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Warum britische Wahlumfragen knifflig sind
International 2 Min. 07.06.2017 Aus unserem online-Archiv
„The winner takes it all“

Warum britische Wahlumfragen knifflig sind

Das britische Wahlsystem ist für Außenstehende oft schwer zu durchschauen.
„The winner takes it all“

Warum britische Wahlumfragen knifflig sind

Das britische Wahlsystem ist für Außenstehende oft schwer zu durchschauen.
Foto: AFP
International 2 Min. 07.06.2017 Aus unserem online-Archiv
„The winner takes it all“

Warum britische Wahlumfragen knifflig sind

Michel THIEL
Michel THIEL
In Großbritannien haben Umfragen bei Wahlen viel weniger Bedeutung als in anderen europäischen Staaten - denn das Wahlrecht dort bringt manchmal überraschende Ergebnisse hervor. Was heißt das genau?

(dpa) - Als Premierministerin Theresa May eine Neuwahl für Großbritannien ankündigte, schien die Sache schon entschieden: Der Vorsprung ihrer Konservativen vor der Labour-Partei wirkte uneinholbar. Seitdem macht die Opposition aber Boden gut. Wird es doch noch knapp am Donnerstag? Schwer zu sagen. Denn das britische Wahlrecht macht Vorhersagen zu einer verzwickten Angelegenheit.

Wie wird in Großbritannien gewählt?

Das Land hat 650 Wahlkreise für ebenso viele Sitze im Unterhaus. Um einen zu ergattern, müssen Politiker in ihrem Wahlkreis die meisten Stimmen holen - Motto: „The winner takes it all“, der Gewinner räumt alles ab. In Deutschland haben Wähler eine Erststimme für Direktkandidaten und eine Zweitstimme, die für die Verteilung der Sitze an die im Parlament vertretenen Parteien maßgeblich ist. Die Briten haben nur eine Erststimme. So kann es passieren, dass Polit-Promis keinen Sitz bekommen, weil sie ihren Wahlkreis nicht geholt haben - 2015 passierte das dem Ukip-Chef Nigel Farage.

Ist das denn gerecht?

Ansichtssache. Einerseits muss jeder Kandidat selbst die Wähler überzeugen. Andererseits zählen so Millionen Stimmen für „Verlierer“ nicht. 2015 bekamen die Konservativen mit rund 37 Prozent der Stimmen die absolute Mehrheit der Sitze. Die rechtspopulistische Ukip bekam fast 13 Prozent der Stimmen, aber nur ein Mandat, die Grünen mit rund 4 Prozent ebenfalls einen Sitz. Die Gesellschaft für Wahlreform kämpft seit Jahren für ein Verhältniswahlrecht. Allerdings haben die Briten es 2011 in einem Referendum abgelehnt, das System zu ändern. Die Grünen scheiterten 2016 mit einem Antrag dazu im Parlament.

Wem nutzt dieses Wahlsystem?

Hauptsächlich den großen Parteien. Profitieren können kleine aber, wenn sie regional stark sind. Wie die schottische Nationalpartei SNP: In England, Wales und Nordirland tritt sie nicht an, in Schottland gewann sie 2015 aber 56 der 59 Wahlkreise. Sie wurde drittstärkste Kraft - mit nicht mal 5 Prozent der Stimmen im Königreich.

Kann man aus Wahlumfragen dann überhaupt Schlüsse ziehen?

Umfragen sind mehr Stimmungsbild als Vorhersage, weil es auf umkämpfte Wahlkreise ankommt. 2005 hatte Labour unter Tony Blair nicht mal drei Prozentpunkte Vorsprung, aber eine recht bequeme Parlamentsmehrheit. 2010 gewannen die Tories mit David Cameron mit sieben Punkten Vorsprung, aber es fehlten 20 Sitze zur absoluten Mehrheit. Und 2015 waren fast alle Experten sicher, dass keine Partei eine absolute Mehrheit bekommen würde - die Tories schafften es aber.


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