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Als zwei Welten kollidierten

Als zwei Welten kollidierten

Als zwei Welten kollidierten
Deep Purple's "Concerto for Group and Orchestra"

Als zwei Welten kollidierten


von Tom RUEDELL/ 24.09.2019

Ehrwürdig: Die Royal Albert Hall im Londoner Stadtteil Kensington.Foto: David Iliff / CCBY-SA 3.0

Am 24. September 1969 erlebte die Londoner Royal Albert Hall Musikgeschichte: Deep Purple führten mit dem "Royal Philharmonic" Jon Lords "Concerto for Group and Orchestra" auf. Ein Tag, an dem zwei musikalische Welten mit Wucht aufeinandertrafen - Ausgang offen. 30 Jahre später kam das Werk auch nach Luxemburg.

Es war ein explosiver Cocktail, der für Ende September 1969 in London angekündigt war: Deep Purple, eine der ambitioniertesten "neuen" Rockbands des Vereinigten Königreichs hatten gerade eine richtungsweisende Besetzungsänderung vorgenommen. Erst seit Juli spielte die sogenannte "Mark II" mit den Neuzugängen Ian Gillan (Gesang) und Roger Glover (Bass) zusammen. Eine Platte im neuen, härteren Sound stand noch aus, eine Anzahl Konzerte und gute Presse gab es aber schon - unter anderem bereits mehrere Shows für die BBC und eine Skandinavien-Tour. 

Und dann das: Am 24. September sollte diese zottelige, wilde Rockband zusammen mit dem Royal Philharmonic Orchestra auftreten, den klassisch ausgebildeten Musikern der Queen höchstselbst. In der altehrwürdigsten aller Konzerthallen obendrein, der "Royal Albert Hall of Arts and Sciences" in Kensington. Beide Parteien - die Rockfans und die Klassikhörer - horchten auf. 

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Geschuldet war dieses unwahrscheinliche Aufeinandertreffen zweier extremer Gegensätze dem Zeitgeist der späten 1960er und drei handelnden Personen. Zunächst war da Jon Lord, Organist bei Deep Purple, 28 Jahre alt, klassisch ausgebildet und schon seit mehreren Jahren schwanger mit der Idee, Rock und Klassik zu vereinen. Erzählt hatte er davon oft, nur Gelegenheit dazu hatte er nie. Lord war nach abgebrochenem Studium früh Profimusiker geworden, im "Swinging London" gab es reichlich Arbeit für einen wie ihn - zuerst mit den Artwoods, dann mit den Flowerpot Men, die später zu Deep Purple mutierten. Für seinen großen Traum, das Schreiben einer Partitur für Rockband und Symphonieorchester, hatte Lord eigentlich keine Zeit. 

Ich kam von Konzerten nach Hause, irgendwann zwischen 1 und 4 Uhr nachts, setzte mich mit einer riesigen Tasse Kaffee hin und komponierte bis zum Sonnenaufgang.

Jon Lord

Die Entscheidung nahm ihm der damalige Deep-Purple-Manager Tony Edwards kurzerhand ab: Edwards eröffnete dem gestressten Lord im April 1969, dass er die Royal Albert Hall nebst Orchester für Ende September klargemacht habe. Lord musste liefern und begab sich ans Werk: "Ich kam von Konzerten nach Hause, irgendwann zwischen 1 und 4 Uhr nachts, setzte mich mit dem Manuskript und einer riesigen Tasse Kaffee hin und komponierte bis zum Sonnenaufgang."  Auf dem Wohnzimmerteppich übrigens, denn der junge Rockstar hatte keinen Tisch im Haus, auf dem die komplette Partitur Platz fand. 

Rund 50 Shows in den USA, England, den Niederlanden, Dänemark und Schweden weist die Deep-Purple-Konzertliste seit Mai 1969 bis zum Probenbeginn für das "Concerto" aus, mitten hinein fällt der Besetzungswechsel - es ist nicht davon auszugehen, dass Jon Lord sich in diesen vier Monaten langweilte. 

Genervter Gitarrist vor pikierten Streichern: Ritchie Blackmore.
Genervter Gitarrist vor pikierten Streichern: Ritchie Blackmore.
Foto: Screenshot youtube

Der dritte und entscheidende Akteur ist Malcolm Arnold, ein Komponist von Rang, der dem Klassik-Publikum nicht nur durch seine eingängigen symphonischen Werke, sondern auch durch seine Filmmusik ("Die Brücke am River Kwai") bekannt war. Er hört sich Lords Idee an, liest die Partitur und erklärt sich bereit, dem jungen  Kollegen eine Chance zu geben und das "Royal Philharmonic" für ihn zu dirigieren - oder besser "zu bändigen", denn der konservative Klangkörper erweist sich zunächst als echter Hemmschuh. 

Zwei Proben mit Orchester sind vor dem großen Tag anberaumt, mehr ist nicht im Budget. Am 21. September treffen Band und Orchester aufeinander. Die Atmosphäre ist unumwunden feindselig. Lords Mitmusiker, allen voran Gitarrist Ritchie Blackmore, haben keine Lust auf die Klassikeskapaden, sie fühlen sich in der Arbeit an ihrem Ruf als ernstzunehmende (und: gutverdienende) Rockband unterbrochen. 

Ladies and gentlemen of the Royal Philharmonic, we're here to play music. These young gentlemen are fine musicians, but you, on the other hand, are playing like a bunch of c*nts!

