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Zwölf Tote, über 80 Verletzte: Flammen-Inferno im Hochhaus
International 27 2 3 Min. 14.06.2017

Zwölf Tote, über 80 Verletzte: Flammen-Inferno im Hochhaus

Michel THIEL
Michel THIEL
Mitten in London brennt ein Hochhaus. Lichterloh, stundenlang. Am Abend verdoppelt sich plötzlich die Zahl der Todesopfer: Zwölf Menschen sterben in den Flammen. Die Polizei rechnet mit weiteren Todesopfern.

(dpa) - Bei einem verheerenden Feuer in einem Hochhaus im Zentrum Londons sind mindestens zwölf Menschen ums Leben gekommen. Am Mittwochabend verdoppelte sich die Zahl der bestätigten Todesopfer, zunächst war von sechs Opfern die Rede. Die Londoner Polizei rechnet mit weiteren Todesfällen. Bis zum frühen Mittwochabend waren nach Angaben der Rettungskräfte mindestens 79 Patienten in Kliniken behandelt worden, 18 von ihnen seien in einem kritischen Zustand.

Der Rettungseinsatz wird nach Angaben der Polizei mehrere Tage dauern. Die Ursache des Brands war zunächst unklar. „Wir bleiben hier, bis die Arbeit getan ist. ... Wir planen über Nacht hierzubleiben“, sagte ein Sprecher der Londoner Feuerwehr. Der Brand sei noch nicht gelöscht.

Verzweifelte Bewohner sitzen in der Falle

Wie eine riesige brennende Fackel ragt der Grenfell Tower in den Londoner Himmel. Schreiende Menschen stehen an den Fenstern des 24 Stockwerke hohen Gebäudes. Sie blinken verzweifelt mit Taschenlampen, um auf sich aufmerksam zu machen. Winken mit Handtüchern. Rufen per Handy um Hilfe. Doch viele von ihnen können dem Flammenmeer im Stadtteil Kensington nicht mehr entkommen.

Das Feuer war in der Nacht ausgebrochen, am frühen Morgen stand das Gebäude mit 24 Stockwerken im Stadtteil Kensington noch lichterloh in Flammen. Trotz der Katastrophe blieb das Hochhaus bis zum Abend stabil genug, um darin nach eingeschlossenen Menschen zu suchen. Ein Experte überprüfe laufend die Statik des Grenfell Towers, sagte Londons Feuerwehrchefin Dany Cotton. Scotland Yard erklärte auf Anfrage, dass es sich bei der Brandursache nicht um einen Terroranschlag handle.

Das Gebäude wurde 1974 erbaut und war von 2014 bis 2016 saniert worden. In dem brennenden Hochhaus hatte es bereits Beschwerden über unzureichenden Feuerschutz gegeben. Die Baufirma Rydon reagierte schockiert auf den Hochhausbrand. Sie war für die Sanierung des 24-stöckigen Grenfell Towers zuständig. Alle erforderlichen Kontrollen, Bestimmungen im Brandschutz und die sonstigen Sicherheitsstandards seien eingehalten worden, teilte die Firma mit.

Verletzte Feuerwehrmänner

Die Einsatzkräfte waren nach eigenen Angaben innerhalb von sechs Minuten am Ort des Geschehens. Demnach ging der erste Notruf um 00.54 Uhr (Ortszeit) ein. Die Crews arbeiteten „unter extrem schwierigen Bedingungen, um Menschen zu retten und den Großbrand unter Kontrolle zu bekommen“, hieß es in einem Statement der Feuerwehr. Im Einsatz waren demnach 200 Feuerwehrkräfte und 40 Löschfahrzeuge. Bei dem Einsatz wurden mehrere Feuerwehrleute verletzt. Es handle sich aber um kleinere Verletzungen, sagte Feuerwehrchefin Cotton.

Augenzeugen hatten in der Nacht auf Twitter von Schreien berichtet. Menschen seien aus dem brennenden Gebäude gesprungen. Eltern warfen demnach in ihrer Verzweiflung Kinder aus dem brennenden Hochhaus. Eine Mutter habe ihren Säugling aus dem „neunten oder zehnten Stock“ geworfen, sagte eine Augenzeugin der britischen Nachrichtenagentur PA. Ein Mann habe den Säugling gefangen.

Trümmerteile flogen aus dem Gebäude, wie ein dpa-Reporter berichtete. Hin und wieder knallte es in dem Gebäude. Die Polizei sperrte alle Wege weiträumig ab. Einwohner wurden gebeten, die Gegend nordwestlich vom Hyde Park zu meiden. Eine Schule in der Nähe des brennenden Gebäudes blieb geschlossen. Für Bewohner wurden Notfallzentren eingerichtet.

Im Grenfell Tower mit seinen 120 Wohnungen soll es bereits Beschwerden über unzureichenden Feuerschutz gegeben haben. „Ich bin sauer, jeder in dem Block wusste, dass es Sicherheitsbedenken gab“, berichtet Marie. Einige Anwohner sagen, es habe keinen Notausgang gegeben, andere monieren das Fehlen von Feuermeldern. Eigentlich wird der Brandschutz in Großbritannien sehr ernst genommen.

Ursachenforschung

Polizei und Feuerwehr warnen eindringlich vor Spekulationen. „Wir werden in den kommenden Stunden und Tagen sorgfältig nach der Ursache des Feuers suchen und ermitteln, was passiert ist“, sagt Londons Feuerwehrchefin Dany Cotton. Die Baufirma, die das Gebäude kürzlich sanierte, teilt mit: Alle Kontrollen, Bestimmungen im Brandschutz und sonstigen Sicherheitsstandards seien eingehalten worden.

Die Polizei hat das Areal in der Nähe des Hyde Parks weiträumig abgesperrt. Auf Rasenflächen sind völlig erschöpfte Feuerwehrleute zu sehen, die eine kleine Trinkpause einlegen. Ein Elfjähriger steht mit seinem Vater vor den Absperrbändern und blickt verängstigt auf das Hochhaus, dessen Fassade pechschwarz ist. Er vermisst seinen Freund.

Eine 45-Jährige aus der Nachbarschaft zeigt sich schockiert: „Diese Flammen, so etwas habe ich noch nicht gesehen“, sagt sie. „Das hat mich an (den New Yorker Terroranschlag) 9/11 erinnert.“ Ein Angriff von Extremisten auf ein Hochhaus? Das schließt Scotland Yard auf Anfrage klar aus. Doch London ist sensibilisiert. In Großbritannien hat es binnen drei Monaten drei Terroranschläge gegeben.

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