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Westmächte greifen Syrien an
International 7 Min. 14.04.2018

Westmächte greifen Syrien an

Eine französische Rakete wird im Mittelmeer nach Syrien geschossen.

Westmächte greifen Syrien an

Eine französische Rakete wird im Mittelmeer nach Syrien geschossen.
Foto: AFP
International 7 Min. 14.04.2018

Westmächte greifen Syrien an

Die USA und ihre Verbündeten haben Ernst gemacht: Mit Angriffen gegen Ziele in Syrien üben sie Vergeltung für den mutmaßlichen Giftgasangriff der Führung in Damaskus.

(dpa) - Als Vergeltung für einen mutmaßlichen Giftgaseinsatz haben die USA, Frankreich und Großbritannien Ziele in Syrien angegriffen. Als Reaktion drohte Russland, Verbündeter und Schutzmacht Syriens, mit Konsequenzen: Präsident Wladimir Putin forderte eine Sondersitzung des UN-Sicherheitsrates und verurteilte - ebenso wie die Führung in Damaskus - den Angriff auf das Schärfste.

105 Geschosse

Die USA gehen nach Aussage des Pentagons davon, dass der Angriff des Militärs in Syrien erfolgreich war. Donald Trump sagte: „Ein perfekt ausgeführter Schlag letzte Nacht. Danke an Frankreich und das Vereinigte Königreich für ihre Klugheit und die Macht ihres glänzenden Militärs. Hätten kein besseres Ergebnis haben können. Mission beendet!“

Man sei zuversichtlich, dass alle Flugkörper ihre Ziele getroffen hätten, sagte der Leiter des Generalstabs, Kenneth F. McKenzie, am Samstag. Auch Pentagon-Sprecherin Dana White erklärte, der Einsatz sei erfolgreich gewesen.

McKenzie wiederholte die Darstellung, wonach drei Ziele angegriffen worden seien: eine Forschungseinrichtung in Barsah nördlich von Damaskus, eine Lagerstätte westlich der Stadt Homs sowie ein weiteres Depot nahe Homs. Insgesamt seien 105 Geschosse abgefeuert worden. Derzeit wisse man nichts von getöteten Zivilisten, fügte der US-General hinzu.

Als Reaktion auf den Angriff habe die syrische Armee 40 Raketen abgefeuert, sagte McKenzie. Aber viele seien erst nach dem Angriff abgefeuert worden und es habe sich nicht um Präzisionsraketen gehandelt. Das syrische Vorgehen habe keine Auswirkung auf den Einsatz gehabt. Es gebe derzeit keinen Hinweis darauf, dass das russische Luftabwehrsystem eingesetzt worden sei, sagte McKenzie.

US-Präsident Donald Trump sagte in der Nacht auf Samstag, die Angriffe seien die Antwort auf den Einsatz chemischer Waffen durch die syrische Regierung unter Präsident Baschar al-Assad gegen das eigene Volk in der Stadt Duma. „Dies sind nicht die Taten eines Menschen. Es sind die Verbrechen eines Monsters.“ Der französische Präsident Emmanuel Macron sagte: „Die rote Linie ist überschritten.“ Die britische Premierministerin Theresa May bezeichnete das Vorgehen als alternativlos.

Der Luxemburger Außenminister Jean Asselborn sagte, dass es bei dieser einmaligen Aktion bleiben müsse. Er sprach von einer Katastrophe und bedauerte in einem RTL-Interview, dass das Resultat der Ermittlungen zum möglichen Einsatz von chemischen Waffen in Syrien nicht abgewartet wurde. Er denke nicht, dass es zu einem Gegenangriff durch Russland kommen würde.

