Art Wiltz

Begegnung mit Unbekanntem

Zwei Steinskulpturen der Berliner Bildhauerin Birgit Knappe im Wiltzer Schlosshof

Zwei Felsblöcke, vier Wochen Arbeit: Birgit Knappe zieht eine positive Bilanz ihrer Wiltzer Residenz.
Zwei Felsblöcke, vier Wochen Arbeit: Birgit Knappe zieht eine positive Bilanz ihrer Wiltzer Residenz.
Foto: Thierry Hick

von Thierry Hick

Die 1955 geborene Künstlerin traf auf Paul Bertemes bei einem Skulpturensymposium in Saarbrücken. 2012 stellte sie im hauptstädtischen Espace mediArt des Luxemburger Galeristen aus. Zwei Jahre später wollte Paul Bertemes die Bildhauerin nochmals nach Luxemburg einladen. 2017 sollte die Idee umgesetzt werden können. Mit der Wiltzer „Coopérations asbl“ wurde der richtige Partner für die „Art Wiltz“-Residenz in Wiltz gefunden. Birgit Knappe sollte in einer knappen Zeitspanne von einem Monat ihr Kunstwerk realisieren können, vorbeikommende Touristen sollten die Künstlerin bei der Arbeit beobachten können. Das ganze Projekt sollte im Wiltzer Schloss – oberhalb der Freilichtbühne – stattfinden.

„Bei einem ersten Besuch im Mai entdeckte ich das Areal rund um das Schloss“, so die Künstlerin. Obwohl sie keine genaue Vorschriften zu beachten hatte, sollte sie mit „einem lokalen Stein“ arbeiten. Im Steinbruch der Firma Rinnen in Consthum fiel schlussendlich ihre Wahl auf Grauwacke.

Birgit Knappe: „Jeder Stein hat seinen eigenen Charakter und seine 
eigene Expressivität“.
Birgit Knappe: „Jeder Stein hat seinen eigenen Charakter und seine 
eigene Expressivität“.
Foto: Thierry Hick


  Ich will den Stein nicht mit meinen Ideen vergewaltigen. Birgit Knappe, Bildhauerin 

„Dieser Stein wird von Bildhauern üblicherweise nicht benutzt. Grauwacke ist härter und kompakter als Schiefer und zeichnet sich durch verschiedene Lagen mit unterschiedlichen Härtegraden aus. Ich hatte einen ganz eigenartigen Stein ausgewählt.“

Spannende Bekanntschaft

Warum diese Wahl? In Wiltz, wie überall, muss die Bildhauerin sich nicht nur an die Umgebung anpassen, sondern vor allem an die Natur der Materie, die sie bearbeiten will. „Eine Bekanntschaft mit einer unbekannten Materie ist immer spannend. Jeder Stein hat seinen eigenen Charakter, seine eigene Expressivität und oft eine spezifische malerische Oberfläche. Als Künstler muss man stets darauf achten, den Stein leben zu lassen. Als Bildhauerin darf ich den Stein nicht mit meinen Ideen vergewaltigen, er wird zu einem regelrechten Partner“, unterstreicht die deutsche Künstlerin.

Die zwei gelieferten Steine sorgten bereits am Anfang der Residenz von Birgit Knappe in Wiltz für Überraschung. 2,5 bis 3 Tonnen schwer und mit je einem Volumen von mehr als 1 m3 überschritten die beiden Felsblöcke die Erwartungen der Künstlerin.

Umdenken, eine absolute Notwendigkeit

„Die beiden Blöcke wurden nicht von Menschenhand geformt, sie haben sich von der Felswand auf natürliche Weise gelöst. Ich musste mich also mit den Formen und Maßen abfinden. Am Anfang, hatte ich zwei Hocker geplant. Die späteren Besucher oder Touristen, die im Schlosshof vorbeikommen werden, sollten sich drauf sitzen können“, so Birgit Knappe, die jedoch schnell umdisponieren musste. Umso mehr, weil sie ihren Eingriff auf die Materie so minimal wie möglich halten wollte. „Von einer bestimmten Idee ausgehend, andere Wege suchen zu müssen und seine Sprache spontan anzupassen, spornt mich an. Umdenken wird zur absoluten Notwendigkeit“.

Auch wenn sie mit ihrer Grundidee meistens zufrieden ist, muss die Künstlerin sich also nicht nur anpassen können, sondern Phasen von Fragen und Ungewissheit in Kauf nehmen können. „Bin ich auf dem richtigen Weg? Am Anfang bin ich oft davon überzeugt. Wenn Unerwartetes oder Nähte in der Materie auftreten, fange ich oft an zu zweifeln.“

Spezifische Sprache

Dass Bildhauerei eine spezifische Sprache ist, dessen ist sich Birgit Knappe wohl bewusst. Arbeiten mit Hammer, Meißel, Trennscheibe, Sprengkeilen gehören zu ihrem Alltag. „Das Besondere ist, dass jede Geste, jeder Eingriff meistens unwiderruflich ist. Der Reiz an Bildhauerei besteht eben darin, eine Struktur oder eine Form über ihre eigene Form herauswachsen zu lassen“ so die Berlinerin, die ebenfalls als Kunstpädagogin und Therapeutin tätig ist.

Für ihre Installation hat Birgit Knappe den Namen „Rencontres“ ausgewählt. Eine Begegnung mit der Materie und mit dem Publikum. Ob Stubendeko oder Gartenskulptur, jedes Kunstwerk soll vom Beobachter ohne Zwänge wahrgenommen werden können. „Ich erzähle keine Geschichten, ich will nicht meine Ideen, meine Meinung aufdrängen. Mein Ziel ist es, Räume zu öffnen, damit jeder seine eigenen Erfahrungen sammeln kann“, betont Birgit Knappe. Nach ihrer Residenz reiste die Bildhauerin zurück nach Berlin – unter anderem um ein Wasserrohrbruchproblem in der eigenen Wohnung zu lösen. Am 22. September wird sie wieder in Wiltz sein: um 18 Uhr werden ihre beiden „Rencontres“-Skulpturen dann eingeweiht.