Malcolm Arnold

Die Orchestermusiker ihrerseits treten angesichts der langhaarigen Rocker in eine Art Sitzstreik. Jon Lord ist bereits nach zehn Minuten den Tränen nahe, weil das Orchester zwar spielt, aber nicht klingt. Eine Cellistin verlässt wütend den Raum mit den Worten, sie habe nicht studiert, um jetzt mit einem Haufen "Zweitliga-Beatles" zusammenspielen zu müssen (wofür sie sich später bei Lord persönlich entschuldigt und sagt, sie habe "den Abend wirklich genossen"). 

Dirigent Malcolm Arnold, bekannt für seine aufbrausende Art, muss heftig intervenieren und spricht dabei eines der schönsten Zitate der modernen Musikgeschichte (kaum jugendfrei übersetzbar, daher im Original belassen): "Ladies and gentlemen of the Royal Philharmonic, we're here to play music. These young gentlemen are fine musicians, but you, on the other hand, are playing like a bunch of cunts!" - ein Satz, der in all seiner Geschliffenheit und gleichzeitiger Vulgarität auf den Punkt bringt, was hier passieren soll: das Verschmelzen zweier Welten. Versöhnlicher fährt Arnold fort: "Wir werden heute Geschichte schreiben. Währenddessen könnten wir ja genausogut Musik machen." Danach zog das Orchester mit.

5.000 Zuschauer, euphorischer Applaus

5.000 Zuschauer sehen in der Royal Albert Hall am 24. September ein Vorprogamm aus einer Symphonie von Malcolm Arnold und ein kurzes Set aus drei Songs von Deep Purple. Dann folgt die eigentliche Attraktion: Die drei Sätze des "Concerto for Group and Orchestra". 

Den ersten, instrumentalen Satz eröffnet eine eingängige, leichtfüßige Melodie aus Klarinetten, Streichern und Blechbläsern, bevor nach etwa sieben Minuten die Band förmlich mit dem Orchester kollidiert. Gitarrist Blackmore hat ein langes Gitarrensolo, dass er aggressiv und genervt über die ihm zustehende Taktzahl ausdehnt - die in den Orchesterproben angestaute Wut entlädt sich spektakulär. 

Erleichterter Händedruck: Jon Lord (r.) und Malcolm Arnold.
Erleichterter Händedruck: Jon Lord (r.) und Malcolm Arnold.
Foto: Screenshot youtube

Der zweite Satz kommt leise, versöhnlich, süß und idyllisch daher, viel mehr Pop und Blues als Klassik. Sänger Ian Gillan kommt zum ersten Mal zu seinem Recht, mit einem Gesangspart, dessen Text er - angeblich - erst in der Mittagspause auf die Servietten einer benachbarten Pizzeria gekritzelt hat. Und im dritten Satz gelingt es Lord dann doch noch, die unversöhnlich scheinenden Antagonisten zu vereinen. Nach einem Schlagzeugsolo von Ian Paice gehen Band und Orchester gemeinsam über die Ziellinie eines denkwürdigen Abends. 


Deep Purple auf dem "Unions-Terrain"
Das Deep-Purple-Konzert am 6. Juni 1971 im Bonneweger “Stade Achille Hammerel” war das erste Rockfestival des Landes überhaupt.

Der Applaus ist wild und frenetisch und dauert eine Viertelstunde. Nicht allen gefällt, was sie gehört haben, nicht alle verstehen es. Aber Deep Purples Ruf als Rockband mit Anspruch und Mut zu Experimenten ist fortan zementiert. Bereits zwei Tage später stehen Deep Purple wieder bei der BBC vor der Kamera, im Oktober beginnen die Aufnahmen zum Album "In Rock", das im Juli 1970 erscheinen wird - eindeutig eine Hardrock-Platte und damit eine Art Revanche von Blackmore an Lord. 

Gruppenbild mit Rocklegenden: Das großherzogliche Paar mit Jon Lord (Mitte). Ebenfalls im Bild: Dirigent Paul Mann (l.), Deep-Purple-Bassist Roger Glover (2.v.l.), Miller Anderson (3.v.l.), Sänger Ian Gillan (vorne l.), Gitarrist Steve Morse (vorne Mitte) und Ronnie James Dio (vorne rechts).
Gruppenbild mit Rocklegenden: Das großherzogliche Paar mit Jon Lord (Mitte). Ebenfalls im Bild: Dirigent Paul Mann (l.), Deep-Purple-Bassist Roger Glover (2.v.l.), Miller Anderson (3.v.l.), Sänger Ian Gillan (vorne l.), Gitarrist Steve Morse (vorne Mitte) und Ronnie James Dio (vorne rechts).
Foto: Serge Waldbillig

Eine weitere Aufführung des "Concerto" kann der Organist seinen Kollegen noch abringen, sie findet im August 1970 in der Hollywood Bowl in Los Angeles statt. Danach muss er seine klassischen Sonderwege zunächst alleine gehen. Erst 1999, zum dreißigsten Jubiläum, gibt es eine Wiederaufführung in der Royal Albert Hall. 2000 und 2001 spielten Deep Purple dann eine komplette Welttournee mit dem Concerto, die sie auch nach Luxemburg führte: Am 29. September 2000 erklang das "Concerto for Group and Orchestra" in der Hauptstadt aus Anlass der Thronbesteigung von Großherzog Henri.

Foto: Royal Albert Hall / David Iliff / CC BY-SA 3.0 / Wikimedia Commons


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