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Als der blutige Zerfall Jugoslawiens begann
International 3 Min. 20.06.2021
Vor 30 Jahren

Als der blutige Zerfall Jugoslawiens begann

Juni 1991: Serbische Soldaten der jugoslawischen Bundesarmee vor den Toren Sloweniens.
Vor 30 Jahren

Als der blutige Zerfall Jugoslawiens begann

Juni 1991: Serbische Soldaten der jugoslawischen Bundesarmee vor den Toren Sloweniens.
Foto: Reuters
International 3 Min. 20.06.2021
Vor 30 Jahren

Als der blutige Zerfall Jugoslawiens begann

Im Juni 1991 kehrte zum ersten Mal seit 1945 der Krieg nach Europa zurück. Jugoslawische Panzer rollten gegen das als abtrünnig betrachtete Slowenien.

(dpa) - Als sich am 25. Juni 1991 die jugoslawischen Teilrepubliken Slowenien und Kroatien in feierlichen Parlamentsakten für unabhängig erklärten, freuten sich die Menschen in den beiden neuen Ländern. Das lange Tauziehen um eine wirkliche Reform des sozialistischen Jugoslawiens, das ständige Gefühl, von der Führung in der jugoslawischen und serbischen Hauptstadt Belgrad gegängelt, übervorteilt und unterdrückt zu werden, all das schien vorbei zu sein. 

In Slowenien war man stolz darauf, die Unabhängigkeit auf friedlichem und demokratischem Wege erreicht zu haben. Bei einer Volksabstimmung im Dezember 1990 hatten 88 Prozent der Bürger für die Eigenstaatlichkeit votiert.  

Doch gerade das war für Belgrad nicht hinnehmbar. Dort bestimmte längst der Präsident der serbischen Teilrepublik, Slobodan Milosevic, das Geschehen auch auf Bundesebene. Seinem Drehbuch folgend, rückten die Panzer der mächtigen Jugoslawischen Volksarmee (JNA) gegen strategische Punkte in Slowenien vor. Dort wich die Freude dem Schock.

Der 10-Tage-Krieg 

Doch der Schock lähmte die Slowenen nicht. „Die Woge des Stolzes ging schnell in Wut über“, erinnert sich der damalige slowenische Präsident Milan Kucan im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur in Ljubljana. „Diese Wut festigte die Entschlossenheit, Widerstand gegen die Aggression zu leisten.“ Kucan, heute 80, ist der letzte Überlebende aus der Reihe der jugoslawischen Präsidenten, die die damaligen dramatischen Entwicklungen gestalteten. 

„Wir waren überrascht, wie schnell das passierte. Wir waren aber auch nicht unvorbereitet“, fügt er hinzu. Als kommunistischer Funktionär, der es bis zur Funktion des Parteichefs in Slowenien gebracht hatte, unterstützte er in den späten 1980er-Jahren die Forderungen der slowenischen Opposition nach einer demokratischen Reform des sozialistischen Systems. 

Zugleich kannte er die Mentalität und das Machtanspruchsdenken der Kommunisten in Belgrad. Milosevic schien einfach den Sozialismus gegen den serbischen Nationalismus eingetauscht zu haben.

Jedenfalls hatte man in Slowenien für den Tag X Vorkehrungen getroffen. Die zur JNA gehörige, aber auf Republiksebene organisierte Territorialverteidigung (TO) hatte man zur eigenen Miliz ausgebaut. Diese schnitt die JNA-Kasernen von Elektrizität und Wasserversorgung ab. Die Zufahrtswege wurden mit requirierten Fahrzeugen blockiert. JNA-Panzer versuchten immer wieder, sich Wege durch die Sperren zu bahnen. Bilder von zerquetschten Autos und ramponierten Lastwagen gingen um die Welt.

