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USA beantragen Notfallhilfe: Nach dem Sturm ist vor der Seuche
Experten warnen vor Keimen in dem verunreinigten Wasser.

USA beantragen Notfallhilfe: Nach dem Sturm ist vor der Seuche

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Experten warnen vor Keimen in dem verunreinigten Wasser.
International 10 4 Min. 01.09.2017

USA beantragen Notfallhilfe: Nach dem Sturm ist vor der Seuche

Tom RUEDELL
Tom RUEDELL
In Texas geht das Bangen erst richtig los.Über dem Atlantik rollt der nächste Hurrikan an und in einer Chemiefabrik hat es erneut gebrannt. Auch das stehende Wasser könnte zu einer Zeitbombe werden. Die Regierung hat nun offiziell Notfallhilfe beantragt.

(dpa) - Während über dem Atlantik schon der nächste Sturm in Richtung Amerika unterwegs ist, wächst in Texas die Furcht vor den gesundheitlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen von „Harvey“. Mediziner warnen vor Gesundheitsrisiken durch verunreinigtes Wasser. Chemie- und Ölanlagen sind durch das Wasser in Gefahr. Am Freitag ist in der überschwemmten Chemiefabrik in Crosby erneut ein Feuer ausgebrochen. Auf Fernsehbildern schlug schwarzer Rauch aus einem Gebäude. In der Fabrik war wegen der Überschwemmungen die Kühlanlage ausgefallen. Die französische Betreiberfirma rechnete mit weiteren Vorfällen.

In der Chemiefabrik in Crosby ist erneut ein Feuer ausgebrochen.
In der Chemiefabrik in Crosby ist erneut ein Feuer ausgebrochen.
Foto: AFP

Mittlerweile hat die amerikanische Regierung offiziell Hilfsgelder in Höhe von 7,85 Milliarden Dollar (6,6 Mrd Euro) vom Kongress beantragt. Das berichtete CNN. Der Großteil der Gelder soll in den ausgeschöpften Fonds der Katastrophenschutzbehörde Fema fließen, rund 450 Millionen Dollar könnte die für Kleinunternehmen zuständige Behörde SBA für Notfallkredite erhalten. „Harvey“ könnte nach ersten Schätzungen zur teuersten Naturkatastrophe in der Geschichte der USA werden. Der Gouverneur von Texas, Greg Abbott, hatte bereits erklärt, er erwarte alleine Kosten für die Nothilfe der Bundesregierung von weit mehr als 100 Milliarden Dollar. Allein der Sachschaden wurde am Freitag vom Wetterdienst AccuWeather auf 190 Milliarden Dollar geschätzt.

Schäden höher als angenommen

Einem Bericht der „Washington Post“ zufolge, dürften weit mehr als die 100 000 Häuser von Flutschäden betroffen sein, die das Weiße Haus am Donnerstag genannt hatte. Allein 93 000 Häuser seien nach Angaben aus Texas außerhalb der Millionenmetropole Houston, der viertgrößten Stadt der USA, betroffen. Die Behörden im Harris County erklärten, allein dort seien 136 000 Gebäude geflutet worden - zehn Prozent des Häuserbestandes.

Über die Zahl der Todesopfer der Flutkatastrophe gab es weiterhin keine Klarheit. US-Fernsehsender wie Fox News und CNN gaben am Freitag die inoffizielle Zahl von 39 Toten an. In der Stadt führte dies nach Medienberichten zu Engpässen bei Beerdigungsinstituten. Der Flugverkehr an den Flughäfen der Region sollte über das Feiertagswochenende in den USA aber wieder aufgenommen werden. „Unser Plan ist, schrittweise zum Normalbetrieb zurückzukehren“, teilten die beiden großen Flughäfen der Stadt Houston am Freitag mit.

Feuerwehrleute hatten am Donnerstagabend damit begonnen, alle Häuser in den Flutregionen abzuklappern und nach Überlebenden zu suchen. „Wir kriegen die Kurve“, sagte Houstons Bürgermeister Sylvester Turner am Freitag. Allerdings spitzte sich die Situation in einigen Gegenden weiter zu. Die Stadt Beaumont war, wie eine Insel, völlig von der Außenwelt abgesperrt. Das örtliche Krankenhaus plante, Neugeborene vorsichtshalber per Hubschrauber in andere Kliniken zu bringen.

