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Auschwitz in Farbe sehen
Kultur 8 Min. 25.01.2020

Auschwitz in Farbe sehen

Zum Leben (wieder-)erweckt: Die Gefangene Nummer 26947, die 14-jährige Czesława Kwoka, die am 15. August 1928 im polnischen Wólka Złojecka geboren wurde ...

Auschwitz in Farbe sehen

Zum Leben (wieder-)erweckt: Die Gefangene Nummer 26947, die 14-jährige Czesława Kwoka, die am 15. August 1928 im polnischen Wólka Złojecka geboren wurde ...
Foto: Faces of Auschwitz/Colorized by Marina Amaral/Auschwitz Memorial and Museum
Kultur 8 Min. 25.01.2020

Auschwitz in Farbe sehen

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
Durch ihr „Faces of Auschwitz“-Projekt hebt die digitale Koloristin Marina Amaral die Zeit buchstäblich auf. Im Interview spricht sie über ihre erste Begegnung mit der 14-jährigen Czesława Kwoka, Photoshop als den idealen Verbündeten der Erinnerung und Panikattacken als Preis ihres Fleißes.

Marina Amaral, mit welchem Gefühl im Bauch werden Sie den kommenden 27. Januar, den 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau, begehen?

Ich fühle mich von Jahr zu Jahr trauriger, da uns die Überlebenden langsam verlassen. Letztes Jahr habe ich so eine liebe Freundin verloren: Eva Kor, eine der größten und wichtigsten Stimmen. Und ich kann noch immer nicht glauben, dass sie bei diesem Jahrestag nicht mehr an unserer Seite sein wird, genau wie auch viele andere Überlebende nicht mehr zugegen sein werden. Aber gleichzeitig fühle ich mich motivierter und angespornter mit der Arbeit, die wir mit „Faces of Auschwitz“ leisten, auch weiterzumachen. Wir dürfen diese Geschichten nicht vergessen lassen.

Was wussten Sie eigentlich über den Holocaust und Auschwitz, bevor Sie zum ersten Mal dem Porträt der jungen Czesława Kwoka begegneten? Wie nahe beziehungsweise fern war Ihnen, als gebürtiger Brasilianerin, dieses tragische Kapitel europäischer Geschichte, bevor Sie mit den „Faces of Auschwitz“ begannen, und wie hat sich Ihre Perspektive darauf durch diese Arbeit verändert?

Ich war schon immer besonders an diesem Kapitel Geschichte interessiert. Ich habe als Zwölfjährige „Das Tagebuch der Anne Frank“ gelesen, und diese Erfahrung hat tiefe Spuren in mir hinterlassen. Ich glaube, es ist erst ihre Geschichte, die es mir ermöglicht hat, zu verstehen, was der Holocaust eigentlich ist. Als ich Czesławas Foto fand, ermöglichte mir dies ein noch tiefgründigeres Verständnis. Denn Czesława war nicht Jüdin. Also begann ich intensiver über andere Gruppen zu recherchieren, die ebenfalls von den Nationalsozialisten zum Ziel genommen und verfolgt wurden: Polen, Zeugen Jehovas, Homosexuelle ... Heute bin ich nicht mehr nur ein Leser dieses Kapitels Geschichte, sondern jemand, der aktiv versucht, diese Geschichten und Erinnerungen zu bewahren und sie zu teilen.

Die 1994 im brasilianischen Belo Horizonte geborene Marina Amaral koloriert digital historische Schwarz-Weiß-Aufnahmen.
Die 1994 im brasilianischen Belo Horizonte geborene Marina Amaral koloriert digital historische Schwarz-Weiß-Aufnahmen.
Foto:Marina Amaral

Hatten Sie eigentlich die Dynamik, die dieses eine Foto losgelöst hat, erwartet – mit plötzlich all dieser öffentlichen Aufmerksamkeit für Ihre Arbeit durch Medien weltweit und zugleich den emotionalen Impakt, der sich durch die Kommentare zahlloser Privatpersonen zeigt?

Nein, ich hätte mir niemals träumen lassen, dass so viele Dinge passieren würden. Es war unerwartet, gänzlich überraschend, und hat mich buchstäblich völlig kalt erwischt. Als ich das erste Mal bei der BBC die Nennung ihres Namens sah, brach ich in Tränen aus: Bis dahin wusste ja niemand, wer sie war, und jetzt plötzlich sagten und wiederholten Menschen rund um den Erdball ihren Namen im Fernsehen, in Zeitungen und auf Webseiten. Es ist ein überaus bizarres Gefühl, weil ich sie ja natürlich nicht persönlich kannte, sie jedoch zu einem sehr wichtigen und ganz besonderen Teil meines Lebens geworden ist. Ich fühle mich ihr auf eine Art und Weise nahe, die ich nicht erklären kann.

