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Was trieb den Attentäter von Idar-Oberstein?
International 4 5 Min. 22.09.2021
Nach Mord an Tankstelle

Was trieb den Attentäter von Idar-Oberstein?

Das Foto zeigt den Täter um 21.20 Uhr in der Tankstelle in Idar-Oberstein.
Nach Mord an Tankstelle

Was trieb den Attentäter von Idar-Oberstein?

Das Foto zeigt den Täter um 21.20 Uhr in der Tankstelle in Idar-Oberstein.
Foto: Polizeipräsidium Trier
International 4 5 Min. 22.09.2021
Nach Mord an Tankstelle

Was trieb den Attentäter von Idar-Oberstein?

Tom RÜDELL
Tom RÜDELL
Der mutmaßliche Täter ist nicht eindeutig der Querdenker-Szene zuzurechnen. Im Internet verhielt er sich aber zumindest weit rechtsoffen und formulierte bereits vor einigen Jahren radikale Gedanken.

Am Samstagabend erschoss ein 49-Jähriger im rheinland-pfälzischen Idar-Oberstein den 20-jährigen Kassierer einer Tankstelle. Die Polizei mobilisierte ein Großaufgebot und fahndete mit Bildern der Überwachungskamera nach dem Mann. Der mutmaßliche Täter stellte sich am Sonntagmorgen um kurz vor 9 Uhr auf der örtlichen Polizeiwache und wurde dort von Spezialkräften verhaftet. 

Nach den ersten Vernehmungen meldete sich die Staatsanwaltschaft mit ersten Erkenntnissen: Dem tödlichen Schuss sei ein Streit über die Maskenpflicht vorausgegangen. Der Tankstellenkunde habe sich geweigert, einen Mund-und-Nasen-Schutz anzulegen, als der Kassierer ihn darauf hingewiesen habe; er sei daraufhin nach Hause gefahren, habe einen Revolver geholt, sei zurückgefahren und habe den jungen Mann an der Kasse durch Herunterziehen seiner Maske provoziert. Als er erneut auf die Maske angesprochen wurde, habe er den Kassierer in die Stirn geschossen. Der 20-jährige Student war sofort tot, der Schütze floh. 


19.09.2021, Rheinland-Pfalz, Idar-Oberstein: Polizisten sichern eine Tankstelle. Ein Angestellter der Tankstelle ist in Idar-Oberstein in Rheinland-Pfalz von einem mit einer Pistole bewaffneten Mann erschossen worden. Die beiden Männer waren am Samstagabend vor dem Tankstellengebäude in Streit geraten, wie die Polizei mitteilte. Anschließend flüchtete der Täter zu Fuß. Foto: Christian Schulz/Foto Hosser/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Kassierer wegen Streit um Corona-Maske erschossen
Im Streit um das Tragen einer Corona-Maske soll ein 49-Jähriger einen Tankstellen-Angestellten in Idar-Oberstein erschossen haben.

Laut Oberstaatsanwalt Kai Fuhrmann liegt im Streit um die Maske das Motiv für die Tat. Der Mann habe zu Protokoll gegeben, mit den Corona-Maßnahmen der Regierung nicht einverstanden zu sein, er habe sich „in die Ecke gedrängt gefühlt“ und „ein Zeichen setzen wollen“, so Fuhrmann. Weil der Kassierer „die Regeln durchsetzen wollte“, sei er ihm „verantwortlich“ erschienen. 

Seitdem hat der Fall große Aufmerksamkeit erregt, auch internationale Medien wie die „New York Times“ oder die „Washington Post“ berichten. Und vor allem die Äußerungen zum Motiv geben dem Fall eine Brisanz, die über die Geschehnisse an der Tankstelle weit hinaus geht. 

Einem Bericht des „Spiegel“ zufolge heißt der mutmaßliche Täter Mario N. Er ist selbstständiger Software-Entwickler und wohnt in Idar-Oberstein. Laut Polizei besaß er neben der Tatwaffe, einem großkalibrigen Revolver der Marke Smith & Wesson, samt passender Munition, noch weitere Waffen - „allerdings nicht legal“, so Oberstaatsanwalt Fuhrmann. 

Auffälliger Twitter-Account

Das auf Extremismus und Verschwörungstheorien spezialisierte „Center für Monitoring, Analyse und Strategie“ (CeMAS) hat am Dienstag mitgeteilt, dass es Mario N. mehrere Profile in den sozialen Medien zuordnen konnte, darunter ein Twitter-Profil. Am Dienstagabend meldete die Trierer Polizei, dass sie „Hinweisen auf das Twitter-Profil des Tatverdächtigen“ nachgehe. Die Staatsanwaltschaft sagte am Mittwoch, sie sei mit der Auswertung beschäftigt.

Auf dem von CeMAS genannten Profil zeigt sich: Mario N. verfolgte bereits vor Ausbruch der Corona-Pandemie (die Aktivität auf dem Profil endet 2019) Medien und Politiker, die 2020 und 2021 entweder den staatlichen Corona-Maßnahmen kritisch bis feindlich gegenüber standen oder Verschwörungstheorien zum Thema Corona verbreiten. Das deckt sich mit der Aussage eines Ermittlers, N. sei „bewandert“, was die Theorien der Coronaleugner angeht, er habe gesagt, er habe sich „da schlau gemacht“.


