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Wo waren wir, als die Mauer fiel?
International 1 9 Min. 08.11.2014 Aus unserem online-Archiv
LW-Redakteure und ihr 9. November 1989

Wo waren wir, als die Mauer fiel?

Nur noch in der Erinnerung und und als Handyfoto bleibt die Mauer weiter bestehen. Dass sie einst Menschen trennte und gefangen hielt, ist heute kaum noch vorstellbar.
LW-Redakteure und ihr 9. November 1989

Wo waren wir, als die Mauer fiel?

Nur noch in der Erinnerung und und als Handyfoto bleibt die Mauer weiter bestehen. Dass sie einst Menschen trennte und gefangen hielt, ist heute kaum noch vorstellbar.
REUTERS
International 1 9 Min. 08.11.2014 Aus unserem online-Archiv
LW-Redakteure und ihr 9. November 1989

Wo waren wir, als die Mauer fiel?

Sie waren damals 16, 19, 20 oder 26 Jahre alt: Wir haben vier Redaktionskollegen aus unterschiedlichen Altersschichten gebeten, ihre Erinnerungen an den 9. November 1989 aufzuschreiben.

Sie waren damals 16, 19, 20 oder 26 Jahre alt: Wir haben vier Redaktionskollegen aus unterschiedlichen Altersschichten gebeten, ihre Erinnerungen an den 9. November 1989 aufzuschreiben. Sie haben eine besondere Beziehung zu der ehemals geteilten Stadt und dem historischen Tag.

Volker Bingenheimer, damals 16 Jahre alt: Als die armen Nachbarn herüberkamen

Der 9. November begann für mich als normaler Schultag - erst am Abend fiel die Mauer und wir standen alle gebannt vor dem Fernseher sahen zu, wie das Unmögliche geschah. Dass es in der DDR rumorte, dass der ganze Ostblock wankte, war das große Thema im Sommer und Herbst des Jahres 1989. Doch dass die DDR-Führung, die standhafteste aller sozialistischen Regierungen, vor den demonstrierenden Massen zurückwich, hätte keiner geglaubt.

Ich war beim Fall der Mauer erst 16 Jahre alt und am Westrand der Bundesrepublik war unser Denken über die DDR von Klischees geprägt. Ich hatte "drüben" keine Verwandten und weder ich noch irgendjemand aus meinem Bekanntenkreis war jemals in der DDR gewesen. Für einen westdeutschen Jugendlichen hätte es auch kaum ein langweiligeres Reiseziel als den Arbeiter- und Bauernstaat vor der Wende gegeben. In unserer Auffassung war die DDR ein großes Gefängnis mit grauen Straßen und verfallenden Stadtzentren, regiert von einer Truppe von Witzfiguren in 20 Jahre alten Anzügen.

Emotionale Bilder: Als die Mauer fiel, fingen TV-Korrespondenten aus aller Welt am Brandenburger Tor die historische Stimmung ein.
Emotionale Bilder: Als die Mauer fiel, fingen TV-Korrespondenten aus aller Welt am Brandenburger Tor die historische Stimmung ein.
Screenshot ZDF

Das Leid der hinter dem Eisernen Vorhang eingesperrten Deutschen war uns dagegen durchaus bewusst. Ich erinnere mich noch gut, dass ich als Kind in der Nachbarschaft Geld für "Hilferufe von drüben" gesammelt habe, einer Organisation, die politische Häftlinge in der DDR freikaufte. Weil die harte Haltung des DDR-Regimes gegenüber dem eigenen Volk unerschütterlich erschien, trauten wir unseren Augen kaum, als sich Ossis und Wessis am Berliner Grenzübergang Bornholmer Straße die Hand reichten. Wir hatten alle noch die Aussage des Staats- und Parteichefs Erich Honecker im Ohr, der im Januar 1989 gesagt hatte: "Die Mauer wird in 50 Jahren noch bestehen bleiben." Wir im Westen hielten das damals für eine realistische Einschätzung.

