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Urlaubsland im Schock - Flaggen auf Halbmast
International 5 Min. 18.08.2017 Aus unserem online-Archiv
Spanien nach dem Terroranschlag

Urlaubsland im Schock - Flaggen auf Halbmast

Mehr als einmal versuchten Polizisten, verschreckten Touristen Trost zu spenden.
Spanien nach dem Terroranschlag

Urlaubsland im Schock - Flaggen auf Halbmast

Mehr als einmal versuchten Polizisten, verschreckten Touristen Trost zu spenden.
AFP
International 5 Min. 18.08.2017 Aus unserem online-Archiv
Spanien nach dem Terroranschlag

Urlaubsland im Schock - Flaggen auf Halbmast

Teddy JAANS
Teddy JAANS
Betroffenheit und Entsetzen sind nicht nur in Barcelona am Freitag angesagt. Die EU-Kommission ließ die Flaggen auf Halbmast setzen, Spanien steht unter Schock.

(dpa) –  In Gedenken an die Opfer des Terroranschlages in Barcelona sind die Flaggen vor dem Sitz der EU-Kommission in Brüssel auf Halbmast gesetzt worden. „Wir stehen an der Seite der Menschen in Barcelona und Spanien“, schrieb das Team von Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker am Freitagmorgen in einer Twitter-Nachricht.


Touristen und Einheimische trauern um die Opfer.
Touristen und Einheimische trauern um die Opfer.
AFP

Am Freitagmorgen war am Parlamentsgebäude der katalonischen Regierung die Flagge auf halbmast gehisst, wie auf Bildern zu sehen war. Für 12 Uhr mittags sei eine Schweigeminute auf der Plaça de Catalunya geplant, teilte die katalanische Polizei auf Twitter mit.

Trotzdem versuchen die Menschen, etwas Normalität zurückzugewinnen. Auf dem Boulevard Las Ramblas, wo am Donnerstagabend ein Lieferwagen mindestens 13 Menschen getötet hatte, öffneten die ersten Kioske wieder, berichtete der Sender TV3.

Die öffentlichen Verkehrsmittel in der Stadt funktionieren laut der katalanischen Notfalldienste größtenteils wieder normal.

Nur drei Stationen um Las Ramblas blieben geschlossen. Polizei, Zivilschutz und Rotes Kreuz richteten am Flughafen zwei Räume ein, um Familienangehörige der Opfer zu betreuen.

Sicherheitsgefühl verschwunden

Das sonnige Spanien galt Millionen Touristen aus dem eher verregneten Norden Europas als verlockendes und vor allem sicheres Urlaubsziel. Keine politischen Unruhen oder gar Terroranschläge wie in der Türkei, Ägypten und Tunesien. Bis Donnerstagnachmittag, als ein junger Mann mit einem Miettransporter auf der Flaniermeile Las Ramblas in Barcelona mindestens 13 Menschen mit voller Absicht totfuhr und etwa 90 weitere zum Teil schwer verletzte. Nur wenige Stunden später werden in der Stadt Cambrils rund 100 Kilometer südwestlich von Barcelona fünf mutmaßliche Terroristen von der Polizei erschossen.

Die Rambla war am Freitag fast menschenleer.
Die Rambla war am Freitag fast menschenleer.
AFP

Binnen Sekunden verwandelte sich die mit Platanen bestandene Prachtmeile mit ihren mondänen Geschäften und schattigen Straßencafés in einen Ort des Grauens. Passanten wurden von der Wucht des Aufpralls durch die Luft geschleudert, Tote und Verletzte lagen auf dem Boden und Menschen liefen schreiend um ihr Leben, Bruchteile von Sekunden entschieden über Tod oder Leben. „Da lagen Menschen auf dem Pflaster, blutüberströmt, ich weiß nicht, ob sie noch lebten“, erzählt eine junge Deutsche, die ihren Namen nicht nennen mag. Der Schock ist ihr ins Gesicht geschrieben, der Ausdruck starr und ungläubig.

Fragen über Fragen

Geschockt ist auch die ganze bisher so entspannte und in sich selbst ruhende Stadt. „Wie kann man so viel Hass in seinem Kopf haben, dass man Kinder überfährt, wofür wollte er sich denn rächen?“, fragt Lorenzo und hebt hilflos die Arme. „Was immer dem Typen in seinem Leben widerfahren sein mag, so eine Tat ist einfach nicht zu verstehen.“ Mit seiner Frau wartet er seit Stunden darauf, wieder in seine Wohnung direkt am Ort des Anschlags gehen zu dürfen.

„Es ist noch nicht sicher“, wiederholen Polizisten auch nach Mitternacht noch gebetsmühlenartig, wenn sie Hunderte Anwohner und Touristen an den weiträumigen Absperrungen rund um den Anschlagsort stoppen. Der Todesfahrer, der nach seiner Bluttat zu Fuß flüchtete, ist noch nicht gefasst. Und südlich von Barcelona werden bei einer Polizeiaktion fünf mutmaßliche Terroristen getötet. Zehntausende Autofahrer sitzen auf allen Ausfallstraßen bis zu vier Stunden in kilometerlangen Staus, weil die Polizei an hastig errichteten Straßensperren Autor für Auto filzt.

