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Zum 6. Jahrestag der Nuklearkatastrophe : Was geschah 2011 in Fukushima?
Ein Geigerzähler im ehemaligen Wohngebiet der Stadt Namie, zeigt einen  Strahlungspegel von 0,106 Mikrosievert pro Stunde an. Zum Vergleich: Die natürliche Strahlung, der ein Mensch bei uns ausgesetzt ist, hat eine Dosisleistung im Bereich von etwa 0,0001 bis 0,0002 Millisievert pro Stunde.

Zum 6. Jahrestag der Nuklearkatastrophe : Was geschah 2011 in Fukushima?

REUTERS
Ein Geigerzähler im ehemaligen Wohngebiet der Stadt Namie, zeigt einen Strahlungspegel von 0,106 Mikrosievert pro Stunde an. Zum Vergleich: Die natürliche Strahlung, der ein Mensch bei uns ausgesetzt ist, hat eine Dosisleistung im Bereich von etwa 0,0001 bis 0,0002 Millisievert pro Stunde.
International 16 4 Min. 11.03.2017

Zum 6. Jahrestag der Nuklearkatastrophe : Was geschah 2011 in Fukushima?

Pierre LEYERS
Pierre LEYERS
Fragen und Antworten zum Unglück in Fukushima. Was geschah am 11. März 2011, wie viele Menschen waren betroffen, welche verheerenden Fehler wurden gemacht, wie viele Verantwortliche gibt es und wie steht es um den Atomausstieg in Japan. Außerdem: Zahlen die man nicht vergessen sollte.

Was geschah im März 2011 in Fukushima?

In der nordostjapanischen Präfektur Fukushima ereigneten sich am 11. März 2011 ein schweres Seebeben und in den folgenden Tagen mehrere Nuklearkatastrophen im Kernkraftwerk Fukushima-Daiichi ("Fukushima I"). Die Katastrophe ging vom größten bekannten Beben der japanischen Geschichte der Stärke 9,0 aus.

In dessen Folge bildete sich ein Tsunami mit bis zu 15 Meter hohen Wellen, die den Atommeiler fluteten. In drei der sechs Reaktorblöcke von Fukushima I kam es zu Kernschmelzen. Große Mengen radioaktiven Materials wurden freigesetzt; sie kontaminierten Luft, Böden, Wasser und Nahrungsmittel der Umgebung. Schätzungen zufolge dürften die Entsorgungsarbeiten noch 30 bis 40 Jahre dauern. Die Folgekosten werden auf 150 bis 200 Milliarden Euro geschätzt.  

Wie viele Menschen waren betroffen?

Durch die Flutwelle starben an der Ostküste der japanischen Hauptinsel Honshu mehr als 18.000 Menschen. Fast eine halbe Million Personen mussten in Notunterkünften untergebracht werden. 375.000 Gebäude wurden ganz oder zum Teil zerstört. Untersuchungen zufolge kommt es unter den Umgesiedelten etwa fünfmal häufiger zu psychischen Störungen als im Landesdurchschnitt. Unter den evakuierten Senioren stieg die Sterblichkeit in den ersten drei Monaten um das Dreifache. Die Zahl der Toten im havarierten Kraftwerk sowie durch die Evakuierung oder ihre Folgen wird auf etwa 600 beziffert. Insgesamt wird langfristig mit bis zu 10.000 Toten durch die Atomkatastrophe und ihre Folgeerkrankungen gerechnet.

Direkte Strahlungserkrankungen machen davon nur den geringeren Teil aus. Nach Angaben der japanischen Organisation AAR, Partner von Caritas International, lebten im Frühjahr 2016 noch rund 170.000 Evakuierte in provisorischen Verhältnissen, davon 55.000 in den staatlichen Behelfsunterkünften.

Welche Fehler wurden am Reaktor Fukushima-Daiichi gemacht?

Die Schutzmauern zur Meerseite waren deutlich zu niedrig. Der größten Flutwelle in der Geschichte des Landes konnten sie keinesfalls standhalten. Die Erdbebensicherheit war bis zu einer maximalen Stärke von 8,0 ausgelegt. Weitere Konstruktionsmängel waren bereits vor der Katastrophe bemängelt worden.