Als die Mauer gefallen war und die armen Nachbarn von drüben in lächerlich altmodischer Kleidung die westdeutschen Städte erstürmten, begriffen wir immer mehr, wie marode die DDR wirklich war. Es schwante uns, welche Herkulesaufgabe bevorstand, das Land erst auf dem Papier und dann im Inneren zu vereinigen. Die Erwachsenen stellten sich murmelnd die Frage, ob die Ossis wirklich in der modernen Arbeitswelt zu gebrauchen seien, denn - so die weitverbreitete Überzeugung - "in den DDR-Betrieben sind die das richtige Schaffen nicht gewöhnt".

Unglaubliche 25 Jahre sind seither verstrichen und trotz aller Wirrungen und Verständnisschwierigkeiten war die Wiedervereinigung ein Erfolg - wer heute über die neuen Autobahnen in die hübsch renovierten ostdeutschen Städte fährt, wird dies kaum bestreiten.

Christophe Langenbrink, damals 19 Jahre alt: Ohne Kohle nach Berlin

1989 war das Jahr der Umbrüche, der historischen Zäsur, der Anfang einer neuen Epoche, der den Untergang eines ganzen System einläuten sollte. Mein Jahr 1989 war für mich ähnlich turbulent. Natürlich nicht wirklich vergleichbar mit den Umwälzungen, die ganze Familien nach Jahrzehnten endlich wieder zusammengebracht haben. Aber analog zu den vielen Menschen, deren Leben nach dem 9. November einen ganz neuen Lauf genommen haben, so habe ich in diesen Schicksalsmonaten auch meine Bestimmung selbst in die Hand genommen.

Als frisch gebackener Schulabsolvent, der auf der Suche nach seiner Zukunft ist, sind die Monate nach dem Abi entscheidend. Ohne wirklichen Zukunftsplan im Kopf müssen nun die Weichen gestellt werden. Zuerst eine Lehre und dann Studium oder vielleicht doch direkt zur Uni? Wenn ja, welche? Und wo wirst Du überhaupt landen? Wirst Du dich in einer völlig fremden Stadt auch zurechtfinden? Viele Fragen und keine Antworten. Und während die Welt in Ostdeutschland zusammenfällt und sich neue ordnet, schaue ich erstmals meine eigene Welt in den Griff zu kriegen.

Dezember 1989: Ost-Berliner grüßen West-Berliner Bürger am Brandenburger Tor. Im August 1961 hatte die DDR damit begonnen, entlang der Grenze zu West-Deutschland und der Sektorengrenze innerhalb der Stadt Berlin eine Betonmauer zu errichten.
Dezember 1989: Ost-Berliner grüßen West-Berliner Bürger am Brandenburger Tor. Im August 1961 hatte die DDR damit begonnen, entlang der Grenze zu West-Deutschland und der Sektorengrenze innerhalb der Stadt Berlin eine Betonmauer zu errichten.
AFP

In dem Wirrwarr der Monate September und Oktober falle ich dann den folgenreichen Entschluss: studieren und zwar in Saarbrücken! Bitte wo? Wer im badischen Karlsruhe aufgewachsen ist, kann  Luxemburg geografisch besser einordnen als Saarbrücken! Was jetzt? Studienbeginn Ende Oktober. Schnell eine Wohnung ausfindig machen. Was?! Wohnungsnot in der saarländischen Hauptstadt! Wer hätte das gedacht ... Auf zur Wohnheimvermittlung. Und wie der Zufall so will, komme ich gerade zu dem Zeitpunkt, an dem ein anderer seinen Wohnheimplatz nicht will. "Sie möchten ein Zimmer in Wohnheim?", fragt mich eine sichtlich überforderte Dame? "Na, klar!" Ohne großen Aufwand habe ich das letzte noch freie Zimmer erhalten. Was für ein Glück!!

