Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Wut und Proteste nach dem Tod des Vergewaltigungsopfers in Indien
International 4 Min. 31.12.2012 Aus unserem online-Archiv

Wut und Proteste nach dem Tod des Vergewaltigungsopfers in Indien

Das Schicksal der jungen Frau wurde nicht nur zum Symbol für die verbreitete Gewalt gegen Frauen und ihr alltägliches Leid.

Wut und Proteste nach dem Tod des Vergewaltigungsopfers in Indien

Das Schicksal der jungen Frau wurde nicht nur zum Symbol für die verbreitete Gewalt gegen Frauen und ihr alltägliches Leid.
Foto: dpa
International 4 Min. 31.12.2012 Aus unserem online-Archiv

Wut und Proteste nach dem Tod des Vergewaltigungsopfers in Indien

Indien steht unter Schock. Mit Schweigemärschen, Kerzenlichtern, mit Gebeten und Gesängen erwiesen Tausende „Damini“, wie die Demonstranten die Verstorbene getauft hatten, die letzte Ehre.

(dpa) - Bis heute kennt niemand ihren Namen. Doch ihr unfassbares Leid hat Indien so erschüttert, dass über Tage Zehntausende Menschen auf die Straße gingen. Nun hat die 23-jährige Medizinstudentin, die von sechs Männern vergewaltigt und gefoltert wurde, den Kampf um ihr Leben verloren. 13 Tage nach der Horrortat versagten am frühen Samstagmorgen ihre Organe. Am Sonntag wurde ihr Leichnam in Delhi eingeäschert. Ihren Peinigern droht nun die Todesstrafe.

Und Indien stand unter Schock. Mit Schweigemärschen, Kerzenlichtern, mit Gebeten und Gesängen erwiesen Tausende „Damini“, wie die Demonstranten sie nach dem Vorbild einer Filmheldin, die für ein Vergewaltigungsopfer kämpft, getauft hatten, die letzte Ehre. Viele kämpften mit den Tränen. „Wir werden nicht ruhen, bis sich dieses Land ändert“, sagte der 19-jährige Student Amit.

Sonia Gandhi, Chefin der regierenden Kongresspartei, und Premierminister Manmohan Singh nahmen den Leichnam der Toten am Flughafen in Empfang.

Zwar dünnen die Proteste in Delhi deutlich aus, doch die Wut und der Ärger schwelen weiter. „Damini“ ist auch zum Symbol für den Kampf gegen ein verrottetes System geworden, das die Mächtigen schützt und die Schwachen schutzlos lässt. Aus Angst vor neuen Unruhen und Massenprotesten verschanzte sich die Politik hinter Barrikaden.

Unbändiger Hass auf Frauen

Die Bestialität der Tat hat das Land traumatisiert. Dabei trifft der Begriff Vergewaltigung nicht das Ausmaß der Gewalt, die von unbändigem Hass auf Frauen spricht. Die 23-jährige war am 16. Dezember in einem fahrenden Bus vor den Augen ihres Freundes von sechs Männern vergewaltigt und dann mit Eisenstangen gefoltert worden, bis ihr Darm und ihr Unterleib zerfetzt waren. Danach wurden beide wie Müll auf die Straße geworfen. Der Freund kam mit leichteren Verletzungen davon, doch das Mädchen trug so schlimme Wunden davon, dass selbst die Ärzte fassungslos waren.

„Ich habe noch nie so schlimme Verletzungen gesehen. Ich konnte nicht mal ihren Magen finden“, sagte der Notarzt. Die 23-jährige musste drei Mal im Unterleib notoperiert werden, dabei entfernten die Ärzte den gesamten Darm. Doch auch das konnte nicht verhindern, dass sich eine Infektion ausbreitete. Am Mittwoch erlitt sie laut Medien zwei Herzattacken, bei denen es zu schweren Gehirnschäden kam.

Trotzdem wurde das sterbende Mädchen noch in eine Klinik nach Singapur geflogen. Um einen letzten Versuch zu unternehmen, sie zu retten, sagt die Regierung. Um die Proteste abzumildern, wenn sie stirbt, sagen Kritiker. Die Tat hatte in Indien eine beispiellose Protestwelle ausgelöst.

Über Tage hatten Zehntausende im ganzen Land gegen die wachsende Gewalt gegen Frauen demonstriert. An der Spitze standen Studentinnen und Studenten, also die künftige Mittelschicht, die ein neues Indien einfordert. Das Ausmaß der Proteste hatte Politik und Polizei kalt erwischt. Sie hatten den Unmut offenbar völlig unterschätzt. Über Tage schwieg die Regierung. Die Polizei setzte Knüppel, Tränengas und Wasserwerfer ein. Ungeschickt versuchten Politiker, die Demonstranten als Volksfeinde darzustellen und verglichen sie mit Maoisten.

Proteste gegen das Versagen des Staates

Tatsächlich richten sich die Proteste auch gegen das Versagen des Staates, das Versagen der Polizei und das Versagen der Justiz. Gewalt gegen Frauen ist in Indien derart allgegenwärtig, dass die Autorin Arundhati Roy von einer „Kultur der Vergewaltigung“ spricht. So kommen die allermeisten Vergewaltiger völlig ungeschoren davon.

Die Politik hat zwar nun schnelle Prozesse versprochen, um die sechs Peiniger der 23-jährigen zu verurteilen. Doch das ändert wenig an den strukturellen und gesellschaftlichen Missständen. Viele Frauen trauen sich nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr vor die Tür, selbst am helllichten Tage werden sie auf offener Straße, in Bussen und Bahnen begrabscht und angepöbelt.

Alle 20 Minuten wird in Indien eine Frau vergewaltigt. Und das sind nur die gemeldeten Zahlen. Die Dunkelziffer dürfte um ein Vielfaches höher sein als im Westen, weil vergewaltigte Frauen geächtet werden. Selbst wenn sich die Opfer zur Polizei wagen, droht ihnen oft ein neuer Alptraum.

Exemplarisch ist die Geschichte eines 17-jährigen Mädchen aus Patiala, das nach einer Gruppenvergewaltigung nun Selbstmord beging. Täter und Polizei hatten das Mädchen bedroht, um eine Anzeige zu verhindern. Und selbst die Fälle, die es vor Gericht schaffen, ziehen sich über Jahre hin, bis die Opfer aufgeben. So sollen 100 000 Vergewaltigungsfälle vor den Gerichten anhängig sein. Und drei von vier Tätern werden freigesprochen.