Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Weiblich, jung, progressiv: Sinn Feins sanfter Weg zu Irlands Einheit
International 3 Min. 08.05.2022
Historischer Wahlsieg

Weiblich, jung, progressiv: Sinn Feins sanfter Weg zu Irlands Einheit

Michelle O'Neill (links), die designierte Ministerpräsidentin, könnte mit ihrer Vereinigungstaktik Erfolg haben.
Historischer Wahlsieg

Weiblich, jung, progressiv: Sinn Feins sanfter Weg zu Irlands Einheit

Michelle O'Neill (links), die designierte Ministerpräsidentin, könnte mit ihrer Vereinigungstaktik Erfolg haben.
Foto: AFP
International 3 Min. 08.05.2022
Historischer Wahlsieg

Weiblich, jung, progressiv: Sinn Feins sanfter Weg zu Irlands Einheit

Mit dem Sieg Sinn Feins bei der Nordirland-Wahl lässt die Partei den Bürgerkrieg hinter sich. Trotzdem arbeitet sie ehrgeizig an der irischen Einheit.

(dpa) - Wenn Michelle O'Neill vor die Kameras tritt, umspielt ihren Mund oft ein verlegenes Lächeln. Es wirkt, als sei sie selbst immer noch ein wenig überrascht von ihrem beeindruckenden Aufstieg: Die Vizepräsidentin Sinn Feins könnte bald Regierungschefin in Nordirland sein.

Ihre Partei, die einst als politischer Arm der militanten IRA galt, wurde bei der Wahl am Donnerstag erstmals stärkste Kraft in der zum Vereinigten Königreich gehörenden Provinz. Es ist ein historisches Ergebnis. Nie zuvor in der gut 100-jährigen Geschichte des Landesteils schaffte das eine Partei, die sich für die irische Einheit einsetzt. Nordirland wurde einst als protestantisch dominierte britische Provinz neben der überwiegend katholischen Republik Irland gegründet. Katholiken waren lange unterdrückt.

„Fairness und Gleichbehandlung“

Als O'Neill ihre Wiederwahl als Abgeordnete der Northern Ireland Assembly am Samstag annimmt, kling sie präsidial: „Heute beginnt eine neue Ära, die uns allen die Möglichkeit gibt, Beziehungen in der Gesellschaft neu zu definieren auf der Grundlage von Fairness, Gleichbehandlung sowie von sozialer Gerechtigkeit, unabhängig von politischen, religiösen oder sozialen Hintergründen“, erklärt sie.

Die 45-Jährige weiß, wovon sie spricht: Sie hat einen langen Weg hinter sich. O'Neill stammt aus einfachen, ländlichen Verhältnissen. Bereits mit 16 Jahren war sie schwanger. Der „Irish Times“ sagte sie einmal, sie habe „sehr, sehr negative Erfahrungen“ als Teenager-Mutter und Alleinerziehende gemacht.

Michelle O'Neill will sich auf soziale Missstände konzentrieren. Sie selbst hat negative Erfahrungen mit dem Sozialstaat gemacht.
Michelle O'Neill will sich auf soziale Missstände konzentrieren. Sie selbst hat negative Erfahrungen mit dem Sozialstaat gemacht.
Foto: AFP

Noch vor wenigen Jahren wurde Sinn Fein, die in beiden Irlands antritt, von weißhaarigen Männern geprägt, die tief in die blutige Geschichte des Nordirland-Konflikts verstrickt waren. Das markante, von einem Vollbart umrahmte Gesicht des hünenhaften Gerry Adams prägte lange die öffentliche Wahrnehmung der Partei. O'Neills Vorgänger Martin McGuinness war ein Ex-IRA-Kommandeur, der sich dem 1998 mit dem Karfreitagsabkommen besiegelten Friedensprozess verschrieben hatte.

Inzwischen wird die Partei von zwei Frauen geführt, die keine Berührungspunkte mit der Zeit des 30-jährigen Konflikts haben. Neben O'Neill ist das Mary Lou McDonald, die als Sinn-Fein-Präsidentin im irischen Unterhaus in Dublin die Rolle der Oppositionschefin einnimmt. Nicht auszuschließen, dass Sinn Fein bald in beiden Teilen Irlands stärkste Kraft im Parlament sein wird.


Die Cranberries bei ihhrem letzten Gastspiel in der Rockhal 2012.
Wie aus dem Blutsonntag Popmusik wurde
Der „Bloody Sunday“ am 30. Januar 1972 war ein Tiefpunkt des Nordirlandkonflikts. Nicht nur U2 hat er zu Protestsongs inspiriert.

Fokussierung auf soziale Fragen

Erreicht hat die Partei das mit einer Fokussierung auf soziale Themen wie Gesundheit, steigende Lebenshaltungskosten und Wohnungsnot. Die Frage der irischen Einheit hat sie zurückstellt. Doch das sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass es noch immer ihr ehrgeizigstes Ziel ist. Sie hat nur verstanden, dass es eines sanften Weges bedarf. „Lasst uns eine gesunde Debatte darüber haben, wie unsere Zukunft aussieht“, sagt O'Neill.