Das Foto zeigt den Täter bei der Tatausführung um 21.20 Uhr
Idar-Oberstein: Mann erschießt Kassierer in Tankstelle
Fürchterliche Szenen haben sich am Samstagabend in einer Tankstelle in Idar-Oberstein abgespielt. Die Polizei nahm einen Verdächtigen fest.

Zudem leugnete N. auf Twitter aktiv den menschengemachten Klimawandel und verbreitete 2016 die rechtsextreme Verschwörungserzählung der „Umvolkung“, also eines von obskuren Mächten vorangetriebenen Bevölkerungsaustauschs zugunsten der Hochfinanz. 

Die (recht kurze Liste) der Profile, die er auf Twitter abonniert hat, liest sich wie ein rechtes „Who's Who“: AfD-Rechtsaußen Björn Höcke, die Partei-Granden Jörg Meuthen, Georg Pazderski und Beatrix von Storch sowie der Account der AfD Bayern. Die frühere CDU-Abgeordnete und heutige Vorsitzende der AfD-nahen Desiderius-Erasmus-Stiftung, Erika Steinbach. Der umstrittene CDU-Kandidat Hans-Georg Maaßen. Dieter Stein, Chefredakteur der „Jungen Freiheit“ sowie der Online-Chef der rechten Publikation, Felix Krautkrämer. Und einige mehr, alle mehr oder weniger politisch rechts der Mitte. 

Foto: Screenshot Twitter, 22. September 2021

Einige Tweets stechen dabei ins Auge: N. schreibt am 12. September 2019 „Ich freue mich auf den nächsten Krieg. Ja, das mag sich jetzt destruktiv anhören, aber wir kommen aus dieser Spirale einfach nicht raus.“ 

Unter einen Tweet von Beatrix von Storch, der ein Foto von Angela Merkel und Greta Thunberg zeigt, schreibt er „Oje, soweit ist es schon? Ich wandere nach Asien aus. Hier ist nur noch verbrannte Erde.“ Zu Asien gibt es offenbar eine Verbindung, in einem anderen Tweet schreibt er, seine Frau sei Indonesierin - und genau wie er „Rassist“. Greta Thunberg scheint ihm ein besonderes Feindbild zu sein, er kommentiert viele Tweets, in denen von ihr die Rede ist, meistens abschätzig. Einmal nennt er sie ein „behindertes Kind“. 

Generell fällt auf: N. bedient sich eines recht rüden Tons. In einer Diskussion in seinem Fachgebiet Softwareentwicklung fragt er sein gegenüber „Sind Sie so blöd, oder tun Sie nur so?“ und „Wollen Sie mich verarschen?“. Sein Stil ist offensiv und provokant. 

Dem Verfassungsschutz nicht bekannt

Doch ist er deshalb Teil der sogenannten Querdenker-Bewegung oder gar Rechtsterrorist? Das lässt sich nicht allein aufgrund seiner Social-Media-Profile beantworten. Ein Konto beim Messenger-Dienst Telegram, dem beliebtesten Kommunikationsmedium der Coronaleugner, soll er laut CeMAS gehabt haben, dieses sei aber nicht mit thematisch passenden Gruppen verknüpft. Auch sei er noch nie als Teilnehmer einer entsprechenden Demonstration aufgefallen, so die Staatsanwaltschaft. 

Die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz sagte dem SWR am Mittwoch, der Verdächtige sei dem Verfassungsschutz nicht bekannt. 

Josef Holnburger, Politikwissenschaftler und Geschäftsführer des CeMAS, interpretiert den Tathergang aber zumindest als „ins Schema passend“: „Eine Maske zu tragen würde als Eingeständnis gelten, dass es die Corona-Pandemie überhaupt gibt“, so Holnburger. Vermehrt sei zu beobachten, dass etwa Querdenker konkret provozieren wollen - etwa indem sie die Maske absichtlich falsch tragen.


Mehrere Konten und Seiten der deutschen Impfgegner-Szene wurden auf Facebook und Instagram gelöscht.
Facebook löscht "Querdenken"-Netzwerk
Das soziale Netzwerk will stärker gegen "bedrohliche Netzwerke" vorgehen - und fängt bei der deutschen "Querdenker"-Szene an.

Im Internet wird die Attacke in Idar-Oberstein nach CeMAS-Erkenntnissen teilweise bereits umgedeutet als sogenannte False-Flag-Aktion. Die Unterstellung: Die Attacke sei inszeniert worden, um die Szene zu diskreditieren. „Selbst eine extreme Tat wie eine Ermordung wird von Querdenkern für ihre Zwecke instrumentalisiert“, sagte Holnburger.

Rechtsextremisten hingegen gehen im Netz sogar noch weiter und applaudieren dem Verdächtigen für seine Tat. Vor allem in den Telegram-Kanälen bekannter Rechtsextremisten und Verschwörungstheoretiker sind hämische oder frohlockende Kommentare zu lesen, die die Tat als Auftakt eines bewaffneten Aufstands gegen die „Corona-Diktatur“ feiern („Jetzt geht’s los!“).  

Mit Material der dpa.

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