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Wie ein Schotte für volle Kindermägen und mehr Bildung sorgt
International 5 Min. 05.05.2021

Wie ein Schotte für volle Kindermägen und mehr Bildung sorgt

In Malawi erhalten mittlerweile fast 30 Prozent aller Grundschulkinder jeden Tag eine Mahlzeit von Mary's Meals.

Wie ein Schotte für volle Kindermägen und mehr Bildung sorgt

In Malawi erhalten mittlerweile fast 30 Prozent aller Grundschulkinder jeden Tag eine Mahlzeit von Mary's Meals.
Foto: Mary's Meals
International 5 Min. 05.05.2021

Wie ein Schotte für volle Kindermägen und mehr Bildung sorgt

Mit seiner Hilfsorganisation Mary's Meals kämpft Magnus MacFarlane-Barrow gegen Hunger und Armut.

Interview: Philipp Hedemann

Magnus MacFarlane-Barrow (53) gründete vor 19 Jahren Mary's Meals. In Entwicklungsländern versorgt die Hilfsorganisation jeden Tag mehr als 1,8 Millionen Jungen und Mädchen mit Schulspeisungen und bekämpft so Hunger und Armut. Im Interview spricht der Mary's-Meals-Gründer über seine Arbeit während des Corona-Lockdowns, Einsätze in Kriegsgebieten und die Auszeichnungen, die er erhalten hat.

Magnus MacFarlane-Barrow, in 19 der ärmsten Länder der Welt bietet Mary's Meals kostenlose Schulspeisungen an. Aber wegen der Corona-Pandemie sind viele Schulen geschlossen. Mussten Sie Ihre Arbeit einstellen?

Natürlich nicht! Zwar gab und gibt es während der Pandemie gute Gründe, Schulen zu schließen. Aber es gibt nie einen Grund, ein Kind hungern zu lassen. Vor der Corona-Krise haben wir an jedem Schultag rund 1,8 Millionen Kinder und Jugendliche mit einer gesunden Mahlzeit pro Tag versorgt. Durch Corona mussten wir unser System komplett umstellen. Aber es ist uns gelungen, weiterhin die gleiche Zahl an Mahlzeiten auszugeben. Das Essen wird jetzt an der Schule abgeholt und zu Hause zubereitet.

Warum wollen Sie Armut ausgerechnet mit Schulspeisungen bekämpfen?

Wir haben als eine Nothilfeorganisation angefangen. Weil wir dem Leid der Menschen in Bosnien-Herzegowina nicht tatenlos zusehen konnten, haben mein Bruder Fergus und ich 1992 einen gebrauchten Land Rover gekauft, ihn mit gespendeten Hilfsgütern beladen und uns einem Hilfskonvoi angeschlossen, um die Opfer des Krieges im ehemaligen Jugoslawien zu versorgen. Seitdem leisteten wir Nothilfe. 

Magnus mit seiner Frau Julie bei einem Hilfstransport nach Bosnien im Jahr 1992.
Magnus mit seiner Frau Julie bei einem Hilfstransport nach Bosnien im Jahr 1992.
Foto: Mary's Meals

Während einer schlimmen Hungersnot habe ich 2002 in Malawi den 14-jährigen Edward kennengelernt. Sein Vater war bereits gestorben, seine Mutter lag mit Aids im Sterben, er hatte fünf jüngere Geschwister. Ich habe ihn gefragt, was er sich für die Zukunft wünscht. Er sagte mir: „Dass ich jeden Tag eine warme Mahlzeit bekomme und eines Tages endlich zur Schule gehen kann.“ Das hat mich wahnsinnig traurig gemacht und mich überzeugt, dass wir bei unserer Arbeit zukünftig am Zusammenhang zwischen Armut und mangelnden Bildungschancen ansetzen müssen. Noch im selben Jahr haben wir in Malawi jeden Tag 200 Schulspeisungen ausgegeben. Mittlerweile sind es allein in Malawi mehr als eine Million Mahlzeiten pro Tag.

Aber doktern Schulspeisungen nicht nur an den Symptomen der Armut herum, anstatt ihre Ursachen zu bekämpfen?

Das Schöne ist: Sie tun beides! Mir würde es ja schon reichen, wenn wir nur die Symptome bekämpften. Es gibt die moralische Verpflichtung, einem hungernden Kind zu helfen! Aber: Die Schulspeisungen machen so viel mehr. In Malawi erhalten mittlerweile fast 30 Prozent aller Grundschulkinder jeden Tag eine Mahlzeit von Mary's Meals. Vorher sind sie oft nicht zur Schule gegangen, weil sie arbeiten oder betteln mussten, um irgendwie Essen auf den Tisch zu bekommen. 

Die Zubereitung einer Schulspeisung in Sambia.
Die Zubereitung einer Schulspeisung in Sambia.
Foto: Chris Watt Photography

Wenn Kinder und Eltern wissen, dass es in der Schule etwas zu essen gibt, werden deutlich mehr Kinder eingeschult. Sie besuchen regelmäßiger den Unterricht und machen bessere Abschlüsse. Denn mit einem leeren Magen lernt es sich schlecht. Früher sind die Kinder in der Schule oft eingeschlafen oder sogar in Ohnmacht gefallen, weil sie so hungrig waren. Wir alle wissen: Bildung ist der beste Weg, Armut zu überwinden. Also schlagen wir mit unseren Schulspeisungen zwei Fliegen mit einer Klappe. Wir lindern akute Not und schaffen langfristig Perspektiven.