Während ich mein Glück kaum fassen kann, überschlagen sich in Leipzig und Berlin die Ereignisse. Sie suchen kein Zimmer, sondern nur ein Stempel, der sie für ein paar Stunden nach Westdeutschland lässt. Der Ruf der Freiheit ist unüberhörbar. Er schallt bis weit über die Grenzmauern hinweg! Sogar ich auf der westliche Seite der Bundesrepublik, höre über die Medien die nicht endenden Proteste. Aber verstehe ich wirklich, was dort gerade vor sich geht?

November 1989: Unter den Blicken zahlreicher Berliner demontieren ostdeutsche Grenzschutzsoldaten die Mauer Stück für Stück ab, so auch am Potsdamer Platz. Zwischen 1961 und 1989 sind 938 Menschen erschossen worden bei dem Versuch, die innerdeutsche Grenze zu überwinden. Allein 255 starben in Berlin.
November 1989: Unter den Blicken zahlreicher Berliner demontieren ostdeutsche Grenzschutzsoldaten die Mauer Stück für Stück ab, so auch am Potsdamer Platz. Zwischen 1961 und 1989 sind 938 Menschen erschossen worden bei dem Versuch, die innerdeutsche Grenze zu überwinden. Allein 255 starben in Berlin.
AFP

Der 9. November! Die Mauer fällt. Ein Studienkollege hat glücklicherweise eine Flimmerkiste im Zimmer stehen. Mit anderen Studienanfängern quetschen wir uns in die Zehn-Quadratmeter-Wohnung vor die Mattscheibe und können kaum glauben, was wir da sehen! Während Tausende die Mauern einreißen, erleben wir unseren eigenen Mauerfall. Was haben wir doch für kleinen Probleme. Spontan entscheiden wir uns  - ohne ausreichend Kohle - nach Berlin zu trampen, um selbst mit eigenen Augen mitzuerleben, was gerade passiert.

Roland Arens, damals 26 Jahre alt: Blaue Ausweise und Rotkäppchensekt

Berlin, April 1980: Blick über die Mauer vom Westteil der Stadt in Richtung Alexanderplatz mit dem Fernsehturm im damaligen Ost-Berlin, der "Hauptstadt der DDR".
Berlin, April 1980: Blick über die Mauer vom Westteil der Stadt in Richtung Alexanderplatz mit dem Fernsehturm im damaligen Ost-Berlin, der "Hauptstadt der DDR".
Foto: Roland Arens

Wo war ich als die Mauer fiel? Natürlich weiß ich das noch, aber eigentlich ist es nicht so wichtig. Viel machtvoller sind die Bilder, die man von einem Ereignis wie diesem im Gedächtnis gespeichert hat. Und die Gefühle, die sie auslösen. Selbst 25 Jahren danach.

Im deutschen Fernsehen waren sie neulich abends wieder zu sehen (oder hier in der ZDF-Mediathek). Ohne Kommentar, nur mit Zeit- und Ortsangaben. Von Schabowskis Pressekonferenz (das ist der Regierungssprecher, der die Reisefreiheit verkündete) am frühen Abend über die "Tor auf!"-Rufe der Bürger bis hin zu den Trabi-Konvois auf dem Ku-Damm (der liegt im damaligen Westteil der Stadt). Dazwischen die stundenlange Stille in den Straßen Berlins, am Brandenburger Tor, in der Bornholmer Straße, in der Invalidenstraße, am Checkpoint Charlie.

Heute weiß man: Es war die Ruhe vor dem Sturm. In dem ZDF-Film wurden Telefonate eingeschoben, die dokumentieren, wie hilf- und ahnungslose Stasi-Spione versuchten, sich ein Bild der Lage zu verschaffen und ihre Befehlskette aufrecht zu erhalten.

