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Zu spät? Hongkongs Regierungschefin macht Kehrtwende
International 2 Min. 04.09.2019 Aus unserem online-Archiv

Zu spät? Hongkongs Regierungschefin macht Kehrtwende

Die Ansprache von Carrie Lam wird in Hongkong auf einem großen Bildschirm übertragen.

Zu spät? Hongkongs Regierungschefin macht Kehrtwende

Die Ansprache von Carrie Lam wird in Hongkong auf einem großen Bildschirm übertragen.
Foto: AFP/Anthony Wallace
International 2 Min. 04.09.2019 Aus unserem online-Archiv

Zu spät? Hongkongs Regierungschefin macht Kehrtwende

Hongkong steckt in seiner größten Krise. Als Zugeständnis an die Demonstranten kippt Regierungschefin Lam das umstrittene Gesetz für Auslieferungen an China gänzlich. Wird sich die Lage beruhigen?

(dpa) - Nach monatelangen Protesten will Hongkongs Regierung das heftig umstrittene Gesetz für Auslieferungen nach China komplett zurückziehen. In einer Videoansprache gestand Regierungschefin Carrie Lam am Mittwoch ferner ein, dass die Unzufriedenheit unter den sieben Millionen Hongkongern „weit über dieses Gesetz hinausgeht“. Sie kündigte einen Dialog über die „tiefsitzenden Probleme“ an. Der Forderung nach einer unabhängigen Untersuchung von Polizeigewalt kam Lam aber nicht nach. Vielmehr verwies sie auf das bestehende Gremium (IPCC), das mit ausländischen Polizei-Experten verstärkt wird.


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Mit dem Rückzug des Gesetzentwurfs erfüllt Lam eine Hauptforderung der Demonstranten und zeigt Entgegenkommen. Doch hieß es in vielen Reaktionen „zu wenig, zu spät“, wie auch der Anführer der Protestbewegung, Joshua Wong, meinte. Die Proteste müssten mindestens bis zum 1. Oktober weitergehen, wenn China den 70. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik feiere, sagte Wong bei einem Besuch in Taiwan. Mit der Erfahrung der Polizeibrutalität und der Einschränkung ihrer Menschenrechte seien die Hongkonger jetzt umso entschlossener, für Freiheit und Demokratie zu kämpfen.

Ohne eine unabhängige Untersuchung kann unsere Gesellschaft nicht voranschreiten.

Der wegen des massiven Widerstands bereits auf Eis liegende Gesetzentwurf war vor vier Monaten der Auslöser für die Proteste. Das Gesetz hätte Auslieferungen von verdächtigten Personen nach China erlaubt, obwohl dessen Justizsystem nicht unabhängig ist und häufig als Werkzeug politischer Verfolgung benutzt wird. Auch warnen Kritiker vor Folter. Mitte Juni legte Lam den Entwurf auf Eis, erklärte ihn später für „gestorben“, zog ihn aber nicht zurück.

Carrie Lam: "Gewalt ist nicht die Lösung unserer Probleme"
Carrie Lam: "Gewalt ist nicht die Lösung unserer Probleme"
Foto: AFP/Anthony Wallace

In ersten Reaktionen äußerten Aktivisten ihre Erleichterung, machten aber deutlich, dass ihnen die Kehrtwende nicht weit genug geht. Außer dem Rückzug des Gesetzes und der Untersuchung von Polizeigewalt fordern die Demonstranten den Rücktritt der Regierungschefin, eine Freilassung von Festgenommenen, eine Amnestie und Rücknahme des Vorwurfs des „Aufruhrs“. Viele Demonstranten fordern darüberhinaus noch politische Reformen und wirklich freie Wahlen.


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„Wenn sie die Sprechchöre der Leute in den Märschen hören, dann sind es die fünf Forderungen und nichts weniger“, sagte Bonnie Leung von der Civil Human Rights Front, die große Demonstrationen organisiert hatte. Vielen werde es nicht reichen, wenn es keine Untersuchung der Polizeigewalt gebe. „Ohne eine unabhängige Untersuchung kann unsere Gesellschaft einfach nicht voranschreiten, weil wir jetzt sehen, dass die Polizei jeden Tag wahllos Leute verprügelt“, sagte Leung.

Merkel in China erwartet

Die Krise in Hongkong überschattet den Besuch der deutschen Kanzlerin Angela Merkel am Freitag und Samstag in China. In einem offenen Brief der Protestführer, der der „Bild“-Zeitung vorliegt, warnt Aktivist Wong vor einer Eskalation. „Uns steht eine diktatorische Macht gegenüber, die keine freiheitlichen Grundrechte zulässt und immer mehr gewalttätige Maßnahmen anwendet, mit Tendenz zu einem neuen Massaker wie am Tian'anmen-Platz.“ 1989 schlugen Soldaten am Platz des Himmlischen Friedens in Peking die Demokratiebewegung blutig nieder.

Auch in Deutschland werden Rufe lauter, dass Kanzlerin Angela Merkel mäßigend auf Peking einwirken soll.
Auch in Deutschland werden Rufe lauter, dass Kanzlerin Angela Merkel mäßigend auf Peking einwirken soll.
Foto: AFP/Odd Andersen

In dem Brief erinnern die Protestführer an Merkels DDR-Vergangenheit. Da sie aus erster Hand Erfahrungen mit diktatorischen Regimen habe, könne sie sich gut in die Situation der Protestler hineinversetzen. Merkel solle deshalb bei ihren Gesprächen am Freitag mit Chinas Regierungschef Li Keqiang die Lage in Hongkong ansprechen.

Die Proteste haben Hongkong in seine bislang schwerste Krise gestürzt. Zuletzt wurde 13 Wochenenden in Folge demonstriert - zum Teil mit Hunderttausenden bis zu weit mehr als einer Million Teilnehmern. Die Proteste endeten häufig in Zusammenstößen zwischen radikalen Demonstranten und der Polizei. Die Hongkonger befürchten steigenden Einfluss der chinesischen Regierung auf Hongkong und eine Beschneidung ihrer Freiheitsrechte.


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