Schwarz-Weiß-Fotografien einzufärben, bedeutet auch, historische Fakten zu respektieren. Wie gestaltet sich Ihre Recherchearbeit, bevor Sie ein Kolorierungsprojekt starten, da Sie ja nicht immer Quellen zur Hand haben, die Ihnen absolut zuverlässige Informationen über bestimmte Farben liefern?

Alle Fotografien, an denen ich arbeite, unterliegen erst einmal einer rigorosen Recherche. Hierfür zähle ich auf die Hilfe mehrerer Historiker und Spezialisten, die mich in die richtige Richtung lenken. Im Falle der Aufnahmen, die auf „Faces of Auschwitz“ veröffentlicht werden, schickt das Auschwitz Museum mir alle Informationen zu, die sie über die betreffenden Personen haben, – und das ist alles, was ich brauche. Sie analysieren die Fotografien auch bevor und nachdem sie veröffentlicht werden, um sicherzugehen, dass ich beispielsweise die richtigen Farbtöne für die Identifikationsmarken und Dreiecke benutzt habe.


Ein Blick auf den Holocaust, generationsübergreifend
Karolina Markiewicz und Pascal Piron bringen mit „The Living Witnesses“ zwei Holocaust-Überlebende und drei Jugendliche zusammen.

Sie als Koloristin sind zudem die erste Person, vor deren Augen diese Porträts regelrecht zum Leben erwachen. Ich kann mir vorstellen, dass dies emotional belastend ist, wissentlich welch tragisches Schicksal diese Menschen während des Holocausts ereilt hat. Wo finden Sie die innere Stärke, diese Gefühlsbürde zu tragen?

Ich fühle mich gefühlsmäßig regelrecht zerstört, wenn ich fertig bin mit einem Bild. Ich habe Panikattacken und das ganze Begleitprogramm. Und ja, es ist nicht leicht. Jedoch der Gedanke, diese Geschichten regelrecht zu bergen, den Opfern ihre Identität zu geben und dafür zu sorgen, dass Menschen ihre Namen kennen, spornt mich an. Ich kann jetzt nicht aufhören!

Warum wurde aus diesem einen digital eingefärbten Bild der 14-jährigen Czesława ein ganzes Projekt: „Faces of Auschwitz“?

Weil ein 14-jähriges Mädchen ein Gedicht über Czesławas eingefärbtes Porträt schrieb und es mir zuschickte. Das ließ mich erkennen, dass ich da etwas sehr Kraftvolles und Wichtiges vor mir hatte und dass ich etwas noch Größeres und Bedeutungsvolleres daraus machen musste.

Was soll Ihr Projekt beim Betrachter denn emotional bewirken?

Ich hoffe, dass die Fotografien Menschen dazu anspornen, ihre Geschichten zu lesen und zu verstehen, dass der Holocaust menschliche Wesen und nicht Nummern zerstörte. Jedes einzelne Opfer, das die Hasspolitik Nazi-Deutschlands tötete, hatte eine Geschichte, Familie, Freunde, Träume, Ambitionen, Ängste ...

Und wieso, denken Sie, verändert die digitale Kolorierung die Art und Weise so sehr, wie wir diese Menschen sehen?

Die Farbe erlaubt es uns, dieses Empfinden auf weniger abstrakte Art zu verstehen. Sie hilft uns zudem, eine emotionale Verbindung zu schaffen, die meiner Meinung nach begrenzter ist, wenn wir uns Schwarz-Weiß-Fassungen dieser Porträts ansehen. Die Nationalsozialisten haben versucht, diese Menschen zu entmenschlichen. Was wir nun versuchen, ist ihnen genau diese Menschlichkeit wiederzugeben.

Die 14-jährige die 14-jährige Czesława Kwoka wurde am 12. März 1943 durch eine Phenolinjektion ins Herz in Auschwitz getötet wurde – die blutige Lippe verpasste ihr ein brutaler Lagerwächter kurz vor der Aufnahme. Sie kam - gläubige Katholikin -  mit der Mutter als politische Gefangene nach Auschwitz.
Die 14-jährige die 14-jährige Czesława Kwoka wurde am 12. März 1943 durch eine Phenolinjektion ins Herz in Auschwitz getötet wurde – die blutige Lippe verpasste ihr ein brutaler Lagerwächter kurz vor der Aufnahme. Sie kam - gläubige Katholikin - mit der Mutter als politische Gefangene nach Auschwitz.
Foto: Faces of Auschwitz/Marina Amaral/Auschwitz Memorial and Museum

Warum wurden Sie digitale Koloristin ein Beruf der eigentlich nichts mit Ihrer schulischen Ausbildung, dem Studium internationaler Beziehungen, zu tun hatte?

