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Was wir zum Polizistenmord von Kusel wissen
International 4 9 Min. 01.03.2022 Aus unserem online-Archiv
Nach Tod zweier Polizisten

Was wir zum Polizistenmord von Kusel wissen

Mehrere hundert Menschen haben sich am Donnerstag in Kusel zur ökumenischen Gedenkfeier für die beiden in der Nacht zu Montag erschossenen Polizisten vor der Stadtkirche versammelt.
Nach Tod zweier Polizisten

Was wir zum Polizistenmord von Kusel wissen

Mehrere hundert Menschen haben sich am Donnerstag in Kusel zur ökumenischen Gedenkfeier für die beiden in der Nacht zu Montag erschossenen Polizisten vor der Stadtkirche versammelt.
Foto: Harald Tittel/dpa
International 4 9 Min. 01.03.2022 Aus unserem online-Archiv
Nach Tod zweier Polizisten

Was wir zum Polizistenmord von Kusel wissen

Tom RÜDELL
Tom RÜDELL
War das Vertuschen von Jagdwilderei ein Motiv für den Tod von zwei Polizisten? Noch sind viele Fragen zur Tat ungeklärt.

(mit dpa) - Die Tat erschüttert Deutschland, sorgt aber auch international für Aufsehen: Am Montag, 31. Januar, gegen 4.20 Uhr am Morgen werden zwei Polizeibeamte in der Nähe von Kusel in Rheinland-Pfalz erschossen. Am frühen Abend des selben Tages werden im Saarland zwei Männer nach einer aufwendigen Öffentlichkeitsfahndung festgenommen. Sie sitzen seitdem in Untersuchungshaft - allerdings nicht mehr beide wegen Mordes.

Die Tat

Der genaue Hergang ist unklar. Die Ermittler rekonstruieren: Am frühen Montagmorgen sind eine 24-jährige Polizeianwärterin und ein 29 Jahre alter Polizeioberkommissar unterwegs in einem Einsatz, um einen flüchtigen Einbrecher zu stellen. Sie fahren ein Zivilfahrzeug, sind aber uniformiert. Auf der Straße K22 in der Nähe der Kreisstadt Kusel treffen sie auf einen weißen  Kastenwagen der Marke Renault, vermutlich am Straßenrand stehend. Sie beschließen, das Fahrzeug zu kontrollieren, finden auf der Ladefläche eine große Menge toter Wildtiere. 


Journalisten verfolgen die Pressekonferenz von Vertretern der Polizei und Justiz.
Vier Schüsse aus dem Jagdgewehr
Um eine Wilderei zu vertuschen, sollen zwei Männer die beiden Polizisten in Kusel erschossen haben. Was erschreckt, ist die Brutalität.

Während der Ausweiskontrolle wird die 24-Jährige mit einer Schrotflinte in den Kopf geschossen. Ihr Kollege setzt einen letzten Funkspruch ab: „Die schießen“. Dann schießt er sein Magazin in Richtung der Täter leer, trifft aber nur das Auto. Er selbst wird von vier Schüssen aus einem Jagdgewehr getroffen. Als die Verstärkung wenig später eintrifft, ist er nicht mehr ansprechbar, stirbt kurz darauf an den Folgen eines Kopfschusses. 

Die Täter

Weil sie seinen Ausweis und Führerschein neben der toten Polizistin auf der Straße finden, kommen die Ermittler schnell auf die Spur eines der beiden mutmaßlichen Täter: Andreas S., 38 Jahre, aus dem saarländischen Spiesen-Elversberg. Er wird noch am Vormittag öffentlich zur Fahndung ausgeschrieben. Kurz nach 17 Uhr nehmen ihn Polizisten vor einem Haus in Sulzbach fest, etwa zehn Kilometer von Spiesen-Elversberg entfernt. 