Seuchengefahr und Trinkwasserknappheit

In vielen Gegenden von Texas wuchs die Gefahr vor Seuchen. Messungen hatten ergeben, dass in der braun-grünen Hochwasserbrühe die Richtwerte etwa für Badequalität um mehr als das Hundertfache überschritten würden. Dies sei an sich noch keine Gefahr, jedoch ein Indikator, dass es zu Bakterien-Problemen kommen könnte, sagten Mediziner. Wegen der großen Mengen stehenden Wassers wurde auch eine Moskito-Plage befürchtet. Die Tiere können das Zika-Virus übertragen. In Beaumont waren rund 120 000 Menschen komplett ohne Trinkwasser, weil das Hochwasser das örtliche Wasserwerk lahmgelegt hatte.

Neben Trinkwasser wurde auch die Versorgung mit Benzin und Nahrungsmitteln an einigen Stellen knapp, die Benzinpreise stiegen rapide. Auch eine wichtige Pipeline zur Versorgung der bevölkerungsreichen Ostküste musste vorübergehend außer Betrieb genommen werden. Mehrere Raffinerien stehen still. Der Gouverneur des Bundesstaats North Carolina rief einen Notstand aus. Dieser hebe Verkehrsregeln auf, damit dringend benötigter Kraftstoff schneller durch den Bundesstaat transportiert werden könne, teilte Gouverneur Roy Cooper mit.


Mehr als 34 000 Menschen waren am Freitag noch immer in Notunterkünften untergebracht. Die Behörden erwarten, dass das Wasser bis Freitagabend oder Samstag aus den meisten Teilen Houstons und dem Bezirk Harris County zurückgegangen sein wird. Trump ließ ankündigen, er wolle aus seinem Privatvermögen eine Million Dollar für die Flutopfer spenden. Er wolle am Samstag erneut in die Hochwasserregion fliegen, kündigte der Präsident auf Twitter an.

Wie die „Washington Post“ am Freitag meldete, könnte die Regierung knapp sechs Milliarden Dollar (fünf Milliarden Euro) an ersten Hilfsgeldern für die Katastrophenschutzbehörde Fema und Notfallkredite für Kleinunternehmen freigeben. Das Weiße Haus und der Kongress seien darüber im Gespräch, offizielle Beratungen sollen in der nächsten Woche starten. Die sechs Milliarden wären nach dem Bericht nur ein erster Teil eines großen Hilfspaketes. Insgesamt werden Schäden in dreistelliger Milliardenhöhe erwartet.

Unterfinanzierte Versicherung

Mehr als 80 Prozent der Betroffenen sind nach Schätzungen nicht gegen die Folgen von Hochwasser versichert, weil private Versicherungsunternehmen solche Tarife nicht im Angebot haben. Auch diejenigen mit einer Hochwasserpolice bei der staatlichen Flutversicherung haben Sorgen: Sie gilt wegen einer Häufung von Schadensereignissen in den vergangenen Jahren als chronisch unterfinanziert. Der Heimatschutzberater Trumps, Tom Bossert, erklärte jedoch: „Es ist genug Geld vorhanden.“

Am Donnerstag hatten mehrere kleinere Explosionen in einer Chemieanlage nahe Houston für Aufregung gesorgt. Mehrere Polizisten wurden mit Atemwegsreizungen vorübergehend im Krankenhaus behandelt. Um die Anlage wurde eine Sicherheitszone von rund 2,5 Kilometern gezogen, die zunächst beibehalten wurde. Die französische Betreiberfirma Arkema teilte mit, es könne zu weiteren Bränden oder Explosionen der dort gelagerten organischen Peroxide kommen.

„Harvey“ war vor einer Woche in Texas erstmals auf Land getroffen. Binnen weniger Tage fielen in dem Staat bis zu 1250 Liter Regen pro Quadratmeter - ein Rekord für das Festland der USA. Zahlreiche Flüsse, darunter der Colorado, traten über die Ufer. Das US-Hurrikan-Zentrum stufte „Harvey“ inzwischen zu einem tropischen Tiefdruckgebiet herunter. Überschwemmungen gab es auch in Louisiana. Auch Mississippi, Tennessee und Kentucky rüsteten sich für mögliches Hochwasser.


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