Jugoslawiens Ex-Präsident Slobodan Milosevic, hier vor dem Kriegsverbrecher-Tribunal in Den Haag, starb 2006 noch vor der Urteilsverkündung.
Jugoslawiens Ex-Präsident Slobodan Milosevic, hier vor dem Kriegsverbrecher-Tribunal in Den Haag, starb 2006 noch vor der Urteilsverkündung.
Foto: AP

Soldatenmütter demonstrierten für die Entlassung ihrer Söhne aus der JNA - in ihr dienten aufgrund der allgemeinen Wehrpflicht auch slowenische Rekruten. Verteidigungsminister war damals Janez Jansa, zuvor Redakteur der kritischen Wochenzeitung „Mladina“, den die JNA vor ein Militärgericht gestellt hatte. Heute ist Jansa zum dritten Mal Ministerpräsident, verfolgt eine rechte Agenda und beschimpft Journalisten über Twitter. 

„Er will eine Autokratie installieren und das Land von Kerneuropa weg- und zu den illiberalen Demokratien Ungarn und Polen hinführen“, meint Kucan über seinen damaligen Mitstreiter. 

Strudel in den Bürgerkrieg

Letztlich verlief der Krieg der Slowenen relativ glimpflich. Anders als in anderen Teilen des ehemaligen Jugoslawiens, wo die Bevölkerung sich zu einem großen Teil aus ethnischen Serben zusammensetzte. Auf der JNA-Seite starben 44, auf der slowenischen 18 Menschen. Auch zwölf Ausländer, unter ihnen zwei österreichische Journalisten, kamen in dem Kampfgeschehen ums Leben. Die Beendigung des Krieges nach zehn Tagen bewirkte schließlich auch das diplomatische Eingreifen der damaligen Europäischen Gemeinschaft (EG). Slowenien und Kroatien hatten es zunächst nicht leicht. In einer ersten Stellungnahme hatte das US-Außenministerium ihre Unabhängigkeitserklärungen „bedauert“.


ARCHIV - 09.04.1995, Bosnien-Herzegowina, Sarajevo: Die bosnische Muslima Ziba Suba sucht in den Trümmern ihres bei einem serbischen Angriff zerstörten Wohnhauses nach den letzten Habseligkeiten. Der Bosnienkrieg (1992-1995) ist der blutigste der Konflikte nach dem Zerfall des Vielvölkerstaates Jugoslawien in den 1990er Jahren. Die Zahl der Todesopfer wird mit 100 000 beziffert, Hunderttausende wurden verletzt. Fast jeder zweite der 4,3 Millionen Einwohner - 1,8 Millionen - verlor seine Heimat. (zu dpa «Bosniens unfertiger Frieden - Das Abkommen von Dayton wird 25») Foto: Anja Niedringhaus/epa/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Europas gefährlichste Büchse der Pandora wird geöffnet
Ein vermeintliches Ideenpapier der slowenischen Regierung fordert die Auflösung von Bosnien-Herzegowina.

Auf der kroatischen Insel Brijuni klopften die EG-Minister am 7. Juli eine Friedensvereinbarung fest. Die JNA zog sich in die Kasernen zurück, im Oktober verließ sie Slowenien gänzlich. Milosevic ließ die nördlichste Republik ziehen und ging zu seinem Plan B über: „alle Serben in einem Land“ oder „Groß-Serbien“. In Slowenien spielte die serbische Volksgruppe keine Rolle. 

Anders als in Kroatien und Bosnien-Herzegowina: dort waren ganze Landstriche von ethnischen Serben bevölkert, weitere Gegenden waren bevölkerungsmäßig durchmischt. Milosevic verfolgte nun das Ziel, diese Gebiete in Kroatien und Bosnien unter die Kontrolle Belgrads zu bringen. Um den Preis von Kriegen, die mehr als 100.000 Tote forderten. Und um den Preis von Kriegsverbrechen, wie sie Europa seit dem Zweiten Weltkrieg nicht gesehen hatte. Einem glücklichen Slowenien blieb all das erspart.    

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