Polizisten wachten am Freitagmorgen auf der Flaniermeile Rambla.
Polizisten wachten am Freitagmorgen auf der Flaniermeile Rambla.
AFP

Polizisten und Hotelangestellte ziehen mit Gruppen verunsicherter Urlauber durch die nächtlichen Straßen rund um den Anschlagsort, um ihnen sicheres Geleit zu ihren Hotels zu geben. Immer wieder versuchen einzelne, trotz der Flatterbänder durchzukommen, werden aber von energischen Polizisten verscheucht.

„Es sind nur 18 Meter bis zu unserem Hotel“, sagt Juri aus dem russischen Krasnodar entnervt. „Aber sie lassen uns einfach nicht durch, immer wieder heißt es, vielleicht in zehn Minuten“, erzählt er. „Es ist eine große Tragödie, so wie der U-Bahnanschlag in St. Petersburg. Wirklich sicher ist man nirgendwo mehr, es ist einfach eine Frage des Glücks“, sagt Juri und wartet weiter vor dem Flatterband der Polizei. Überall sitzen und stehen Grüppchen von Menschen, diskutieren oder starren auf die gespenstische Szenerie.

Trost und gute Worte

Manche halten sich einfach nur fest in den Armen. Selbst Polizisten mit Maschinenpistolen legen verschreckten Passanten schon mal den Arm um die Schulter. Noch immer jaulen Krankenwagen an Schaulustigen vorbei, Blaulicht zuckt durch die Nacht. Ansonsten ist die Stadt ungewöhnlich leer, die Menschen haben sich in den Schutz ihrer Häuser zurückgezogen, Straßenfeste wurden abgesagt.

Im katalanischen Touristenort Cambrils sind Polizisten wenig später im Einsatz. Fünf mutmaßliche Terroristen werden erschossen. Sieben Menschen werden verletzt, zwei davon schwer, wie der katalanische Zivilschutz berichtet. Die Ermittler gehen davon aus, dass es einen Zusammenhang zwischen den Taten in Barcelona und Cambrils gibt. Möglicherweise wollten die mutmaßlichen Terroristen den Anschlag auf der Touristenmeile Las Ramblas nachahmen.

Selbst, wer den Schrecken in Barcelona nicht unmittelbar erlebt hat, ist sehr verstört und verunsichert. „Ich kam gerade mit Freunden, die ein Baby dabei hatten, von einer Wohnungsbesichtigung“, erzählt die Katalanin Sandra. Plötzlich sei ihnen ein Mann mit einem von Panik völlig entstellten Gesicht entgegengelaufen und habe gebrüllt: „Ein Terroranschlag“. Die Menschen seien durcheinander gerannt, hätten sich in Läden und Restaurants geflüchtet. „Man weiß ja am Anfang gar nicht, was passiert ist, wo die Gefahr auf einen lauert, und mit einem Baby fühlt man sich noch verwundbarer“, sagt die Frau.

Auch Judith und Augusto warten an einer Absperrung darauf, endlich in ihr Hotel zu dürfen. Sie sitzen auf dem Kantstein und sind froh, noch am Leben zu sein. „Nur 20 Minuten vorher waren wir da, wo der Anschlag war“, erzählt die junge Mexikanerin.

„Wir sind ja viel Gewalt gewöhnt, Entführungen, Schießereien zwischen Drogenbanden, Auftragskiller und so, aber solche Anschläge wie hier gibt es in Mexiko nicht“, sagt sie kopfschüttelnd. „Wir sind extra nach Spanien gekommen, um endlich mal in Ruhe Urlaub zu machen und nun dies“, meint ihr Begleiter. „Und wo kann man denn nun noch sicher sein“, fragt Judith. „Vielleicht auf dem Mond“, antwortet sie sich selbst und zeigt auf den dunklen Himmel. Dort aber ist noch kein Mond zu sehen. Erst später taucht er über dem Horizont auf. Eine schmale, scharfe Sichel.


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Attacken in Spanien
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People help injured persons after a van ploughed into the crowd, killing at least 13 people and injuring around 100 others on the Rambla in Barcelona on August 17, 2017.
A driver deliberately rammed a van into a crowd on Barcelona's most popular street on August 17, 2017 killing at least 13 people before fleeing to a nearby bar, police said. 
Officers in Spain's second-largest city said the ramming on Las Ramblas was a "terrorist attack". The driver of a van that mowed into a packed street in Barcelona is still on the run, Spanish police said. / AFP PHOTO / NICOLAS CARVALHO OCHOA
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Policemen accompany clients of a store outside a cordoned off off area after a van ploughed into the crowd, killing 13 persons and injuring over 80 on the Rambla in Barcelona on August 17, 2017.
A driver deliberately rammed a van into a crowd on Barcelona's most popular street on August 17, 2017 killing at least 13 people before fleeing to a nearby bar, police said. 
Officers in Spain's second-largest city said the ramming on Las Ramblas was a "terrorist attack". / AFP PHOTO / LLUIS GENE
Im Zentrum von Barcelona ist ein Lieferwagen in eine Menschengruppe gerast. Es gab über 50 Verletzte und mindestens 13 Tote, darunter auch eine Belgierin. Zwei Personen wurden festgenommen. Der IS hat sich zum Anschlag bekannt.
TOPSHOT - An armed policeman arrives in a cordoned off area after a van ploughed into the crowd, injuring several persons on the Rambla in Barcelona on August 17, 2017.
Police in Barcelona said they were dealing with a "terrorist attack" after a vehicle ploughed into a crowd of pedestrians on the city's famous Las Ramblas boulevard on August 17, 2017. Police were clearing the area after the incident, which has left a number of people injured. / AFP PHOTO / Josep LAGO