Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Weltweiter Massenprotest für eine bessere Klimapolitik
International 18 7 Min. 20.09.2019

Weltweiter Massenprotest für eine bessere Klimapolitik

Berlin: Teilnehmer der Fridays for Future Demonstration ziehen durch das Regierungsviertel und über die Straße des 17. Juni.

Weltweiter Massenprotest für eine bessere Klimapolitik

Berlin: Teilnehmer der Fridays for Future Demonstration ziehen durch das Regierungsviertel und über die Straße des 17. Juni.
Foto: Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dp
International 18 7 Min. 20.09.2019

Weltweiter Massenprotest für eine bessere Klimapolitik

Die luxemburgische Hauptstadt war dicht an diesem Freitag, dem Tag des globalen Klimastreiks. Rund 1000 Demonstranten hatten sich versammelt. Auch weltweit gab es Aktionen in Tausenden Städten.

(dpa) - Es ist ein weltweiter Weckruf: Rund um den Globus haben am Freitag mehrere hunderttausend Menschen für den Klimaschutz demonstriert. Einem Aufruf der Jugendbewegung Fridays for Future zum globalen Streik folgten allein in Australien rund 300.000 Menschen, wie die Veranstalter mitteilten. Auch in Deutschland war der Zulauf groß: In Berlin gingen nach Angaben der Aktivisten mehr als 100.000 Menschen auf die Straße, in Köln 70.000, und auch in Hamburg waren es laut Polizei 70.000. In Trier waren es rund 2.500, während in Luxemburg rund 1.000 Leute auf die Straße gingen.

Für die internationale Streikwoche, die nun begonnen hat, hatten Aktivisten Proteste in mehr als 2900 Städten in über 160 Staaten angekündigt. Fridays for Future appellierte erstmals auch an alle Erwachsenen, sich anzuschließen.


Youth for Climate: Die Demo zum Nachlesen
Die Aktivisten von Friday For Future haben für Freitag zum globalen Klimastreik aufgerufen. Auch in Luxemburg gingen ab 11 Uhr Jugendliche und Unterstützer auf die Straße. Unsere Liveticker-Nachlese.

Die von der Schwedin Greta Thunberg angestoßene Klimabewegung wird von Schülern und Studenten getragen. Sie fordern von der Politik mehr Ehrgeiz im Kampf gegen die Erderhitzung und die drohende Klimakatastrophe. Vor allem müsse gemäß dem Pariser Klimaabkommen die globale Erwärmung auf unter 1,5 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit eingedämmt werden.

Begonnen hatte der globale Streik in der Nacht mit Demonstrationen in Australien. Zehntausende Schüler blieben dort dem Unterricht fern. In der Stadt Alice Springs legten sich Hunderte Menschen auf den Boden und stellten sich tot.

Die Schwedin Greta Thunberg, die zurzeit in den USA ist, demonstriert seit vergangenem Sommer jeden Freitag - also meistens während der Schulzeit - für mehr Klimaschutz. Ihr Schulstreik hat weltweit Menschen zu Demonstrationen inspiriert.

Vor der Aktivistin liegen eine Reihe von Klimakonferenzen, Protesten und weiteren Terminen. Der Jugend-Klimagipfel der Vereinten Nationen in New York startet an diesem Samstag, ihm folgt zwei Tage später der UN-Klimagipfel mit Staats- und Regierungschefs vor der UN-Generalversammlung.

Zum globalen Klimastreik wiesen Umweltaktivisten von Scientists for Future auf wissenschaftliche Fakten zur Erderhitzung hin. So sei weltweit die Durchschnittstemperatur bereits um ein Grad gestiegen, relativ zum Zeitraum 1850 bis 1900, schrieben die Wissenschaftler auf Twitter.

Und die vergangenen vier Jahre seien die wärmsten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen gewesen. Auch sei es erwiesen, dass der Mensch mit seinen Treibhausgasemissionen nahezu vollständig verantwortlich sei für dieses Temperaturplus. Schon jetzt verursache die Erderwärmung in vielen Regionen Extremwetter wie Hitzewellen, Dürren, Waldbrände und Starkregen.

Deutschland: "Hört auf, uns zu verKOHLEn"

In ganz Deutschland waren in Dutzenden Städten mehr als 570 Aktionen und Demonstrationen angemeldet. Auf Plakaten waren Slogans zu lesen wie "Ihr habt verschlafen, wir sind aufgewacht", "Hört auf, uns zu verKOHLEn", "Kurzstreckenflüge nur für Bienen" oder "Dieser Planet wird heißer als mein Freund". Einige hatten sich Besonderes ausgedacht: So standen in Berlin etwa drei Menschen auf abtauenden Eisklumpen unter einem Galgen - mit einer Schlinge um den Hals. Vereinzelt wurden von Gruppen wie Extinction Rebellion Straßen blockiert, unter anderem in Frankfurt und Berlin.

