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Zum vierten Gesprächsband mit Peter Seewald: Letzte Gespräche: Das letzte Buch von Papst Benedikt
International 4 Min. 15.10.2016

Zum vierten Gesprächsband mit Peter Seewald: Letzte Gespräche: Das letzte Buch von Papst Benedikt

Papstsekretär Erzbischof Georg Gänswein (r), und Koautor Peter Seewald bei der Pressekonferenz in München zur Vorstellung des Buches "Letzte Gespräche".

Zum vierten Gesprächsband mit Peter Seewald: Letzte Gespräche: Das letzte Buch von Papst Benedikt

Papstsekretär Erzbischof Georg Gänswein (r), und Koautor Peter Seewald bei der Pressekonferenz in München zur Vorstellung des Buches "Letzte Gespräche".
Foto: AFP
International 4 Min. 15.10.2016

Zum vierten Gesprächsband mit Peter Seewald: Letzte Gespräche: Das letzte Buch von Papst Benedikt

Anne CHEVALIER
Anne CHEVALIER
Das mit Spannung erwartete und inzwischen zum Bestseller avancierte Buch "Letzte Gespräche" von Papst Benedikt XVI. - mit Peter Seewald - ist vor kurzem erschienen. Anne Chevalier hat sich mit dem Inhalt auseinandergesetzt.

(AC) - Vor Kurzem erschien im Droemerverlag das neue – und wie angekündigt letzte – Buch von Papst Benedikt XVI. in Zusammenarbeit mit Peter Seewald, das den Titel „Letzte Gespräche“ trägt.¶

Es wurde im Vorfeld kräftig die Werbetrommel gerührt. Die Bildzeitung druckte vor der Erscheinung Auszüge aus dem Interviewband, das Peter Seewald und Erzbischof Georg Gänswein, Sekretär des emeritierten Papstes, gemeinsam in einer Pressekonferenz in München vorstellten.

Gegenstand des Buches ist vor allem die Vergangenheit, die Zeit als Papst. Es behandelt an sich wenig Neues, greift aber eine Vielfalt an Themen auf. Und es kommt fast unbemerkbar ein durchaus widersprüchlicher Joseph Ratzinger-Papst Benedikt XVI. zum Vorschein. Sympathisch, aber im Grunde sibyllinisch. Ein Mensch, der erzählt, ohne sich zu offenbaren; und man schaut kaum hinter die Fassade dieses bescheidenen, abgeklärten älteren Herrn, des Professors mit der leisen Ironie, den wenig zu erschüttern mag, so scheint es.

Benedikt XVI. zieht Fazit über sein Pontifikat – spielt dabei die eigene Rolle runter, übt meist teils milde, teils indirekte Kritik (wie im Fall des in die negativen Schlagzeilen geratenen Kardinals Bertone) und zeigt sich doch beschwichtigend sowie letztendlich versöhnlich – : „Als Gescheiterten kann ich mich nicht sehen. Ich habe acht Jahre meinen Dienst getan. Da war viel Schweres in der Zeit, wenn man etwa den Pädophilie-Skandal bedenkt, den blödsinnigen Fall Williamson oder eben auch Vatileaks. Aber im Ganzen war es doch auch eine Zeit, in der viele Menschen neu zum Glauben gefunden haben und eine große positive Bewegung da war.“

Der emeritierte Pontifex räumt auch Schwächen ein, z. B., dass das praktische Regieren nicht so seine Seite sei, einen Mangel an Menschenkenntnis und er meint zu seinem ehemaligen Kammerdiener, der geheime Notizen an die Presse weitergab: „Es war mir einfach unverständlich. Auch wenn ich die Person ansehe, kann ich nicht verstehen, wie man so etwas wollen kann. Was man sich davon versprechen kann. Ich kann in diese Psychologie nicht eindringen.“

Er führt auch die berühmt-berüchtigte Rede von Regensburg an, von der er sagt, er habe die politische Deutung des Vorganges nicht richtig eingeschätzt und gesteht weiter, dass, was er am wenigsten geschätzt habe als Papst, seien die politischen Besuche gewesen: „Es war dann konkret immer wieder auch schön, mit Staatschefs oder Botschaftern zu reden, weil man auch wirklich schöne Erfahrungen macht. Das sind meist wirklich Leute, auch wenn sie nicht Christen sind, von geistlichem Interesse. Aber irgendwie ist für mich der politische Teil der mühsamste gewesen.