Zudem musste die Betreiberfirma Tepco nachträglich einräumen, über Jahre Wartung und Schutzmaßnahmen vernachlässigt und mehrere Störfälle verschwiegen zu haben. Tepco wie auch der damaligen japanischen Regierung werden mangelnde Koordination und schlechte Informationspolitik vorgeworfen. Dadurch seien unnötig viele Menschen schädlicher Strahlung ausgesetzt worden; viele, vor allem Alte und Kranke, seien durch zu spät eingeleitete Rettungsmaßnahmen ums Leben gekommen.

Wie viele Verantwortliche wurden juristisch belangt?

In den ersten fünf Jahren nach der Reaktorkatastrophe wurden keine Prozesse angestrengt, beziehungsweise entsprechende Klagen von den Gerichten abgewiesen. Zum fünften Jahrestag reichte ein Komitee unabhängiger Bürger Anfang 2016 eine neue Klage gegen die drei damaligen Top-Manager der Betreiberfirma Tepco wegen Fahrlässigkeit mit Todesfolge und mangelhafter Informationspolitik ein. Die Staatsanwaltschaft hatte eine Anklage zuvor mehrfach aus Mangel an Beweisen abgelehnt.

Wie steht es um Japans Atomausstieg?

Nach der Katastrophe von Fukushima stieg weltweit die Skepsis gegenüber der Kernenergie. In Deutschland beschloss die Bundesregierung einen stufenweisen Atomausstieg bis 2022. Die japanischen Regierungen steuern seit 2011 einen Zickzackkurs: Zunächst wurde ein baldiger Ausstieg angekündigt; bald darauf wurde dieser Schritt auf Druck der Industrie wieder zurückgenommen. Schon vor der Katastrophe hatte Japan auf einen Energie-Mix mit nur einem Drittel Atomenergie gesetzt. Dieser Anteil sank bis 2016 auf rund 20 Prozent. Dies macht die japanische Wirtschaft abhängig von teurer Importkohle aus China. In Umfragen spricht sich eine große Mehrheit der Bevölkerung für einen Ausstieg aus der Atomenergie aus.

Fukushima in Zahlen

Die Kernschmelzen im japanischen Atomreaktor "Fukushima I" als Folge des Tsunamis im März 2011 waren die schwerste Nuklearkatastrophe seit dem ukrainischen Tschernobyl 1986.

Zahlen rund um die Fukushima-Katastrophe 2011

  • 1 Monat vor der Katastrophe Anfang 2011 wurde die Laufzeit von Reaktor 1 in "Fukushima I" verlängert. Eigentlich sollte der älteste Reaktor in Daiichi endgültig stillgelegt werden.
  • Als Folge der Überflutung und der daraus resultierenden Stromausfälle ereigneten sich Kernschmelzen an 3 Reaktoren. Eine atomare Explosion wie in Tschernobyl blieb jedoch aus. Unter den evakuierten Senioren stieg die Sterblichkeit in den ersten drei Monaten um das Dreifache.
  • Studien zufolge kam es unter den Evakuierten aus der 20-Kilometer-Zone etwa 5 mal häufiger zu psychischen Störungen als im Landesdurchschnitt.
  • Mit einer Stärke von 9,0 gehörte das Tohoku-Seebeben an Japans Pazifikküste 2011 zu den fünf stärksten jemals gemessenen Beben.
  • Auf etwa 40 Jahre wird die Dauer der Folgearbeiten geschätzt.
  • Mit etwa 600 werden die direkten Todesopfer durch die Reaktorkatastrophe beziffert - im havarierten Kraftwerk sowie durch die Evakuierung oder ihre Folgen.
  • Bei Temperaturen von mehr als 2.850 Grad Celsius entsteht im Atomreaktor aufgrund fehlender Kühlung eine Kernschmelze.
  • Mit rund 10.000 Todesopfern rechnen Experten durch Spätfolgen der Katastrophe von Fukushima 2011.
  • Nach Polizeiangaben wurden allein durch den Tsunami 2011 mehr als 18.500 Personen getötet. Weitere 2.600 gelten bis heute als vermisst.
  •  Nach Angaben der japanischen Hilfsorganisation AAR, Partner von Caritas International, lebten im Frühjahr 2016 noch rund 170.000 Evakuierte in provisorischen Verhältnissen, davon 55.000 in staatlichen Behelfsunterkünften.
  • Durch die Flutwelle 2011 wurden nach inoffiziellen Angaben rund 375.000 Gebäude ganz oder zum Teil zerstört.
  • Auf bis zu 200 Milliarden Euro werden die Folgekosten der Atomkatastrophe geschätzt. (KNA)

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