Ich war 26, als die Mauer fiel. Wir waren frisch verheiratet, meine Frau und ich. Gerade mal neun Jahre war es her, im April 1980, dass wir auf einer Klassenfahrt nach Berlin das Brandenburger Tor gesehen hatten, das damals hinter dem eisernen Vorhang lag. Wer in den Osten wollte, musste lange vorher Anträge stellen und harte West-D-Mark zwangsweise gegen Aluminium-Ostmark eintauschte. Die Mauer, sie war aus unserer Sicht schon immer da gewesen. Niemand verschwendete einen Gedanken daran, ob sie eines Tages nicht mehr da sein würde.

Und dann saßen wir an diesem 9. November abends in unserer Altbauwohnung vor dem Fernseher, staunten und versuchten zu erfassen, was da gerade in Berlin ablief. Man konnte ja nicht einfach ins Internet gehen und alles live verfolgen, sondern musste darauf vertrauen, dass Journalisten wie Hanns-Joachim Friedrichs in den Tagesthemen einem die Vorgänge schilderten und erklärten.

Was man vor 25 Jahren nicht wusste: Auch die Stasi wurde von der Öffnung der Mauer völlig auf dem falschen Fuß erwischt, wie in einer ZDF-Dokumentation zu sehen war.
Was man vor 25 Jahren nicht wusste: Auch die Stasi wurde von der Öffnung der Mauer völlig auf dem falschen Fuß erwischt, wie in einer ZDF-Dokumentation zu sehen war.
Screenshot ZDF

Da waren all diese Männer und Frauen, die im Licht der Kamerascheinwerfer vom Osten in den Westen der Stadt liefen, blaue Personalausweise und Rotkäppchen-Flaschen schwenkend, frei von jeder Angst; man sah die Trabis und Wartburgs an Schlagbäumen und grünen Grenzposten vorbei gen Westen tuckern.

Auch am nächsten Morgen, dem 10. November, saß ich wieder vor dem Fernseher und freute mich ganz einfach für diese Menschen, die über Nacht plötzlich ihre Freiheit wiedererlangt hatten. Ich gebe gerne zu: Auch heute noch treibt es mir die eine oder andere Freudenträne in die Augen, wenn ich die TV-Bilder von damals sehe.

Marc Thill, damals 20 Jahre alt: Rostropowitsch auf "France Inter"

Den Fall der Mauer erlebte ich in Straßburg. Ich war damals als Student in meinem ersten Jahr an der Uni und erlebte fern von zuhause und abgenabelt vom Elternhaus in mir selbst ein kleines Stückchen mehr Freiheit. In diesem ersten Universitätsjahr war alles neu und aufregend: Das Leben im Ausland, das Leben in einer Großstadt.

Obwohl ich Wirtschaft studierte, war mir schon damals klar, dass ich später Journalist werden wollte. Daher verfolgte ich auch das Weltgeschehen aus meiner Studentenbude, nicht übers Fernsehen, dafür war ich ein zu "armer Student", sondern über Zeitung und Radio. "France Inter" sendete damals im Morgenprogramm die Sendung "Est - Ouest", in der sich Korrespondenten aus Washington und Moskau meldeten. In diesen Tagen entdeckte ich auch "France Info", den französischen Nachrichtensender, der anderthalb Jahre zuvor, im Juni 1987 auf Antenne ging.

Straßburg war immer irgendwie die "deutsche Stadt" in Frankreich. Nirgendwo in Europa kamen sich Adler und Hahn näher. In diesem besonderen Umfeld wurde mir schnell bewusst, dass sich in Berlin  historisch etwas zusammenbrauen würde. Der Gedanke, an die Mauer zu reisen, kam mir allerdings in meinem jugendlichen Leichtsinn erst am 11. November, als ich im Radio live zuhörte, wie der ausgewanderte russische Cellist Mstislav Rostropowitsch vor der Mauer Bach spielte.

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Um nach Berlin aufzubrechen, fehlte mir dann doch der Mut. Erst einige Jahre später reiste ich nach Berlin zu einer Tagung der Konrad-Adenauer-Stiftung für junge Journalisten. Dabei besuchte ich das Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen und gelangte sogar in das Büro das ehemaligen Stasi-Chefs Mielke in der Normannenstraße.