31.01.2022, Rheinland-Pfalz, Mayweilerhof: Ein Polizeiwagen steht an einer Absperrung an der Kreisstraße 22 rund einen Kilometer von dem Tatort entfernt, an dem zwei Polizeibeamte durch Schüsse getötet wurden. Foto: Sebastian Gollnow/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Zwei mutmaßliche Polizisten-Mörder festgenommen
Bei einer Verkehrskontrolle bei Kusel (D) fallen plötzlich Schüsse. Zwei Polizisten sterben; die mutmaßlichen Täter sind nun in Gewahrsam.

Den zweiten mutmaßlichen Täter, Florian V., 32, Jahre, können sie ebenfalls festnehmen. Beide kommen wegen Fluchtgefahr in Untersuchungshaft, der Vorwurf lautet zunächst gemeinschaftlich begangener Mord und gewerbsmäßige Wilderei. Die sozialen und finanziellen Verhältnisse der beiden Männer seien „instabil“, so die Staatsanwaltschaft. Die Ermittler gehen zunächst davon aus, dass beide geschossen haben. Die Tat hätten sie begangen, um die Wilderei zu vertuschen. 

Am 1. März bekommt der Fall dann eine Wende: Der Haftbefehl wegen Mordes gegen Florian V. wird aufgehoben - mangels entsprechender Spuren an den Tatwaffen. V. hatte zuvor ausgesagt, S. habe als einziger geschossen und auch ihn mit dem Tode bedroht.    

Bei Hausdurchsuchungen findet die Polizei bei beiden Männern neben großen Mengen Wildfleisch zudem ein großes Waffenarsenal

Den Festnahmen vorausgegangen war eine groß angelegte Fahndung nach dem Täter-Auto in einem großen Einzugsgebiet. Laut LW-Informationen durchsuchten Polizeikräfte auch ein Anwesen in Reimsbach im Landkreis Merzig-Wadern, etwa 50 Kilometer von Sulzbach und 30 Kilometer von Schengen entfernt. Dorthin soll einer der Täter familiäre Kontakte haben. 

Wie die Saarbrücker Zeitung schreibt, haben die Ermittler noch einen dritten Mann im Visier, der für S. Wild gelagert haben soll. Ihn sollen die beiden anderen am Montagmorgen um Pannenhilfe gebeten haben - offensichtlich war der angeschossene Renault auf der Flucht liegen geblieben. Der dritte Mann soll der Bitte um Hilfe nachgekommen sein und den Renault abgeschleppt haben. Seine Räumlichkeiten wurden am Mittwoch durchsucht. 

Am 10. Mai verkündet die Staatsanwaltschaft Kaiserslautern, dass sie Anklage wegen Mordes gegen Andreas S. erhoben hat.  

Andreas S., 38 Jahre

  • S. hat bisher nicht ausgesagt, er macht von seinem Schweigerecht Gebrauch, so die Staatsanwaltschaft.
  • S. hat bis vor einiger Zeit in seinem Heimatort mehrere Bäckereien und auch einen Handel mit Wildfleisch betrieben. Seine Unternehmen sind aber insolvent.
  • Bei der Insolvenz seiner Bäckereien soll es zu Unregelmäßigkeiten gekommen sein. Die Rede ist von Insolvenzverschleppung und ausstehenden Lohnzahlungen im sechsstelligen Bereich, auch von Drohungen gegenüber Mitarbeitern.
  • Ehemalige Angestellte beschreiben ihn als Choleriker, das Arbeitsklima als unzumutbar. Ehemalige Jagdkameraden sagen über ihn, er sei ein sehr guter Schütze, aber ein gewissenloser Wilderer.
  • Einen Jagdschein besitzt S. nicht mehr, ebenso darf er legal keine Waffe mehr besitzen. Die sogenannte „waffenrechtliche Zuverlässigkeit“ war ihm zweimal aberkannt worden, einmal wegen der Unregelmäßigkeiten im Insolvenzverfahren. 
  • 2006 war er wegen fahrlässiger Körperverletzung im Zusammenhang mit einem Jagdunfall zu einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu jeweils 50 Euro verurteilt worden. Er soll damals einen Jagdkollegen mit einem Schuss im Hals- und Brustbereich sowie insbesondere im Bereich eines Auges erheblich verletzt haben.
  • 2017 soll er in einem fremden Jagdrevier ein Reh geschossen haben und danach mit dem Auto gefährlich nah auf einen Zeugen zugefahren sein, der ihn danach anzeigte. Das Verfahren wurde eingestellt, weil Freunde ihm ein Alibi gaben.    
  • Am 10. Mai wird gegen Andreas S. Mordanklage erhoben.

