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"Zu viele Ausländer"
International 2 Min. 25.06.2016 Aus unserem online-Archiv
Großbritannien und die Einwanderer

"Zu viele Ausländer"

Der Frontmann der "UK Independence Party" (UKIP)  Nigel Farage (hier links im Bild) noch vor dem Entscheid bei einem Kampagnentermin am 21. Juni.
Großbritannien und die Einwanderer

"Zu viele Ausländer"

Der Frontmann der "UK Independence Party" (UKIP) Nigel Farage (hier links im Bild) noch vor dem Entscheid bei einem Kampagnentermin am 21. Juni.
AFP
International 2 Min. 25.06.2016 Aus unserem online-Archiv
Großbritannien und die Einwanderer

"Zu viele Ausländer"

Daniel CONRAD
Daniel CONRAD
Nigel Farage, der britische Rechtspopulist, ist einer der großen Sieger des Brexit-Referendums. Mit dem Thema Migration hat er den Nerv von Millionen Briten getroffen.

(dpa) - Nigel Farage, Hardliner im britischen Brexit-Lager, ist eine widersprüchliche Figur. Der eingefleischte und lauteste EU-Gegner Großbritanniens sitzt im Europapaparlament in Straßburg - und das seit 17 Jahren. Außerdem ist der Mann, der sich den Kampf gegen die Einwanderung aus Europa auf die Fahnen geschrieben hat, mit einer Deutschen verheiratet - einer EU-Migrantin sozusagen.

Der 52-Jährige, Chef der rechtspopulistischen Ukip-Partei, ist mit dem Referendum auf dem Zenit seiner politischen Laufbahn angelangt. Er war es, der das Thema Migration zum Reizthema im Wahlkampf gemacht hatte. Er war es, der Premierminister David Cameron damit an seiner Achillesferse traf.

Wo wurde für den Brexit gestimmt?

Barking and Dagenham heißt der einzige Stadtteil Londons, bei dem das Brexit-Lager gewonnen hat. Satte 62 Prozent der Stimmen hatte es hier eingefahren. „Die Einwohner haben es klar und laut ausgesprochen, sie haben den Politikern gesagt, dass sie genug haben“, versucht Peter Harris von der Ukip das Traumergebnis zu erklären. Was er damit meint, ist klar: Barking and Dagenham hat einen hohen Migrantenanteil.

Steigt man in Dagenham Heathway aus der U-Bahn, nicht weit von der alten Ford-Fabrik, wird man von einer Wolke aus Haschisch-Rauch empfangen. Die kleine Einkaufsstraße ist gesäumt von Afrika-Shops mit Perücken aus künstlichem Haar im Schaufenster, Spielcasinos und Handy-Shops. Dazwischen ein Pub der Kette Wetherspoon mit dem wohlklingenden Namen „The Lord Denman“. Hier sitzt Paul Murphy und nippt an seinem Bier.

Warum gerade hier so viele Leute für den Brexit gestimmt haben? Wegen der vielen Einwanderer, sagt der 48 Jahre alte Hausverwalter frei heraus. „In Chelsea gibt es ja wahrscheinlich nicht so viele.“ Das Problem seien vor allem die Wohnungen.

„Die Einwanderer kommen hierher und beantragen Sozialwohnungen - und die Leute, die hier schon immer leben, werden benachteiligt“, meint er. Laut offiziellem Zensus (2011) ist hier der Anteil der britischen Bevölkerung in zehn Jahren von 80 auf 49 Prozent gefallen - ein rasanter Wandel in einem Stadtteil.  

Ressentiments auf dem Land

Szenenwechsel: Boston in Mittelengland, 65 000 Einwohner. Mit 76 Prozent der Stimmen hat das Ausstiegs-Lager hier einen Rekord eingefahren. Das Städtchen in der Grafschaft Lincolnshire gilt als Ort mit dem höchsten Anteil von EU-Migranten im Land - 10,6 Prozent Einwanderer aus Europa laut offiziellem Zensus von 2011. Die meisten kommen aus Polen, aus den Baltenstaaten und aus Rumänien.  

„Es gibt zu viele Ausländer“, sagt Lesslie Gardner der Zeitung „Guardian“. Der 74 Jahre alte ehemalige Lastwagenfahrer fügt hinzu: „Ich hab früher um fünf Uhr angefangen und um elf Uhr aufgehört und 100 Pfund verdient. Die Ausländer werden dasselbe für 40 Pfund machen.“

Migration - das heiße Thema des Wahlkampfs. Es war nicht zuletzt ein Poster aus der Wahlkampfmaschine Farages, das das Thema ins Zentrum rückte - und Empörung und Abschaum auslöste. Auf dem Poster ist eine lange, lange Menschenschlange zu sehen - und die Worte Breaking Point (Bruchstelle).

Das Plakat geht unter die Haut, Kritiker meinen, Farage und Ukip schürten Ängste vor Ausländern. Allerdings: Das Brexit-Lager hat auch in Regionen mit eher geringen Ausländeranteil beträchtlich hinzugewonnen.  


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