Wie viele Mahlzeiten hat Mary's Meals weltweit schon ausgegeben?

Mehr als zwei Milliarden!

Mary's Meals braucht durchschnittlich nur 18,30 Euro, um ein Kind ein Jahr lang mit Schulmahlzeiten zu versorgen. Warum ist das so billig?


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Um einheimische Wirtschaften zu stärken, kaufen wir die Zutaten – wo immer es möglich ist – auf lokalen Märkten und servieren den Kindern einfache, aber gesunde und nahrhafte einheimische Speisen. Zubereitet werden sie von ehrenamtlichen Helfern. Alleine in Malawi haben wir 80.000 Freiwillige. Oft sind es Mütter, die Kinder an den Schulen haben, für die sie kochen.

Sie arbeiten auch in Kriegsgebieten. Wie funktioniert das?

In Tigray, im Norden Äthiopiens, herrscht seit Anfang November Bürgerkrieg. Alle Schulen, an denen wir durch eine Partnerorganisation bislang tätig waren, sind geschlossen. Dafür versorgen wir jetzt rund 16.000 Menschen, die vor den Kämpfen geflohen sind. Unter ihnen sind auch viele Kinder, die ihre Eltern verloren haben. Viele von ihnen haben Massentötungen, Vergewaltigungen und Plünderungen mit ihren eigenen Augen gesehen und sind extrem traumatisiert. Auch unsere Mitarbeiter sind davon betroffen. 13 Mitglieder der Familie der Leiterin unserer Partnerorganisation wurden getötet. Trotzdem versuchen sie und ihr Team so gut wie möglich, die Bedürftigen zu versorgen.

Mary's Meals ist auch in Aleppo aktiv. Die syrische Stadt steht unter der Kontrolle des Assad-Regimes. Entlassen Sie so nicht eine verbrecherische Regierung aus der Verantwortung? Statt Schulkinder mit Essen zu versorgen, setzt Assad gnadenlos den Kampf gegen die letzten Aufständischen fort ...


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Wir sind nicht naiv. Wir sind uns dieses moralischen Dilemmas bewusst. Aber bei uns steht die Bedürftigkeit des Kindes immer an erster Stelle. Wir sind den humanitären Grundsätzen verpflichtet. Wir helfen dort, wo die Not am größten ist. Darum gehen wir auch dorthin, wo die Arbeit schwierig und gefährlich ist. Kein Kind soll die Rechnung für die Verbrechen einer Regierung zahlen. Zugleich wollen wir überall die Verantwortung für Ernährung und Bildung der Kinder so schnell wie möglich an die Regierungen übergeben. Unser Ziel ist es, uns überflüssig zu machen.

White Saviours, also weiße Retter, die in Entwicklungsländern Hilfsprojekte betreiben, sind zuletzt vor allem von People of Colour als überflüssig, antiquiert und anmaßend kritisiert worden. Sind Sie ein weißer Retter?

Nein, dieser Vorwurf trifft uns nicht. Ich bin zwar offensichtlich weiß, aber in den 19 Ländern, in denen wir tätig sind, haben wir fast ausschließlich lokale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wir kommen nicht von außen, um irgendjemanden zu retten. Mary's Meals ist Teil der Gemeinschaften, mit denen wir arbeiten.

Magnus MacFarlane Barrow (l.) mit Gerard Butler bei der Übergabe des „Cinema for Peace“-Awards an Butler im Februar 2020 in Berlin.
Magnus MacFarlane Barrow (l.) mit Gerard Butler bei der Übergabe des „Cinema for Peace“-Awards an Butler im Februar 2020 in Berlin.
Foto: Eibner-Pressefoto/Sascha Walther

Für Ihre Arbeit sind Sie vielfach ausgezeichnet worden. Die Queen persönlich hat Sie mit dem Orden „Order of the Britisch Empire“ geehrt, der amerikanische Fernsehsender CNN kürte Sie zum „Held des Jahres“, das US-Magazin „Time“ zählte Sie zu den hundert einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt. Was bedeuten Ihnen diese Auszeichnungen?

Zunächst hielt ich sie für absurd. Es war mir wirklich peinlich. Vor allem die Auszeichnung des „Time“-Magazines. Ich halte mich noch nicht mal für die einflussreichste Person in meiner eigenen Familie! Doch dann habe ich begriffen: Es geht bei diesen Auszeichnungen nicht um mich, es geht um Mary's Meals. Man braucht lediglich eine Person mit einem Gesicht und zwei Händen, die die Auszeichnung entgegennehmen und höflich Danke sagen kann. Das war ich. Und natürlich habe ich mich auch gefreut, dass unsere Arbeit zur Kenntnis genommen und wertgeschätzt wird. 

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