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Achterbahnfahrt ins Unterbewusstsein
Kultur 1 2 Min. 30.09.2018

Achterbahnfahrt ins Unterbewusstsein

Keine leichte Kost: „Maniac“-Regisseur Fukunaga wirft seine Protagonisten Emma Stone (l.) und Jonah Hill (r.) und damit den Zuschauer in immer neue Bewusstseinswelten.

Achterbahnfahrt ins Unterbewusstsein

Keine leichte Kost: „Maniac“-Regisseur Fukunaga wirft seine Protagonisten Emma Stone (l.) und Jonah Hill (r.) und damit den Zuschauer in immer neue Bewusstseinswelten.
Foto: Netflix
Kultur 1 2 Min. 30.09.2018

Achterbahnfahrt ins Unterbewusstsein

Für die jüngste Eigenproduktion „Maniac“ rührte Netflix zuletzt die ganz große Werbetrommel. Seit Freitag sind die zehn Folgen der Serie aus der Hand von Cary Fukunaga („True Detective“) online verfügbar und spalten Kritiker und Zuschauer.

Von Kathrin Schug

Ein Meisterwerk, urteilen die einen; ein überkandidelter Flop, meinen die anderen. In einem Punkt herrscht jedoch Einigkeit: Die Serie reizt alle künstlerischen Freiheiten aus, die die Streaming-Plattform bietet, und ist zumindest, nun ja, unkonventionell.

Leicht macht Regisseur Fukunaga es seinen Zuschauern beileibe nicht. Da ist zum einen die Handlung, für deren grobe Zusammenfassung man bereits weit ausholen muss.

Die beiden Protagonisten Annie (Emma Stone) und Owen (Jonah Hill) könnten unterschiedlicher kaum sein, teilen jedoch das Schicksal, ihre Leben in New York nicht auf die Reihe zu bekommen: Sie ist eine chronisch blanke Borderlinerin mit Hang zu Tabletten; er schizophrener Spross einer Industriellenfamilie, die sich keine Mühe gibt, zu verbergen, dass man seine Existenz für einen beschämenden Makel hält.

Beide begeben sich in eine Medikamentenstudie eines dubiosen japanischen Pharma-Konzerns, in deren Rahmen mit neuartigen Tabletten Menschen von ihren inneren Dämonen geheilt werden sollen. In Fantasiewelten sollen sie ihren Traumata begegnen und sie überwinden.

Schillernde Rätselwelten und Unterbewusstes

In welcher Zeit diese äußere Realität angesiedelt ist, vermag man kaum zu sagen: Röhrenfernseher stehen hier neben futuristischen Straßenreinigungsrobotern, die New Yorker Freiheitsstatue ist ersetzt durch eine eigenartig postmodern anmutende „Extra-Freiheitsstatue“, so genannte Ad-Buddies folgen den Menschen auf Schritt und Tritt – ohne, dass Fukunaga seinen Zuschauern auf Schritt und Tritt erklären würde, was es mit diesen Rätseln auf sich hat.

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Diese äußere Welt tritt im Verlauf der ersten und einzigen Staffel jedoch ohnehin immer mehr in den Hintergrund. Folge für Folge folgt man den Protagonisten auf einer rasanten Achterbahnfahrt in ihr Unterbewusstsein. In parallelen Welten voller Querverbindungen und Referenzen begegnen uns die Figuren stets anders, aber doch immer gleich: Als Vorstadt-Paar mit Kindern im Amerika der 1980er-Jahre oder als Gäste einer noblen Séance.

Wer „Cloud Atlas“ tapfer durchgehalten oder gar genossen hat, wird sein Vergnügen daran haben. Episode für Episode kommt man den Charakteren der komplexen und interessanten Figuren auf diese Weise frappierend nah. Emma Stone zuzuschauen, macht dabei besonders großen Spaß: In Variationen ist sie immer wieder die Frau, die auf unorthodoxe Weise verbissen einen Weg findet, wo eigentlich alles unmöglich scheint. Wenn sie ihr entschlossenes Gesicht aufsetzte, sollte man lieber in Deckung gehen.

Die Themen, die „Maniac“ abarbeitet und streift, sind mannigfaltig: Die Dialektik technischer Entwicklung, die Möglichkeiten und Grenzen von Psychotherapie, die Suche nach Identität, die Trennlinie von menschlicher und künstlicher Intelligenz.

Ins Auge fällt vor allem die kluge Darstellung von Technik als antiquierte Idee von Fortschritt: Röhrenbildschirme und museale Leuchtknöpfe anstatt cleaner Oberflächen und Smart Screens, eine Hommage an die Technikbegeisterung der Pionierjahre.

Leichte Kost zum Nebenbei-Schauen ist das Machwerk sicherlich nicht. Wer jedoch Wohlwollen und Konzentrationsvermögen mitbringt, wird mit der Serie ein Kunstwerk sehen, das Maßstäbe setzt, das Mitdenken mit grandiosen Witzen belohnt und viele Anlässe zum Weiterdenken bietet.

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Maniac, alle zehn Folgen auf Netflix verfügbar. (Kostenpflichtig)