Adressat der Protestaktionen in Deutschland war unter anderem das Klimakabinett der Bundesregierung, das am Freitag Eckpunkte für mehr Klimaschutz vorlegte. Es enthält es einen Preis auf den Ausstoß klimaschädlichen Kohlendioxids, jedoch auf niedrigem Niveau. Zugleich sollen aber auch Fernpendler entlastet werden. Auf die Beschlüsse reagierte Fridays For Future auf Twitter mit Kritik. Die Aktivistin Luisa Neubauer schrieb: "Während Hunderttausende klimastreiken, einigt sich die GroKo anscheinend auf einen Deal, der in Ambitionen und Wirksamkeit jenseits des politisch und technisch Machbaren liegt." Und weiter: "Das ist heute kein Durchbruch, das ist ein Skandal." 

Für Deutschland fordert Fridays for Future unter anderem, schon bis Jahresende alle Subventionen für fossile Energieträger wie Öl und Kohle zu streichen, ein Viertel der Kohlekraft abzuschalten und eine Steuer auf Treibhausgasemissionen zu erheben. Die Bewegung bekommt breite Unterstützung. Mit dabei sind Umwelt- und Entwicklungsorganisationen wie Greenpeace und Brot für die Welt, aber auch die Evangelische Kirche, die Gewerkschaft Verdi und der Deutsche Kulturrat.

Auch viele Bürger wünschen sich ein Umsteuern in der Klimapolitik. Laut ARD-"Deutschlandtrend" sind knapp zwei Drittel der von Infratest-dimap befragten Bundesbürger (63 Prozent) der Meinung, dass der Klimaschutz Vorrang haben sollte, selbst wenn dies dem Wirtschaftswachstum schadet.

Großbritannien: "Du stirbst an Altersschwäche, ich am Klimawandel!"

London, Edinburgh, Dublin: Mit ungewöhnlichen Aktionen, pfiffigen Protestschildern und Verkleidungen haben sich zahrleiche Demonstranten in Großbritannien und Irland am globalen Klimastreik beteiligt. "Man darf die Erderwärmung nicht ignorieren", sagte die 15-jährige Sara am Freitag der Deutschen Presse-Agentur in London. "Viele denken wohl, unser Protest ist nicht so wichtig, weil wir Kinder und Jugendliche sind. Aber mir ist das sehr ernst!"

Auf Protestschildern hatten die vor allem jungen Demonstranten jeweils ihre eigene Botschaft im Kampf gegen die Erderwärmung: "Benutzt weniger Papier", hatte beispielsweise eine Jugendliche auf einem winzigen Schild geschrieben. "Du wirst an Altersschwäche sterben, aber ich am Klimawandel", stand auf einem anderen Schild.

Studenten riefen dazu auf, gemeinsam mit klingelnden Weckern die Menschen wachzurütteln. Unternehmen sollten ihren Feueralarm aktivieren. In Großbritannien waren insgesamt mehr als 200 Demonstrationen und andere Veranstaltungen am Freitag geplant.

Kopenhagen: "Make Love, Not CO2"

Auch zahlreiche Dänen haben sich am Freitag an den weltweiten Klimaprotesten beteiligt. Auf dem Rathausplatz in der Hauptstadt Kopenhagen kamen am Freitagmittag rund 2.000 überwiegend junge Demonstranten zusammen, wie der Fernsehsender TV2 berichtete. Eine Siebtklässlerin hielt ein Schild mit der Aufschrift "Make Love, Not CO2" in die Höhe.

Schüler streiken in Kopenhagen, Dänemark.
Schüler streiken in Kopenhagen, Dänemark.
Foto: AFP

Eine Mitschülerin sagte dem Sender, sie wolle, dass Erwachsene und Politiker begriffen, dass es um die Zukunft ihrer Generation gehe. Insgesamt waren nach Angaben des dänischen Rundfunks DR Klimaproteste an 19 verschiedenen Orten in Dänemark geplant.

Warschau: Hüpfen als Protest gegen Kohlekraftwerke

Mit einer Hüpf-Aktion haben junge Demonstranten in Warschau im Rahmen des Klimastreiks gegen die Energiepolitik der polnischen Regierung protestiert. "Wer nicht hüpft, der ist für Kohle" riefen die Teilnehmer einer Kundgebung in der Hauptstadt und sprangen zusammen in die Höhe. An der Demonstration beteiligten sich mehrere tausend Menschen. "In New York soll ein Klimagipfel stattfinden. Die polnische Regierung fährt dort ohne jeden Plan hin", sagte der 17-jährige Antoni Wisniewski-Miszal, einer der Organisatoren der Protestaktion.

