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Westliche Politiker reagieren auf Afghanistan-Krise
International 3 5 Min. 17.08.2021 Aus unserem online-Archiv
Merkel, Biden und Macron

Westliche Politiker reagieren auf Afghanistan-Krise

Die Stadt Kabul ist am Montag in die Hände der militant-islamistischen Taliban gefallen.
Merkel, Biden und Macron

Westliche Politiker reagieren auf Afghanistan-Krise

Die Stadt Kabul ist am Montag in die Hände der militant-islamistischen Taliban gefallen.
Foto: AFP
International 3 5 Min. 17.08.2021 Aus unserem online-Archiv
Merkel, Biden und Macron

Westliche Politiker reagieren auf Afghanistan-Krise

Chaos auf dem Rollfeld und Szenen der Verzweiflung: Nach dem Einmarsch der Taliban auch in Afghanistans Hauptstadt Kabul ist die Angst vor ihrer Herrschaft bei vielen groß.

(dpa/jwi) - Die Stadt Kabul ist am Montag in die Hände der militant-islamistischen Taliban gefallen - und damit auch Afghanistan. Wie das Land nun geführt werden soll, ist völlig offen; die NATO-Mission ist nach 20 Jahren gescheitert. Die Politiker räumen am Montag Fehler bei ihren Entscheidungen ein. 

Im Zuge der Evakuierung von britischen Staatsbürgern und afghanischen Helfern will London 200 zusätzliche Soldaten nach Kabul schicken. Das teilte das britische Verteidigungsministerium am Montag mit, nachdem in der vergangenen Woche bereits 600 militärische Kräfte nach Afghanistan entsandt wurden. Die Soldaten sollen dabei helfen, die verbliebenen britischen Staatsbürger und afghanischen Helfer des britischen Militärs möglichst schnell aus dem Land zu holen. Der britische Premierminister plant ein virtuelles Treffen der sieben führenden Industriestaaten (G7) zur Lage in Afghanistan.  

Merkel: Entwicklung in Afghanistan ist „überaus bitter“

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hat den internationalen Einsatz in Afghanistan als Enttäuschung bewertet. Jenseits der Bekämpfung des Terrorismus sei alles „nicht so geglückt und nicht so geschafft worden, wie wir uns das vorgenommen haben“, sagte die CDU-Politikerin am Montag in Berlin.

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„Das ist eine Erkenntnis, die ist bitter.“ Es seien „keine erfolgreichen Bemühungen“ gewesen. Daraus müsse man Lehren ziehen „und seine Ziele auch kleiner fassen“ bei solchen Einsätzen. Die Taliban hätten das ganze Land erneut unter ihre Kontrolle gebracht. „Das ist eine überaus bittere Entwicklung“, sagte Merkel.

Der CDU/CSU-Kanzlerkandidat Armin Laschet äußerte sich aber skeptisch über eine Aufnahme afghanischer Flüchtlinge in großer Zahl. „Ich glaube, dass wir jetzt nicht das Signal aussenden sollten, dass Deutschland alle, die jetzt in Not sind, quasi aufnehmen kann“, sagte der CDU-Vorsitzende nach Beratungen von Präsidium und Bundesvorstand seiner Partei. „Die Konzentration muss darauf gerichtet sein, vor Ort, jetzt diesmal rechtzeitig - anders als 2015 - humanitäre Hilfe zu leisten.“ In dem Jahr waren Hunderttausende Migranten weitgehend unkontrolliert nach Deutschland eingereist. Merkel kündigte an, den afghanischen Nachbarstaaten schnell Hilfe anzubieten, um Fluchtbewegungen nach Europa unter Kontrolle zu halten. 

Macron warnt vor Wiedererstarken des Terrorismus

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat vor einem Wiedererstarken des Terrorismus in Afghanistan nach dem Fall des Landes an die Taliban gewarnt. „Afghanistan darf nicht wieder zu dem Zufluchtsort des Terrorismus werden, der es einmal war“, sagte Macron am Montagabend in einer Fernsehansprache.

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Islamistische Terroristen würden versuchen, von der aktuellen Situation zu profitieren. Macron kündigte eine Initiative Frankreichs mit den europäischen Partnern gegen diese Bedrohung an. Dazu habe er sich bereits mit dem britischen Premierminister Boris Johnson ausgetauscht.


Afghan people sit as they wait to leave the Kabul airport in Kabul on August 16, 2021, after a stunningly swift end to Afghanistan's 20-year war, as thousands of people mobbed the city's airport trying to flee the group's feared hardline brand of Islamist rule. (Photo by Wakil Kohsar / AFP)
Evakuierung aus Kabul hat begonnen, Landeverbot aufgehoben
Auf dem Airport der afghanischen Hauptstadt blockierten Menschen die Landebahn; die Rettungsflugzeuge drehten bis 23 Uhr Warteschleifen.

„Die Destabilisierung Afghanistans droht außerdem zu ungesteuerten Flüchtlingsströmen Richtung Europa zu führen.“ Diese wolle Frankreich mit Deutschland und anderen europäischen Partnern kanalisieren, kündigte Macron an. Er habe dazu bereits mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gesprochen.

