Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Appetitlich, aber nicht ganz gar
Kultur 1 2 Min. 02.06.2018 Aus unserem online-Archiv

Appetitlich, aber nicht ganz gar

Juliet (Lily James) probiert den namensgebenden Kartoffelschalenauflauf des ÑGuernseyer Freunde von Dichtung und Kartoffelschalenauflaufì Buchclubs.

Appetitlich, aber nicht ganz gar

Juliet (Lily James) probiert den namensgebenden Kartoffelschalenauflauf des ÑGuernseyer Freunde von Dichtung und Kartoffelschalenauflaufì Buchclubs.
Foto: STUDIOCANAL GMBH / KERRY BROWN
Kultur 1 2 Min. 02.06.2018 Aus unserem online-Archiv

Appetitlich, aber nicht ganz gar

Mireille MEYER
Mireille MEYER
Auf den ersten Blick genauso putzig wie sein Name, versteht dieses historische Drama von Mike Newell es, die Fallen des Kitsch zu umgehen. Es ist ein behaglicher Film, der jedoch eine wirkliche Auseinandersetzung mit dem geschichtlichen Hintergrund vermissen lässt.

Eine junge, bezaubernde Heldin aus der Großstadt, ein attraktiver Schweinebauer, eine Reihe schrulliger Charaktere vom Land und eine wunderschöne Umgebung, was das Poster verspricht – eine schön erzählte Romanze, gespielt von einem guten Ensemble – das hält der Film bis ins Detail. Die Schriftstellerin Juliet Ashton (Lily James in gewohnt charmanter Art) genießt mit ihrem Geliebten Mark (Glen Powell, der passend zu dieser Rolle gänzlich ohne Charme auskommt) den Glanz und Glamour des London der Nachkriegszeit. Doch sie hat das Gefühl, die Gesellschaft sei aus einem langen, dunklen Tunnel hinaus geradewegs in einen Karneval geraten. Juliet sehnt sich nach mehr, nach Tiefgang, Sinn und einer guten Story.

Geheimnisvoll und romantisch

Auch der Zuschauer erwartet sich vom Film die Erfüllung dieser drei Wünsche, zu der es aber nur teilweise kommt. Die Handlung, die auf dem Roman von Mary Ann Shaffer und Annie Barrows basiert, beinhaltet genug Geheimnisse, um daraus eine Art Detektivgeschichte zu machen. Warum ist Elizabeth McKenna (Jessica Brown Findlay, die leider zu wenig zum Zuge kommt), Gründerin der „Guernsey Literary and Potato Peel Pie Society“, verschwunden und was ist mit ihr passiert? Und weshalb untersagt Amelia (Penelope Wilton, zuverlässig wie immer) der Autorin Juliet, über sie und ihre Freunde aus dem Buchklub zu schreiben? Der Film, mit einer Spielzeit von etwas mehr als zwei Stunden, hätte sicherlich ein paar Kürzungen vertragen. Doch die nach und nach an die Oberfläche kommenden Konsequenzen des Verlusts von geliebten Menschen sorgen dafür, dass die Geschichte auf emotionaler Ebene interessant und bewegend bleibt.

Das Historiendrama hat gerade genug Tiefgang, um es davor zu bewahren, lediglich niedlich und entzückend daherzukommen. Dazu gehören Überlegungen zur Gleichberechtigung der Frau. Diese werden aber gleich wieder mit der Bemerkung von Isola (eine erfrischend eigenartige Katherine Parkinson) gegenüber der wunderhübschen Juliet, sie selbst sei vom Aussehen her zu gewöhnlich, um einen Mann abzukriegen, zunichte gemacht und Schema X – außerordentlich attraktive Menschen finden unter den Augen vermeintlich weniger schönen Menschen zusammen – nimmt wieder seinen Lauf. Es ist ein Nachteil des Films, dass er mehr Wert auf die Romanze, als auf die Besatzung der Kanalinsel Guernsey durch deutsche Truppen und die Auswirkungen der Nazi-Herrschaft auf die Einwohner legt.

360 Videos werden hier nicht unterstützt. Wechseln Sie in die Youtube App, um das Video anzusehen.

Besonders verstörend ist die Tatsache, dass eine bestimmte Beziehung nicht weiter hinterfragt und sogar, wenn auch missbilligend, geduldet wird, wenn man weiß, dass zu Besatzungszeiten eine gemeinsame Front gegen den Feind verlangt war. Da reicht der Satz: „Er hat sie nicht umgebracht. Die waren es!“, nicht als Erklärung.

Absolutes Plus dieses Films sind die Landschaft, das Szenen- und Kostümbild. Wer Kino als eine Aneinanderreihung schöner Bilder mag, der wird gut bedient. Gedreht wurde zwar nicht auf Guernsey, sondern in Devon und Cornwall, doch das kümmert wirklich wohl nur Einheimische. Die Natur, die Klippen, das Meer, die Felder, alles ist umwerfend fotogen. Die Ausstattung der Sets ist detailverliebt, alles sieht einfach nur ausgezeichnet aus. Realistisch ist es nicht, doch wen stört’s? Der gesamte Film lebt von einer gehörigen Portion Nostalgie.