy Krappweis' Lebenslauf birgt so manche Überraschung.
Kino-Kritk der Woche : Baby(a)lone: Jugend ohne Liebe
Mit Buchadaptierungen im Kino ist es so eine Sache: Bleibt man zu nah an der Vorlage, fällt das Resultat blass aus, löst man sich zu sehr, werden Hoffnungen geschürt und – meist – enttäuscht. Donato Rotunnos „Baby(a)lone“ ist ein gutes Gegenbeispiel.