Neben der Evakuierung der eigenen Landsleute, die absolute Priorität habe, sicherte Macron den afghanischen Helfern der Franzosen vor Ort und auch afghanischen Intellektuellen Frankreichs Hilfe zu. Er habe zwei Militärflugzeuge und Spezialkräfte nach Afghanistan beordert, diese würden dort in wenigen Stunden eintreffen, sagte Macron. Dem afghanischen Volk sicherte der Präsident Unterstützung in seinem Kampf um Freiheit und Selbstbestimmung zu.

Biden: Können auch ohne Präsenz kämpfen

Die USA können islamistische Terrorgruppen wie Al-Qaida nach Ansicht von Präsident Joe Biden auch ohne eine permanente Militärpräsenz in dem Zielland effektiv bekämpfen. Das US-Militär zeige dies in anderen Ländern wie zum Beispiel Somalia oder Jemen, sagte Biden am Montag im Weißen Haus. Falls nötig, könne dies künftig auch in Afghanistan so geschehen, sagte er mit Blick auf den bevorstehenden Abzug der US-Truppen. Es war Bidens erste öffentliche Äußerung seit der faktischen Machtübernahme der militant-islamistischen Taliban in Afghanistan.

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„Die politischen Anführer Afghanistans haben aufgegeben und sind aus dem Land geflohen“, sagte Biden am Montag im Weißen Haus. „Das afghanische Militär ist zusammengebrochen, manchmal ohne zu versuchen zu kämpfen.“ Die jüngsten Ereignisse hätten bekräftigt, dass der US-Truppenabzug aus Afghanistan die richtige Entscheidung gewesen sei. „Amerikanische Truppen können und sollten nicht in einem Krieg kämpfen und in einem Krieg sterben, den die afghanischen Streitkräfte nicht bereit sind, für sich selbst zu führen.“  


This handout picture provided by Qatar's Ministry of Foreign Affairs on August 14, 2021, shows Qatari Foreign Minister Sheikh Mohammed bin Abdulrahman Al-Thani (C R) meeting with the Taliban's political office chief Mullah Abdul Ghani Baradar (C L) in Doha. - Qatar called on the Taliban to adopt a ceasefire and reduce escalation as the insurgents' military push in Afghanistan entered a decisive phase. (Photo by - / QATARI MINISTRY OF FOREIGN AFFAIRS / AFP) / RESTRICTED TO EDITORIAL USE - MANDATORY CREDIT "AFP PHOTO / QATAR FOREIGN MINISTRY" - NO MARKETING NO ADVERTISING CAMPAIGNS - DISTRIBUTED AS A SERVICE TO CLIENTS
Das Sprachrohr von Bin Laden
Wie das Emirat Katar die Taliban hofiert – und andere Regionalstaaten um die Gunst der afghanischen Extremisten buhlen.

US-Präsident Joe Biden sah sich nach dem schnellen Vormarsch der Taliban im Kreuzfeuer führender Republikaner. Der frühere US-Präsident Donald Trump warf seinem Nachfolger vor, sich den Taliban „ergeben“ zu haben. Biden habe mit seiner Afghanistan-Politik „das Vertrauen in die Macht und den Einfluss Amerikas zerstört“.  

Das US-Militär ist am Flughafen Kabul nach eigenen Angaben inzwischen mit rund 2.500 Soldatinnen und Soldaten im Einsatz. Im Lauf des Dienstags solle deren Zahl auf mehr als 3.000 ansteigen, sagte der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, John Kirby, am Montag. In einigen Tagen sollten dann rund 6.000 US-Soldaten vor Ort sein, sagte er weiter. Sie sollen die Sicherheit des Flughafens gewähren und die Evakuierung von Amerikanern und früheren afghanischen Mitarbeitern der US-Streitkräfte organisieren.  

UN-Chef fordert Taliban zu „äußerster Zurückhaltung“ auf

UN-Generalsekretär António Guterres hat die Taliban nach ihrer Machtübernahme in Afghanistan zu „äußerster Zurückhaltung“ aufgefordert, um so Leben zu schützen. Humanitäre Hilfe müsse weiter möglich sein, und alle Menschen, die das Land verlassen wollten, müssten dies tun können, forderte Guterres am Montag bei einer Sondersitzung des UN-Sicherheitsrats in New York. Die Weltgemeinschaft rief der UN-Chef dazu auf, afghanische Flüchtlinge aufzunehmen und Abschiebungen nach Afghanistan auszusetzen.

Die Vereinten Nationen hätten nach wie vor Niederlassungen und Mitarbeiter an mehreren Orten in Afghanistan, die nun unter der Kontrolle der Taliban stünden. „Mit Erleichterung kann ich berichten, dass unser Personal und unsere Einrichtungen bisher größtenteils respektiert worden sind.“ Die weitere Präsenz der UN in dem Land werde von der Entwicklung der Sicherheitslage abhängig gemacht.

Die US-Botschafterin Linda Thomas-Greenfield rief die Taliban ebenfalls dazu auf, Zivilisten zu schützen, humanitäre Organisationen weiter ihre Arbeit machen und alle Ausreisewilligen aus dem Land zu lassen. Die Sitzung des Rates war von Indien organisiert worden, das derzeit die Präsidentschaft innehat. Unter anderem Estland und Norwegen hatten die Einberufung des Treffens zuvor gefordert.

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