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Vor dem UN-Nothilfegipfel in Istanbul: Drei Jahre im Container
Eine ganze Generation von jungen Syrern wächst in Flüchtlingslagern auf.

Vor dem UN-Nothilfegipfel in Istanbul: Drei Jahre im Container

Dani Schumacher
Eine ganze Generation von jungen Syrern wächst in Flüchtlingslagern auf.
International 15 5 Min. 22.05.2016

Vor dem UN-Nothilfegipfel in Istanbul: Drei Jahre im Container

Danielle SCHUMACHER
Danielle SCHUMACHER
Die Türkei beherbergt 2,7 Millionen registrierte Flüchtlinge aus Syrien. Die meisten leben in den Städten und Dörfern, 270.000 sind in den 25 Camps untergebracht. Im Lager bei Gaziantep, unweit der syrischen Grenze, warten knapp 5.000 Syrer auf das Ende des Bürgerkriegs.

Von Dani Schumacher

Rama hat einen Kloß im Hals: „Doch, doch, mir geht es gut. Hier sind wir sicher und ich kann in die Schule gehen. Eigentlich fehlt es uns an nichts. Doch wir sind nicht zu Hause.“ Die 15-Jährige schluckt die Tränen hinunter. Sie will nicht jammern, sie will stark sein. Rama spricht ganz passabel englisch. Das habe sie sich selbst beigebracht, über Internet, erklärt die junge Syrerin und betätigt sich als Dolmetscherin für ihre Freundinnen.

Die Mädchen albern herum, so wie es 15-Jährige wohl überall auf der Welt auf dem Pausenhof tun. Nur dass man von ihrer Schule aus auf den Stacheldraht blickt, der das Flüchtlingslager von Gaziantep umgibt. In dem Camp, knapp 50 Kilometer vor der syrischen Grenze, leben zur Zeit 4 820 Flüchtlinge. Außen, vor dem Stacheldraht drehen Polizisten ihre Runden, innen sorgt ein privater Sicherheitsdienst für Ruhe und Ordnung. Doch meistens bleibt alles ruhig.

Besuch aus Luxemburg

Gaziantep gilt nämlich als Vorzeigelager. Deshalb geben sich die Politiker hier auch die Klinke in die Hand. Erst im April besuchte Bundeskanzlerin Merkel gemeinsam mit EU-Ratspräsident Tusk und EU-Vizekommissionspräsident Timmermans das Camp. Auch  Großherzogin Maria Teresa und Außenminister Jean Asselborn waren schon einmal da.

Das war im November 2013, kurz nachdem das Lager eröffnet worden war. Von einer Flüchtlingskrise wollte man zu dem Zeitpunkt in Europa noch nichts wissen. Rama und ihre Freundin Aya können sich zwar nicht an den Besuch aus Luxemburg erinnern, doch sie leben mit ihren Eltern und Geschwistern – wie die meisten anderen 600 Familien auch – seit den Anfangstagen in der Container-Siedlung.

Rama und ihre Freundinnen leben bereits seit mehr als drei Jahren im Flüchtlingslager in Gaziantep.
Rama und ihre Freundinnen leben bereits seit mehr als drei Jahren im Flüchtlingslager in Gaziantep.
Dani Schumacher

Rama und ihre Freundinnen wissen, dass sie es im Vergleich zu den meisten anderen Flüchtlingen eher gut getroffen haben. In den anderen Lagern entlang der syrischen Grenze sind die Lebensbedingungen meist schlechter. Knapp 100 Kilometer weiter im Lager von Kilis, unmittelbar an der syrischen Grenze, ist es gefährlich. Erst im April schlugen dort Raketen ein.

2,7 Millionen Flüchtlinge

Allerdings leben nur etwa 270.000 Flüchtlinge in den Camps, die große Mehrzahl der Vertriebenen schlägt sich mehr schlecht als recht in den Dörfern und Städten durch. Sie leben in meist schäbigen Mietwohnungen, bei Verwandten oder auf der Straße.