Ich hatte schon immer eine Leidenschaft für Geschichte und habe auch schon immer gerne das Bildbearbeitungsprogramm Photoshop in meiner Freizeit benutzt. Ich interessierte mich für die Technik der digitalen Kolorierung, als ich ganz zufällig 2015 auf eine Sammlung eingefärbter Bilder stieß – und seitdem habe ich nicht aufgehört zu üben. Und ich dachte nie, dass es zu meinem Beruf werden würde, aber ich fühle mich privilegiert und glücklich, dass daraus solch ein interessanter Werdegang wurde und ich die Möglichkeit habe, bei meiner Arbeit etwas zu tun, was ich liebe.

Wie wird man denn zur digitalen Koloristin, sprich wie eignet man sich die technischen Fähigkeiten an, die hierfür notwendig sind?

Mit jeder Menge Geduld!

Und wie läuft die Arbeit dann praktisch ab: Welche Programme benutzen Sie und wie lange braucht es, um ein Bild zu kolorieren?

„Faces of Auschwitz“ ist für Marina Amaral eine Herzensangelegenheit.
„Faces of Auschwitz“ ist für Marina Amaral eine Herzensangelegenheit.
Foto: Marina Amaral


Ich benutze, wie gesagt, das Photoshop-Programm und die Zeit hängt wirklich von Projekt zu Projekt ab. Ich kann 40 Minuten, eine Stunde oder auch tagelang an einer einzigen Aufnahme arbeiten. Ich brauchte beispielsweise zwei Jahre, um mein erstes Buch, „The Colour of Time: A New History of the World, 1850-1960“, fertigzustellen, und zwei weitere für das zweite, „The World Aflame: A New History of War and Revolution: 1914-1945“, das nun im Mai erscheint.

Ist der Akt des Kolorierens in einer Gesellschaft, die durch soziale Medien wie Facebook und Instagram immer stärker auf das Visuelle fußt, ein wirksamer Weg, die Vergangenheit in die Jetztzeit zu bringen und so auch für zukünftige Generationen zu bewahren? Warum müssen wir Menschen immer erst sehen, um zu glauben – und vor allem, wie gefährlich ist diese Kombination zwischen dem Sehen und dem Glauben in einer Epoche, da digitale Technologien ebenfalls leicht Fake News generieren können, indem sie dazu genutzt werden können, um Realitäten zu verändern?

Sicherlich. Ich respektiere die Originalaufnahmen und werde ihre Wichtigkeit als historische Dokumente niemals abtun. Ich denke jedoch auch, dass jegliche Technologie da ist, um uns zu helfen. Und wenn wir sie nun auf eine Art und Weise nutzen können, die Menschen dazu anspornt, verschiedene Dinge in Angriff zu nehmen, wie beispielsweise ein Buch über eine bestimmte Zeit zu lesen, warum sollten wir es dann nicht tun? Wir müssen verstehen, dass Kinder heute in eine Welt hineingeboren werden, in der iPads und iPhones existieren und Teil des Lebens sind. Sie haben beispielsweise nicht dasselbe Interesse wie frühere Generationen, sich einen Schwarz-Weiß- und Stummfilm anzusehen. So sehr es vielleicht auch schmerzt, dies laut zu sagen, ist dies für sie wohl etwas überaus Langweiliges. Deshalb müssen wir uns anpassen und neue Wege finden, ihr Interesse an Themen zu wecken, die uns wichtig erscheinen.

Wie durch die „Faces of Auschwitz“ ... Aktuell ist dies ein rein digitales Projekt mit einer dedizierten Webseite. Gibt es vielleicht Pläne, später einmal auch daraus ein Buch zu gestalten ähnlich wie Ihr zuvor erwähntes „The Colour of Time: A New History of the World, 1850-1960“, das Sie gemeinsam mit dem britischen Historiker Dan Jones veröffentlichten?

In Kürze wird ein Dokumentarfilm darüber herauskommen. Das ist vorerst der nächste Schritt für uns. Ein Buch ist zwar in Planung, aber es wird nicht gleich erscheinen.

Notwendig scheint es ja als Mahnung: Der brasilianische Kulturminister Roberto Alvim musste kürzlich seinen Hut nehmen, weil Teile einer seiner Ansprachen verdächtig an eine Rede von Joseph Goebbels aus dem Jahr 1933 erinnerten ...

Das Einzige, was ich dazu sagen kann, ist, dass das Ganze völlig absurd ist. Wir wissen um die Zerstörung, die die Nazis verursacht haben, wie viele Menschen als Resultat der Hassreden und von Hass getriebenen Politik, die von Hitler, Goebbels und all ihren Helfershelfern verfochten wurde, sterben mussten. Und es macht mir Angst, dass auch nach so vielen Gelegenheiten aus dem, was passiert ist, zu lernen, manche Menschen noch immer keinen Deut Scham empfinden, direkt oder indirekt zuzugeben, dass ihnen all dies einfach egal ist.

facesofauschwitz.com

www.marinamaral.com


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