Bisher sprechen sich in Meinungsumfragen rund 30 Prozent der Nordiren für die Einheit aus. Das starke Abschneiden der überkonfessionellen Alliance Party als drittstärkste Kraft zeigt zudem, dass die Menschen in Zeiten steigender Lebenshaltungskosten andere Sorgen haben. Doch Sinn Fein weiß: Die Zeit arbeitet für sie.


ARCHIV - 03.07.2019, Berlin: Die Fahne von Irland (l-r) und die Fahne der Europäischen Union wehen nebeneinander vor einem wolkenverhangenen Himmel im Berliner Bezirk Tiergarten. In der zum Vereinigten Königreich gehörenden Provinz Nordirland sind 2020 erstmals innerhalb eines Jahres mehr irische als britische Pässe beantragt worden. (zu dpa «Nordiren beantragten 2020 erstmals mehr irische als britische Pässe») Foto: Gregor Fischer/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Ein Schritt in Richtung vereintes Irland? - Nordirland wählt
Die anstehende Wahl in Nordirland könnte den Anhängern einer Wiedervereinigung mit Irland einen entscheidenden Schub geben.

Harte Nuss

Das liegt nicht nur daran, dass der katholische Bevölkerungsanteil wächst. Es ist auch die Politik der protestantisch-unionistischen Partei DUP, die Sinn Fein in die Hände spielt. Gegen die Mehrheitsmeinung der Nordiren befürwortete die DUP im Jahr 2016 den Brexit. Der britische EU-Austritt bedeutete, dass quer über die irische Insel eine EU-Außengrenze entstand. Eine grüne Grenze war aber fester Bestandteil des Friedensschlusses. Die Frage wurde zur härtesten Nuss in den Brexit-Verhandlungen.

Als die damalige britische Premierministerin Theresa May ihre Mehrheit im britischen Parlament in London 2017 verlor, wurde die DUP dort zur Königsmacherin. Doch sie blockierte alle Bemühungen Mays, die Quadratur des Kreises zu finden.


Das Waterford Castle Hotel lädt mit dem Glanz vergangener Jahrhunderte vor allem begüterte Touristen ein.
Entdeckungsreise durch den Südosten Irlands
Geschichte atmen, das können Reisende in Irland - egal, ob im Leuchtturm oder beim Durchstreifen 9.000 Jahre irischer Vergangenheit.

Johnson stieß DUP vor den Kopf

Die Brexit-Querelen um Nordirland endeten mit dem Sturz der Premierministerin und dem Aufstieg Boris Johnsons. Der ließ die DUP auflaufen, vereinbarte mit Brüssel, dass Kontrollen künftig nicht an der inneririschen Grenze, sondern zwischen Nordirland und dem Rest Großbritanniens stattfinden sollten. Für die DUP war das eine Katastrophe - für Sinn Fein ein Geschenk. Bei der Wahl wurde die DUP nun abgestraft. Nicht ein starkes Abschneiden Sinn Feins, sondern ein Wählerverlust der Protestantenpartei bescherte ihr den Sieg.

Ob O'Neill tatsächlich bald Regierungschefin wird, hängt nun von der Kooperation der DUP ab. Die kündigte bereits an, sich aus Protest gegen die als Nordirland-Protokoll bezeichneten Brexit-Vereinbarungen zu verweigern. Im Karfreitagsabkommen ist eine Einheitsregierung der jeweils größten Parteien der beiden Konfessionen vorgesehen. Sollte die Hängepartie länger als sechs Monate andauern, könnte es zur erneuten Wahl kommen - die Chancen dürften nicht schlecht stehen, dass die DUP damit Sinn Fein ihren nächsten Triumph beschert.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Nach Wahlsieg von Sinn Fein
Was der historische Wahlsieg der katholisch-republikanischen Sinn Fein in Nordirland für eine mögliche Wiedervereinigung bedeutet.
07.05.2022, Großbritannien, Magherafelt: Michelle O'Neill, Spitzenkandidatin der nordirischen Partei Sinn Fein, hält eine Rede im Auszählungszentrum für die Wahlen zur Nordirischen Versammlung in der Meadowbank Sports Arena. Foto: Liam Mcburney/PA Wire/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Die seit Januar geltende Grenzbürokratie führt zu größeren Spannungen in der britischen Provinz Nordirland. Pro-britische Unionisten haben mit Gewalt gedroht – ein Wiederaufflammen des Konflikts wird befürchtet.
Graffiti in a loyalist area of south Belfast, Northern Ireland against an Irish sea border is seen on February 2, 2021. - The British government today condemned threats to port workers implementing post-Brexit trade checks in Northern Ireland and called for clear heads to ease tensions. (Photo by PAUL FAITH / AFP)
Einst galt Sinn Fein als politischer Arm der Untergrundorganisation IRA, die in Nordirland mit Waffengewalt und Attentaten für eine Vereinigung der irischen Insel kämpfte. Nun wird die linksgerichtete Partei zur ernstzunehmenden Kraft in der Republik Irland im Süden.
Donnchadh O Laoghaire (M), Abgeordneter der linksgerichteten Partei Sinn Fein, freut sich während der Auszählung der Stimmen der Parlamentswahl.