Florian V., 32 Jahre

  • V. hat ausgesagt und die Wilderei gestanden. Er habe aber nicht selbst geschossen. 
  • Über seinen Anwalt Christian Kessler ließ V. verlauten, er habe noch nie selbst eine Schusswaffe abgefeuert. Ein Schmauchspurtest solle das beweisen. In der Tatnacht habe V. versucht, S. von der Tat abzubringen, was ihm aber nicht gelungen sei. 
  • S. habe ihn statt dessen mit vorgehaltener Waffe aufgefordert, den verlorenen Ausweis zu finden, andernfalls würde er ihn „daneben legen“.
  • Laut Anwalt Kessler habe Andreas S. Florian V. dafür bezahlt, ihm beim Wildern zu assistieren („ Er hat gegen ein geringfügiges Entgelt eine untergeordnete, körperliche Hilfstätigkeit erfüllt“, so Kessler gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland). Dabei soll es um den Transport der erlegten Tiere zum Auto gegangen sein. 
  • Auch V. ist bereits mit dem Gesetz in Konflikt geraten, wegen Verkehrsdelikten, aber auch wegen eines Betrugsfalls. Er soll Arbeitslosenhilfe bezogen haben, obwohl er eine Anstellung hatte. 
  • Am 1. März wird der Haftbefehl wegen Mordes gegen V. aufgehoben. In Untersuchungshaft bleibt er wegen des Vorwurfs der gewerbsmäßigen Wilderei und des Vertuschens einer Straftat.

Die Opfer

Die 24-Jährige Yasmin B. aus dem saarländischen Homburg war Polizeianwärterin, das heißt, sie war noch in der Ausbildung, hatte aber nach Angaben des Polizeipräsidiums Westpfalz alle erforderlichen Ausbildungsschritte bereits durchlaufen. Im Frühjahr hätte sie die Ausbildung abgeschlossen. Sie war auf der Polizeiwache Kusel zum Praktikum, die Nachtschicht in der Nacht zu Montag war ihr zweiter Dienst dort. Laut Polizeipräsident Michael Denne sei es nicht unüblich, dass Anwärter vor Abschluss der Ausbildung auf Schichten zusammen mit erfahrenen Kollegen eingesetzt werden. 

Die Waffe von Yasmin B. steckte noch im Holster, als sie tot aufgefunden wurde. Neben ihr lagen die Papiere von Andreas S. „Sie war arglos“, so Vize-Polizeipräsident Heiner Schmolzi.

Den 29-jährigen Polizeioberkommissar Alexander K. beschreibt Schmolzi als „sehr erfahren, anerkannt, achtsam und aktiv“. K. stammte aus dem saarländischen Freisen (Landkreis St. Wendel), spielte dort im Fußballverein. Auch dort beschreiben ihn Freunde und Mitspieler als „ruhigen, sympathischen Typen“. 

Alexander K. erwiderte das Feuer der Täter, indem er das ganze Magazin seiner Dienstwaffe leer schoss. Er traf allerdings nur den Kastenwagen. Spuren seiner Einschüsse halfen später bei der Identifikation des Fahrzeugs.