Polens nationalkonservative PiS-Regierung setzt bei der Energieversorgung weiter auf Kohle, weniger auf erneuerbare Energien. Das Land erzeugt etwa 80 Prozent seiner Energie mit dem fossilen Brennstoff und hat damit den mit Abstand höchsten Kohleanteil aller 28 EU-Länder. Bis 2030 sollen noch immer rund 60 Prozent der Energie aus Kohle stammen. Auch in vielen anderen polnischen Städten gab es am Freitag Klimademonstrationen.

Tausende demonstrieren in Indien

In Indien haben sich am Freitag mehrere Tausend Kinder und Jugendliche an den weltweiten Demonstrationen für mehr Klimaschutz beteiligt - vergleichsweise wenig im Vergleich zur Bevölkerungszahl des Landes von 1,3 Milliarden. Die Schüler klagten, dass in ihrem Land - dem drittgrößten CO2-Emittenten der Welt - wenig Bewusstsein für Klimaschutz herrsche. "Die Eliten hier denken, dass sie sich alles kaufen können - auch saubere Luft - und die Armen haben schon genügend Probleme, um sich auch noch um die Klimakrise zu kümmern", erklärte Bhavreen Kandhar, die Mutter zweier Schülerinnen. "Noch wollen es die meisten nicht wahrhaben."

Indien leidet stark unter den Auswirkungen des Klimawandels. Es gibt extreme Hitzewellen, extremen Regen, Dürre und Wassermangel. In der Hauptstadt Delhi herrscht eine der schlimmsten Luftverschmutzungen der Welt. Die, die es sich leisten können, haben Luftfilter Zuhause.

Der 13-jährige Manish Kumar hatte sich für die Demo in Delhi ein Kleidungsstück aus Müll gebastelt. Auch hatte er zwei Waagschalen dabei - eine gefüllt mit Müllsäcken, auf der anderen saß sein neun Jahre alter Bruder Aman. "Die Menschen und die Natur sind in einem Gleichgewicht", erklärte Manish sein Werk. "Und die Menschen sollen das nicht zerstören." Seine Schule sehe es aber nicht gerne, dass er für "Fridays for Future" die Schule schwänzt. "Die sagen, ich sei etwas verrückt." Zurzeit finden in mehreren Bundesstaaten wichtige Prüfungen statt.

Die Schule des 15-jährigen Vihaan Agarwal hatte den Klimastreik hingegen unterstützt. "Ich besuche eine Privatschule und da ist es anders", sagte Vihaan. "Wir lernen auch, dass es schlecht ist, wenn so viel Müll weggeworfen wird und alles verbrannt wird. Dann entsteht viel CO2."

"Coal kills": Proteste auch in Afrika

Bei den weltweiten Demonstrationen zum globalen Klimastreik haben sich Aktivisten auch in Afrika Gehör verschafft. Im südafrikanischen Johannesburg gingen mehrere hundert, vor allem junge Menschen auf die Straßen. Die Demonstranten hielten Plakate mit Aufschriften wie "No future on a dead planet", "Unite, don't ignite" oder "Coal kills". Der Kohleproduzent Südafrika setzt bei seiner Energiegewinnung weitgehend auf Kohleverstromung. Auch in anderen Großstädten des Kontinents - wie in Kampala in Uganda oder Nairobi in Kenia - fanden ähnliche Proteste statt.  

Australien: 300.000 Klimaaktivisten bei Protesten auf der Straße

An dem globalen Klimastreik in Australien haben sich nach Angaben der Veranstalter mindestens 300.000 Menschen beteiligt. Dies seien doppelt so viele wie beim vorherigen Protestmarsch, schrieben die Aktivisten von Fridays for Future am Freitag auf Twitter. Es dürften demnach sogar noch mehr werden, weil ihnen am Nachmittag (Ortszeit) noch keine Teilnehmerzahlen aus allen Orten vorlagen. Große Kundgebungen gab es unter anderem auch in Sydney und Melbourne.



Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Youth for Climate: Die Demo zum Nachlesen
Die Aktivisten von Friday For Future haben für Freitag zum globalen Klimastreik aufgerufen. Auch in Luxemburg gingen ab 11 Uhr Jugendliche und Unterstützer auf die Straße. Unsere Liveticker-Nachlese.
Klimaschutz – jetzt handeln
Für den 27. September ruft die Schülerbewegung „Youth for Climate“ zu einer Massenmobilisierung in der Stadt Luxemburg auf.