Allein in Gaziantep sollen sich mehr als 250.000 Flüchtlinge aufhalten, in Istanbul soll es gar eine halbe Million sein. In einigen Städten gibt es mittlerweile mehr Flüchtlinge als Türken.

Die Türkei trägt nämlich nach wie vor die Hauptlast der Flüchtlingskrise: In diesem Frühjahr war das Heer der Flüchtlinge auf 2,7 Millionen angewachsen, Ende 2014 hielten sich laut der türkischen Katastrophenschutzbehörde Afad erst etwa 1,6 Millionen Flüchtlinge in der Türkei auf. Die Zahlen beziehen sich nur auf die registrierten Flüchtlinge, die Dunkelziffer dürfte noch höher liegen.

Diesen Kraftakt will die Türkei gewürdigt wissen. Zumindest unterschwellig wird auch in offiziellen Kreisen immer wieder beanstandet, dass die Türkei wegen der Verletzung der Menschenrechte und wegen des Terrors gegen die Kurden an den Pranger gestellt wird, dass die Hilfe für die Flüchtlinge aber bestenfalls im Nebensatz erwähnt wird. Die Flüchtlinge hätten Europa erst interessiert, als sie zu Tausenden in Schlauchbooten über das Mittelmeer kamen, so der mehr oder weniger kaschierte Vorwurf.

Endlose Monotonie

Die diplomatischen Verwerfungen und das negative Image der Türkei interessieren die Menschen in den Camps wenig. Sie haben ganz andere Sorgen. Egal mit wem man spricht, immer wieder hört man von den Verwandten, die im syrischen Bürgerkrieg ums Leben gekommen oder verschollen sind.

Assad, die Russen oder der IS, sie sind alle gleich, sie sind alle Kriminelle. Es ist egal, wer die Bomben schmeißt, unsere Leute sterben.“

Die endlose Monotonie im Lager trägt nicht dazu bei, die dunklen Gedanken zu vertreiben: „Assad, die Russen oder der IS, sie sind alle gleich, sie sind alle Kriminelle. Es ist egal, wer die Bomben schmeißt, unsere Leute sterben“, erklärt ein Vater, dessen ältester Sohn in Syrien auf Seiten der freien Armee kämpft.

Er lebt mit seiner Frau und den vier jüngsten Kindern seit drei Jahren auf ein paar Quadratmetern im Container. Links von der Eingangstür liegt das „Wohnzimmer“, rechts die „Küche“, geradeaus kommt man ins Bad. Ein Schlafzimmer gibt es nicht, nachts legt die Familie einfach ihre Matten auf den Boden. Privatsphäre ist ein Fremdwort.

Das Handy als Verbindung zur Außenwelt

Es gibt fließendes Wasser und Strom, auf dem Dach steht die Satellitenschüssel. Der kleine Fernseher in der Ecke sorgt für etwas Abwechslung und stellt zusammen mit dem Handy die einzige Verbindung zur Außenwelt dar.

Zwar dürfen die Flüchtlinge jederzeit das Lager verlassen, sie müssen sich nur registrieren lassen. Doch wo sollen sie hin? Einen Job haben nur die wenigsten, Arbeitsgenehmigungen für Flüchtlinge vergibt die Türkei kaum. Und Gaziantep ist eine ganze Autostunde entfernt. Es gibt eine Busverbindung, doch das Geld ist knapp. In die Stadt fahren die meisten nur, wenn es unbedingt nötig ist.

Die Kinder kommen mit der nervtötenden Langeweile noch am besten klar. Sie können in die Schule gehen. Allerdings im Schichtbetrieb: die Jungs morgens, die Mädchen am Nachmittag. Im Lager Gaziantep, wie in den meisten der insgesamt 25 Lager, gibt es einen Kindergarten, eine Grundschule und eine Sekundarschule. Die meisten Lehrer sind Syrer. Der Unterricht ist auf arabisch. Es werden auch türkische Sprachkurse angeboten. Doch der Andrang hält sich in Grenzen. Denn die meisten Flüchtlinge im Lager von Gaziantep wollen nur eins: Dass endlich Frieden in Syrien einkehrt und sie in ihre Heimat zurückkehren können.


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