Die Hintergründe

Es klingt verrückt, dass jemand zwei Menschen erschießt, nur um von illegal geschossenem Wild im Kofferraum abzulenken. Um dieses Mordmerkmal der „Vertuschung“ einordnen zu können, muss man aber die Größenordnung bedenken: Laut Staatsanwaltschaft Kaiserslautern seien auf der Ladefläche des Kastenwagens 22 tote Damhirsche gefunden worden. 


dpatopbilder - 01.02.2022, Rheinland-Pfalz, Kaiserslautern: Polizisten bringen einen der Tatverdächtigen (im weißen Overall) nach dem Haftprüfungstermin am Landgericht Kaiserslautern aus dem Justizgebäude. Am Vortag wurden in der Nähe auf der Kreisstraße 22 eine Polizistin und ein Polizist bei der Durchführung einer Verkehrskontrolle erschossen. Foto: Harald Tittel/dpa - ACHTUNG: Angeklagter und Beamte wurden aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen gepixelt +++ dpa-Bildfunk +++
Nach Schüssen auf Polizisten Waffenarsenal sichergestellt
Der Tatverdächtige war wegen Wilderei beim Jagdverband bekannt. An seinem Wohnsitz fand die Polizei zahlreiche Schusswaffen.

Zudem seien im Saarland in einer Wurstküche eines Tatverdächtigen Tierabfälle und an einem anderen Ort 20 ausgeweidete Wildtier-Kadaver sowie Tierabfälle entdeckt worden. Vor der Tür habe dort ein Kühlanhänger mit verkaufsfertig verpacktem Fleisch im Wert von mehreren tausend Euro gestanden. Einen der Verdächtigen traf die Polizei beim Fleischzerlegen an und nahm ihn in Metzgerschürze fest.

Oberstaatsanwalt Stefan Orthen hatte am Dienstag in einer Pressekonferenz erklärt, der Strafrahmen alleine für Wilderei liege in einem solch schweren Fall bei bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe. Die Wilderei hatte S. offensichtlich im ganz großen Stil betrieben. Laut SWR-Recherchen hat er in rund 500 Jagdrevieren im Kreis Kusel, dem Kreis Kaiserslautern und dem Kreis Germersheim sowie im benachbarten Frankreich unerlaubt Wild geschossen, um das Fleisch zu verkaufen. Einen Jagdschein oder ein eigenes Revier hatte er nicht. 2019 soll er entsprechende Erlaubnisse im saarländischen Forst verloren haben, weil er unerlaubterweise Wild mit Brotabfällen aus seinen Bäckereien angelockt („gekirrt“) habe, um es zu schießen.

Ende Februar ergaben Recherchen der Saarbrücker Zeitung, dass S. sogar mehrere Hundert Kilometer bis in die Oberpfalz in Bayern gefahren ist, um dort zu jagen. Eines seiner Gewehre soll er auch dort gekauft haben. Im Oktober 2021 wurde er im bayrischen Landkreis Cham beim Jagen von der Polizei kontrolliert.

Das Jagdmagazin „Pirsch“ zitiert den Präsidenten des Jagdverbandes Rheinland-Pfalz, Dieter Mahr, wonach S. mit militärischer Ausrüstung wie Nachtsichtgeräten und mit bis zu vier Hunden gleichzeitig „Strecke gemacht“, also Wild geschossen habe. Laut „Spiegel“-Recherchen soll S. alleine seit September 2020 rund 40.000 Euro mit wahrscheinlich illegalem Wildfleisch eingenommen haben. Die Ermittler hätten Belege und auch Kundendaten dazu  gefunden, so der Bericht. 

Gedenken

Bei einer ökumenischen Gedenkfeier gedachten in Kusel zahlreiche Menschen der beiden Opfer. „Wir als Kirche haben gemerkt, dass es ein großes Bedürfnis innerhalb der Bevölkerung gibt, der Trauer Ausdruck zu verleihen“, sagte Dekan Lars Stetzenbach vor dem Gottesdienst in der protestantischen Stadtkirche. Der Ton der Gedenkfeier wurde nach draußen übertragen, wo viele Menschen standen. 

Wenige Tage nach der Tat gab es eine bundesweite Schweigeminute, in vielen Gemeinden in Rheinland-Pfalz und dem Saarland läuteten die Kirchenglocken. 

Beide Opfer wurden unter großer Anteilnahme in Polizei und Bevölkerung in ihren jeweiligen Heimatgemeinden bestattet.


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