Papst Benedikt zeichnet ein positives Bild seines Vorgängers, schränkt allerdings ein, so wie Johannes Paul II. es gemacht habe, im Leiden bis zum Ende zu bleiben, das dürfe nicht beliebig wiederholt werden. Er lobt seinen Nachfolger, Papst Franziskus, die Art wie er auf Menschen zugeht und unterstreicht die Kontinuität: „Wenn man Stellen herausnimmt, isoliert, kann man Gegensätze konstruieren, aber nicht, wenn man das Ganze sieht. Es gibt vielleicht neue Akzente, natürlich, aber keine Gegensätze.“ „Und dann, würde ich sagen, ist da auch der Mut, mit dem er Probleme anspricht und nach Lösungen sucht“, betont er an anderer Stelle.

„Die Verantwortung wird größer“

Harsch geht Papst Benedikt XVI. eigentlich nur gegen den Katholizismus in Deutschland und seinen Apparat vor: „Ich habe in der Tat große Zweifel, ob das Kirchensteuersystem, so wie es ist, richtig ist. Ich meine damit nicht, dass es überhaupt eine Kirchensteuer gibt. Aber die automatische Exkommunikation derer, die sie nicht zahlen, ist meiner Meinung nach nicht haltbar.“

Fast ins Schwärmen hingegen gerät Benedikt XVI., wenn er von seinem Besuch in Paris 2008 spricht, wo er sich zu Hause gefühlt hat, und er unterstreicht seine Verbundenheit mit der französischen Theologie sowie seine Liebe zur Kultur. Neben dem Schweizer Priester Hans Urs von Balthasar gehört der ebenfalls im 20. Jahrhundert wegweisende Jesuitenpater Henri de Lubac zu seinen Lieblingstheologen.

Später im Buch gesteht er auch eine Schwäche für Gespräche mit Agnostikern, bekennenden Atheisten und Linken ein: „Ja, ja, doch, das gehört irgendwie dazu. Wenn sie ehrlich reden und nachdenken. Es gibt natürlich Fanatiker, die nur Funktionäre sind und ihre Funktionärsparolen abgeben. Aber wenn es Menschen sind, wo man sieht, dass sie doch irgendwo innerlich unruhig sind …“

Vor allem im letzten Teil der „Letzten Gespräche“ geht es um Einblicke in das persönliche Gottesbild des Papstes: „weil ich mich ja doch dem Herrn so verbunden fühle, bin ich dadurch nie ganz allein. Ja, wirklich. Man weiß einfach, ich mache das nicht. Ich könnte es auch nicht allein machen, Er ist stets da. Ich muss nur zuhören und mich weit aufmachen für Ihn. Und dann mit den engsten Mitarbeitern die Dinge auch teilen.“

Auf die Zukunft der katholischen Kirche angesprochen, unterstreicht Papst Benedikt XVI. den zunehmend notwendigen Einsatz der Gläubigen und verschiedener Instanzen: „ ... die westliche Gesellschaft, jedenfalls in Europa, (wird) nicht einfach eine christliche Gesellschaft sein. Umso mehr werden sich die Glaubenden darum bemühen müssen, dass sie das Wertebewusstsein und das Lebensbewusstsein weiterhin formen und tragen.Wichtig wird eine entschiedenere Gläubigkeit der einzelnen Gemeinden und Ortskirchen. Die Verantwortung wird größer.“

Dies soll also das letzte Buch Benedikts XVI. sein, wie er es betont, mehr will er nicht mehr schreiben; und leider wird der Nachwelt, wenn es nach seinem Willen geht, noch weiteres vorenthalten bleiben, denn er ist im Begriff, Besinnungen aus der Zeit seines Pontifikates, die er schriftlich festgehalten hat, zu vernichten.

„Zu persönlich“, urteilt der Papst emeritus, lakonisch.

Benedikt XVI.: Letzte Gespräche, mit Peter Seewald, Droemer 2016


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