Einmalige Aktion

US-Verteidigungsminister James Mattis sprach von einer begrenzten, einmaligen Aktion. Weitere Schläge seien nicht geplant. Der Einsatz richtete sich demnach gegen die Infrastruktur der chemischen Waffenproduktion in dem Land. An den Militärschlägen waren Schiffe und Flugzeuge der Alliierten beteiligt. Der syrischen Armee zufolge wurden bei dem Angriff auf das Land rund 110 Raketen abgefeuert.

Russland behielt sich eine angemessene Reaktion vor. „Wir sind wieder bedroht worden“, hieß es in einer Erklärung des russischen Botschafters in Washington, Anatoli Antonow, auf Twitter. „Wir haben gewarnt, dass solche Aktionen nicht ohne Konsequenzen sein werden.“ Alle Verantwortung dafür hätten nun die Regierungen in Washington, London und Paris zu tragen. Auch Iran, weitere Schutzmacht Assads, verurteilte den Angriff als klaren Verstoß gegen internationale Vorschriften.


Die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, schrieb, es gebe weiterhin keine Beweise für den mutmaßlichen Giftgasangriff auf die Stadt Duma. Das Außenministerium in Damaskus forderte die internationale Gemeinschaft auf, die „Aggression“ zu verurteilen. Der Angriff sei zeitgleich mit der Ankunft der Ermittler der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) in Syrien erfolgt. Ziel des Angriffs sei es gewesen, deren Arbeit zu behindern, die Ergebnisse vorweg zu nehmen und Druck auf sie auszuüben.

Die Ermittler sollen herausfinden, ob in Duma Giftgas eingesetzt wurde. Am 7. April sollen in der Region Ost-Ghuta der Hilfsorganisation Weißhelme zufolge mindestens 42 Menschen getötet worden sein. Mehr als 500 Personen wurden demnach in Krankenhäusern behandelt.

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg unterstützte das Vorgehen: „Das wird die Fähigkeiten der Führung einschränken, weiter die Menschen in Syrien mit chemischen Waffen anzugreifen.“ Die Türkei bezeichnete den Angriff als „angemessene Antwort auf den Chemiewaffenangriff“. Auch Israel äußerte Verständnis. UN-Generalsekretär António Guterres warnte vor einer weiteren Eskalation.

Doppelt so viele Waffen wie 2017

Nach US-Angaben gab es keine Verluste bei den Angriffen auf ein Forschungszentrum wohl nordöstlich der Hauptstadt Damaskus, eine mutmaßliche Lagerstätte für chemische Waffe sowie eine Kommandoeinrichtung bei Homs. In Berichten von vor Ort war von mehr als drei Zielen die Rede. Der syrischen Nachrichtenagentur Sana zufolge wurden mindestens drei Zivilisten verletzt. Aus Armeekreisen hieß es, sechs Soldaten seien bei Homs verletzt worden.

Der Generalstabschef des US-Militärs, Joseph Dunford, sagte, nahe Homs sei der chemische Kampfstoff Sarin gelagert worden. Die USA hätten den Angriff nicht mit Russland koordiniert. Es habe lediglich Kommunikation über den regulären Kanal zwischen dem russischen und amerikanischem Militär zur Vermeidung von Zwischenfällen gegeben.

Mattis sagte, der Schlag sei härter gewesen als der im Vorjahr. Es seien etwa doppelt so viele Waffen eingesetzt worden wie beim Angriff 2017. Es ist das zweite Mal, dass die USA unter Trump die Assad-Regierung direkt angreifen. Das US-Militär hatte vor einem Jahr die Luftwaffenbasis Schairat beschossen. Das war eine Reaktion auf den Giftgasangriff mit Dutzenden Toten auf die Stadt Chan Scheichun, für den UN-Experten die Regierung Assads verantwortlich machten. Das Eingreifen der USA galt aber als eher symbolisch.


"Keine Nation kann auf lange Sicht damit erfolgreich sein, Schurkenstaaten, brutale Tyrannen und mörderische Diktatoren zu fördern."
Trumps Ansprache zum Angriff in Syrien im Wortlaut
US-Präsident Donald Trump hat am Freitagabend (Ortszeit) Militärschläge in Syrien befohlen. Seine Ansprache im Wortlaut.

