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Virale Verschwörungstheorien: Gegenoffensive aus Peking
International 3 Min. 13.03.2020 Aus unserem online-Archiv

Virale Verschwörungstheorien: Gegenoffensive aus Peking

Virale Verschwörungstheorien: Gegenoffensive aus Peking

AFP
International 3 Min. 13.03.2020 Aus unserem online-Archiv

Virale Verschwörungstheorien: Gegenoffensive aus Peking

Chinas Regierung versucht in einer anti-Amerika-Kampagne die Geschichtsschreibung um die Herkunft des Coronavirus zu ändern. Doch auch Washington nutzt "Fake News" zur Meinungsmanipulation.

Von Fabian Kretschmer, Peking

Vielleicht hat es sich doch alles ganz anders zugetragen: Möglicherweise leiden die Vereinigten Staaten bereits seit Monaten unter einer Coronavirus-Epidemie mit potenziell tausenden Toten. Doch bis vor kurzem konnte die Regierung in Washington die Gesundheitskrise noch erfolgreich verschleiern. Die Verstorbenen wurden von den Behörden schlicht als herkömmliche Grippefälle erfasst.


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Was wie eine krude Verschwörungstheorie klingt, ist Chinas neues Gegennarrativ im globalen Propagandakampf um den Ursprung des Virus – aktiv gefördert von der Regierung und seinen Staatsmedien. Jetzt, da der Erreger landesweit eingedämmt werden konnte, versucht Peking eine alternative Geschichtsschreibung zu etablieren.

Am Donnerstag publizierte die Renmin Ribao, Parteizeitung der Kommunistischen Partei, auf ihren sozialen Medien einen einminütigen Videoclip, in dem der Leiter des amerikanischen Zentrums für Seuchenprävention einräumt, dass sich einige Grippetote posthum als Coronavirus-Infizierte herausgestellt haben. Seither werden die Spekulationen unter Chinas Internetnutzern weiter angefeuert, ob nicht die USA für das Virus zur Verantwortung zu ziehen sei.

Dass sich solche Fake News online schnellstens verbreiten, legt die Scheinheiligkeit der Zensurbehörden offen: Diese löschen normalerweise umgehend „Gerüchte“ und verhaften deren Autoren. Im übrigen auch wenn es sich bei den „Gerüchten“ um nachweisliche Tatsachen handelt, etwa, dass die Regierung das Coronavirus über Wochen verschwiegen hatte. Bis zum heutigen Tage wird etwa ein Magazin-Interview mit der Ärztin Ai Fen Fei aus Wuhan zensiert, in dem sie von ihrer Entdeckung des SARS-ähnlichen Virus berichtet. Nachdem sie ihre Vorgesetzten unterrichten wollte, wurde sie jedoch abgemahnt.

Missmanagement im eigenen Lager verschleiern

Bei Chinas jetziger Verschwörungstheorie handelt es sich jedoch keinesfalls nur um eine Desinformationskampagne gegen den Erzrivalen aus Washington. Der Gründer der Peking-kritischen „China Digital Times“ mit Sitz in Kalifornien bezeichnete die Strategie als regelrechte „Gegenoffensive“ der chinesischen Regierung von einer unglaublichen Dimension. Der US-amerikanische Sinologe Bill Bishop schreibt in seinem Newsletter, es bahne sich die erste globale Rezession an, die durch Missmanagement der Kommunistischen Partei zustande gekommen ist: Deswegen würde die KP „die Idee extrem stark forcieren, dass das Virus nicht aus China stammen könnte“.


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Die Zeitleiste jener Kampagne ist ausgeklügelt: Am 27. Februar behauptete zunächst der Epidemiologe Zhong Nanshan, der in China seit seinen Bemühungen gegen die SARS-Epidemie eine Art Volksheld ist, dass das Coronavirus zwar zuerst in China aufgetreten sei, aber nicht unbedingt aus China stammen müsse. Daraufhin stiegen die staatlichen Medien ein, in einem Kommentar der Nachrichtenagentur Xinhua wird breitbrüstig gefordert: „Jetzt sollten wir richtigerweise sagen, dass die USA China eine Entschuldigung schulden“. Schlussendlich legten Regierungsvertreter nach, darunter Chinas Botschafter in Südafrika und ein Sprecher des Pekinger Außenministeriums auf Twitter: „Die US-Armee hat möglicherweise die Epidemie nach Wuhan gebracht. Seien Sie transparent! Machen Sie Ihre Daten öffentlich! Die USA schulden uns eine Entschuldigung!“. Mehrere Intellektuelle haben ein solches Gebaren, das jeder Faktengrundlage entbehrt, scharf kritisiert – und wurden kurzerhand von den Zensoren gelöscht.

Lange Zeit hieß es, dass das Virus erstmals auf einem Markt in Wuhan, auf dem sowohl exotische Tiere verkauft als auch konsumiert wurden, auf den Menschen übertragen worden ist. Später jedoch entdeckten chinesische Wissenschaftler weiter zurückliegende Fälle, die keinen Kontakt zu besagtem Markt hatten. Nun berichtete die relativ unabhängige „South China Morning Post“ aus Hongkong, dass sich der erste Covid-Fall bereits bis zum 17. November zurückverfolgen lässt. Fakt ist: Mit 100 prozentiger Sicherheit lässt sich der Ursprungsort des Virus bislang nicht bestimmen, doch dass dieser aus der Region Hubei stammen muss, darüber herrscht breiter Konsens.

Auch am anderen Ende des Globus scheint die Regierung ebenfalls mit Fake News die öffentliche Meinung manipulieren zu wollen: Letzten Monat behauptete der republikanische Senator Tom Cotton aus Arkansas, dass das Virus aus einem Forschungslabor aus Wuhan ausgebrochen sein könnte – eine beliebte Verschwörungstheorie, die bereits von unabhängigen Wissenschaftlern als nicht haltbar entkräftet wurde.  


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