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Vom Corona-Musterland zum Negativbeispiel: Was lief falsch in Israel?
International 3 Min. 16.07.2020

Vom Corona-Musterland zum Negativbeispiel: Was lief falsch in Israel?

Ein Arzt begutachtet eine Karte mid den Infektionsfällen in Hebron.

Vom Corona-Musterland zum Negativbeispiel: Was lief falsch in Israel?

Ein Arzt begutachtet eine Karte mid den Infektionsfällen in Hebron.
Foto: AFP
International 3 Min. 16.07.2020

Vom Corona-Musterland zum Negativbeispiel: Was lief falsch in Israel?

Im Frühjahr ist es Israel mit einem beherzten Vorgehen gelungen, die Corona-Infektionszahlen massiv zu drücken. Nach hastigen Lockerungen schnellen die Zahlen nun jedoch immer weiter in die Höhe.

(dpa) - Zu Beginn der weltweiten Corona-Pandemie galt Israel vielen als leuchtendes Beispiel für eine rasche und erfolgreiche Eindämmung. Doch inzwischen steht das Mittelmeerland schlechter da als die meisten europäischen Länder, ein zweiter Lockdown erscheint unausweichlich. Was ist schiefgelaufen? Und was können andere Länder - wie auch Luxemburg -  tun, um einen ähnlichen Verlauf zu vermeiden?


Medical personnel awaits for passengers at the corona virus testing point of the Helsinki-Vantaa airport in Vantaa, Finland on Monday, Augst 3, 2020. - The testing facility for arriving passengers opened on Monday, August 3. Finland has now 7,466 confirmed cases with the COVID-19, with 329 fatalities. (Photo by Roni Rekomaa / Lehtikuva / AFP) / Finland OUT
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Die Zahl der Neuinfektionen im Großherzogtum ist zwischen Sonntag und Montag um neun gestiegen. Zudem gibt es einen weiteren Todesfall zu beklagen. Alle Infos im Ticker.

Professor Arnon Afek, Vize-Direktor des Scheba-Krankenhauses bei Tel Aviv, spricht von „vorzeitigen Siegesfeiern“, nachdem es Israel mit rigorosen Maßnahmen und einem Lockdown im Frühjahr zunächst gelungen war, die Infektionszahlen stark zu reduzieren. „Die Lockerungen waren dann viel zu hastig und ohne klare Strategie, und haben eine neue Welle von Infektionen ausgelöst.“ Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu hatte die Bürger im Mai euphorisch dazu aufgefordert, rauszugehen, „Kaffee trinken, auch Bier trinken“.

Kehrtwende im Mai

Auch in Israel wird auf Testen zur Prävention gesetzt.
Auch in Israel wird auf Testen zur Prävention gesetzt.
Foto: AFP

Seit Ende Mai schnellen die Corona-Zahlen in Israel wieder in die Höhe, am Mittwoch wurde mit 1758 Fällen ein Rekordwert an täglichen Neuinfektionen erreicht. Auch im Westjordanland zeichnet sich eine ähnliche Entwicklung ab, mit Hebron als Epizentrum.

Als Hauptinfektionsquellen nach den Lockerungen sieht Afek die Schulen und Großveranstaltungen wie Hochzeiten. Außerdem hätten sich viele Menschen sehr undiszipliniert verhalten und weder Maskenpflicht noch Abstands- oder Hygieneregeln eingehalten. „Die Israelis sind eher skeptisch und rebellisch in ihrem Charakter“, erklärt er. Dies habe zwar dazu beigetragen, das Land in die innovative „Startup-Nation“ zu verwandeln, räche sich nun aber in der Corona-Krise. Außerdem habe die Polizei nicht ausreichend gegen die Regelverstöße durchgegriffen.

Abschlusspartys

Nach Medienberichten ist es etwa bei vielen Schul-Abschlusspartys, die trotz Verbots heimlich stattfanden, reihenweise zu neuen Ansteckungen gekommen. „Die Älteren sind vorsichtiger geworden, in dieser Welle haben sich vor allem Jüngere angesteckt, deshalb gab es bisher auch weniger Schwerkranke“, sagt Afek. „Aber die Jungen haben Eltern und Großeltern, die sich letztlich auch infizieren können“, warnt er.


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Santé-Direktor spricht von einer zweiten Infektionswelle
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Mit 376 ist die Zahl der Toten in Israel weiterhin vergleichsweise gering. Dies wird auch damit erklärt, dass Israel ein außergewöhnlich junges Land ist. Mit durchschnittlich 3,1 Kindern pro Frau hat es die höchste Geburtenrate aller Länder in der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Vor allem strengreligiöse Wohngebiete sind von der Pandemie stark betroffen.

Die epidemiologischen Untersuchungen der Behörden nach Entdeckung von Corona-Fällen seien langsam und mangelhaft, sagt Afek. „All dies hat dazu geführt, dass wir jetzt die zweite Welle haben.“ Die Lehre für andere Länder: „Sie müssen extrem vorsichtig sein, vor allem, was Großveranstaltungen angeht.“ Insgesamt sei er jedoch optimistisch. „Eine Kombination von Impfstoff und schnelleren Tests, die auch zu Hause gemacht werden können, wird die Pandemie stoppen“, meint Afek.

Professor Gabi Barabasch, wie Afek ehemaliger Generaldirektor des Gesundheitsministeriums, sieht ebenfalls Festhallen, Restaurants, Kneipen und Schulen als Hauptansteckungsorte. „Hier gibt es in einer Klasse 30 bis 40 Schüler.“ Besonders in den Altersgruppen von 10 bis 19 Jahren habe es zahlreiche Infektionen gegeben. „Dies hat zur Ausbreitung im ganzen Land geführt, mit ständig steigenden Zahlen.“

Gesundheitsministerium hat versagt


Wirtschaft, Wiedereröffnung Terrassen und Restaurants, Luxemburg, Covid-19, Corona, Horesca, Foto:Lex Kleren/Luxemburger Wort
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Das Gesundheitsministerium habe im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus völlig versagt, lautet sein vernichtendes Urteil. Außerdem habe das Volk „sich gehen lassen und unverantwortlich gehandelt“. Barabasch ist dafür, dass die Armee - die schon für die sogenannten Corona-Hotels zuständig ist - das Krisenmanagement übernimmt. In 20 Hotels landesweit stehen 4300 Zimmer zur Isolation von Corona-Infizierten sowie für Patienten mit mildem Verlauf zur Verfügung.

Eine Rückkehr zu einer Art Normalität erwartet Barabasch frühestens nach dem Winter 2021/2022. Auch das sei aber nicht sicher, lautet die düstere Prognose des Experten.

Sollten die Zahlen nicht fallen, steht ein zweiter Lockdown zur Diskussion.
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Foto: AFP


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