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Angst regiert Amerika
 Für den Sicherheitsexperten Will Sawyer (Dwayne Johnson)  geht es im brennenden Hochhaus ums nackte Überleben – und auch noch den guten Ruf.⋌

Angst regiert Amerika

FOTO: UNIVERSAL STUDIOS/KIMBERLEY FRENCH
Für den Sicherheitsexperten Will Sawyer (Dwayne Johnson) geht es im brennenden Hochhaus ums nackte Überleben – und auch noch den guten Ruf.⋌
Kultur 1 2 Min. 14.07.2018

Angst regiert Amerika

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
Gefangen in einem brennenden Hochhaus: Zu einem nach der Londoner Grenfell-Tower-Tragödie etwas unglücklichen Zeitpunkt, nimmt Hollywood dies als Ausgangssituation für einen Actionfilm und offenbart dabei – trotz des Schauplatzes Hong Kong – Amerikas tiefste Ängste und größte Träume.

Vielleicht ist „Skyscraper“ ja im Grunde einfach nur eine filmische Hommage an Papa sprich Marshall Thurber, erfolgreicher Anwalt, Immobilienmakler, Autor, Visionär und nebenbei auch noch Vater des Regisseurs Rawson Marshall Thurber, Jahrgang 1975. Vielleicht ist der Film aber auch eine Ode an den Underdog und demnach ansprechend eingepackte, subliminale Kritik am Typus „Erfolgsmensch“ ebenso wie am klassischen Schema nach dem die Vereinigten Staaten scheinbar funktionieren, i. e. die Menschen dort durch Eines in einer wirksamen Art mentaler Schockstarre zu halten: Angst. 

Denn was gibt es wirksameres als ein Gefühl der Bedrohung, um sie näher aneinander und leichter unter die Furche politischer Führer (und seien diese noch so lächerlich inkompetent) rücken zu lassen? Richtig: Nichts! 

Die Zügel der Macht sind einfach gestrickt in den Vereinigten Staaten, umso mehr, da sie noch immer krampfhaft an ihrem Gründermythos des Überlebenskampfes ihrer Vorfahren festhalten – und dabei immer stärker auf das „ich“ – das auch durch die gesellschaftliche Keimzelle „Familie“ versinnbildlicht werden kann – als das „wir“ setzen. Der frühere FBI-Agent und Kriegsveteran Will Sawyer (Dwayne Johnson) steht hier stellvertretend für sein Land: alleine in der feindlichen Fremde (Hong Kong), angeschlagen (ein Einsatz hat ihn das rechte Bein gekostet) und von Selbstzweifeln zerfressen.

Trotzdem muss der gute Mann Geld für seine kleine Familie verdienen und arbeitet als Sicherheitsexperte. Als Söldner das Hochhaus stürmen, das er gerade als das sicherste der Welt zertifiziert hat, sein Ruf auf dem Spiel steht und es dann auch noch ein Feuer ausbricht und das Leben seiner Ehefrau, Militärärztin Sarah (Neve Campbell), und der beiden Zwillinge in Gefahr ist – wächst der Krüppel zum richtig amerikanischen Helden über sich hinaus.

„Die Hard“ lässt grüßen 

Letzteres so sehr, dass wenn er nicht vom Sympathieträger Dwayne Johnson verkörpert würde, das Ganze als lachhaft heroische Propaganda abgetan werden könnte. Nun ist Johnson aber Johnson – und hat einfach diese unglaubliche Lockerheit und die notwendige Prise Selbstironie, die einerseits ihn so einnehmend, andererseits den gezeigten Angriffs auf uramerikanische Werte wie Familie, Sicherheit oder Loyalität überhaupt erträglich macht.

„Skyscraper“ vermischt, wie schon so manches Werk vor ihm, die beiden publikumsträchtigen Genres des Katastrophen- und Actionfilms und könnte so etwas wie der uneheliche Spross von „The Towering Inferno“ (1974) und „Die Hard“ (1988) sein – nicht von ungefähr ist eines der Filmposter dann auch eine Parodie auf Letzteren. Und Johnson wandelt hier nicht in Bruce Willis' Fußstapfen, sondern geht ganz bestimmt seinen eigenen Weg – ohne sich dabei allzu ernst zu nehmen. 

Über die Glaubwürdigkeit des Ganzen lässt sich diskutieren, wobei es um sie im Endeffekt auch nicht geht: „Skyscraper“ steht schamlos zur puren Adrenalinunterhaltung, die er bietet. Actiongetrieben und dynamisch gibt es viel gute Gefühle, fliegende Perspektivwechsel und atemberaubende Stunts – für die es kein 3D braucht, um sich im bequemen Kinosessel schwindelig zu spüren. Perfektes Sommer-Popcornkino ohne Anspruch doch mit umso mehr Spaß, in das man nicht wegen der Geschichte geht (schließlich weiß man noch bevor es anfängt, wie sie ausgeht), sondern weil auch der kritischste Geist kurz mal Ferien verdient hat...