An dem Einsatz in der Nacht waren auch vier Flugzeuge der britischen Royal Air Force beteiligt. Es habe „keine gangbare Alternative zum Einsatz der Streitkräfte gegeben“, um das syrische Regime vom Einsatz der Chemiewaffen abzuschrecken, sagte die Premierministerin May. Es gehe nicht darum, in einen Bürgerkrieg einzugreifen, und auch nicht um einen Regimewechsel.

„Rechtmässiger Einsatz“

Macron sagte zur Begründung: „Dutzende von Männern, Frauen und Kindern wurden beim Einsatz chemischer Waffen in Duma am 7. April massakriert. Ich habe deshalb den französischen Streitkräften befohlen einzugreifen.“ Sein Außenminister Jean-Yves Le Drian nannte den Einsatz rechtmäßig. Das Vorgehen richte sich nicht gegen Russland und Iran und auch nicht gegen die Zivilbevölkerung. Er forderte einen „Krisenausstiegsplan“.

Die französische Verteidigungsministerin Florence Parly meinte: „Wir suchen nicht die Konfrontation und weisen jede Logik militärischer Eskalation zurück“, sagte sie. „Deshalb haben wir mit unseren Verbündeten darauf geachtet, dass die Russen vorher gewarnt werden.“

Die türkische Botschaft in Luxemburg teilte am Samstagvormittag mit, dass der "Angriff eine angemessene Reaktion auf den Einsatz chemischer Waffen in Duma, durch den zahlreiche Zivilisten gestorben sind, sei". 

US-Präsident Trump hatte zuletzt unverhohlen mit dem Angriff gedroht. Er sagte in der sehr kurzfristig angekündigten, etwa acht Minuten dauernden Ansprache, die USA seien darauf vorbereitet, ihre Einsätze fortzusetzen, bis die syrische Regierung ihren Einsatz verbotener chemischer Waffen beende. An Russland und den Iran gerichtet, fragte Trump: „Was für eine Art Nation würde im Zusammenhang stehen wollen mit dem Massenmord an unschuldigen Männern, Frauen und Kindern?“

In Alarmbereitschaft

Die syrische Armee war seit Tagen in voller Alarmbereitschaft und hatte sich von Stützpunkten zurückgezogen. Nach dem Angriff der Westmächte gab sich die Regierung unbeugsam. Das Präsidentenbüro verbreitete am Morgen über soziale Medien ein acht Sekunden langes Video, das zeigt, wie Assad den Eingang zum Präsidentenpalast betritt. In der Hand hält der mit Anzug und Krawatte bekleidete Machthaber eine Aktentasche. Zu dem Video schrieb das Präsidentenbüro: „(Guten) Morgen der Standhaftigkeit“.

In Syrien wird Assad nach den Angriffen gefeiert.
In Syrien wird Assad nach den Angriffen gefeiert.
Foto: AFP

Die staatliche Nachrichtenagentur Sana meldete, die Luftabwehr Syriens habe die „amerikanisch-britisch-französische Aggression“ bekämpft. Es seien 13 Raketen abgefangen worden. Aus Armeekreisen hieß es, es seien Dutzende Abwehrraketen abgefeuert worden, unter anderem vom Militärflughafen Al-Schairat. Das Pentagon wollte zu dieser Darstellung keine Stellung nehmen.

Russland hatte den Vorfall in Duma als inszenierte Provokation Großbritanniens eingestuft. Die britische UN-Botschafterin Karen Pierce bezeichnete den Vorwurf als „grotesk“, „bizarr“ und „offenkundige Lüge“. Das Verhältnis beider Länder wird durch das Attentat auf den Ex-Doppelagenten Sergej Skripal in Großbritannien belastet, für das die Regierung in London Russland verantwortlich macht.



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