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"Unsere Kollegen sind weg"
International 4 Min. 29.06.2018

"Unsere Kollegen sind weg"

Die Titelseite der "Capital Gazette" vom Freitag.

"Unsere Kollegen sind weg"

Die Titelseite der "Capital Gazette" vom Freitag.
Foto: AFP
International 4 Min. 29.06.2018

"Unsere Kollegen sind weg"

Ein Mann stürmt in eine Redaktion und tötet fünf Menschen - offenbar aus einem schon lange gehegten Groll gegen die kleine Zeitung. Die Journalisten trauern um ihre Kollegen - und finden trotzdem die Kraft, über die grausame Tat zu berichten.

(dpa) - Es ist eine Titelseite, die unendlich viel Kraft gekostet haben muss: Die Mitarbeiter der „Capital Gazette“ trauern um fünf ihrer Kollegen. Ein bewaffneter Mann war am Donnerstag in die Redaktion der kleinen Lokalzeitung in Annapolis/Maryland eingedrungen und hatte das Feuer eröffnet - offenbar hegte er seit langem einen tiefen Groll gegen die Zeitung.

Die überlebenden Journalisten stellten nur wenige Stunden später eine Zeitung auf die Beine. Vom Titel prangten die Gesichter der Toten. „Wir sind untröstlich, am Boden zerstört. Unsere Kollegen und Freunde sind weg“, schrieb der Herausgeber der Zeitung, Rick Hutzell. Die Meinungsseite blieb bis auf wenige Worte leer.

Legale Waffe

Bei dem mutmaßlichen Täter handelt es sich Berichten zufolge um einen 38-Jährigen aus der Region. Der Polizeichef Timothy Altomare bestätigte, dass die Behörden ihn mittels einer Technologie zur Gesichtserkennung identifizierten. Der Polizist weigerte sich, den Namen des Verdächtigen zu nennen, um ihm nicht noch mehr Aufmerksamkeit zu geben.

Den Ermittlern zufolge stürmte der Mann am Donnerstagnachmittag mit einer Pumpgun in die Redaktion und schoss auf Mitarbeiter. „Der Kerl war da, um so viele Menschen wie möglich zu töten“, sagte Polizeichef Altomare. Die Waffe habe er legal erworben.


Police respond to a shooting at the offices of the Capital Gazette, a daily newspaper, in Annapolis, Maryland, June 28, 2018. 
The local ABC7 news reported "multiple fatalities" quoting police in the historic city located an hour east of Washington. "ATF Baltimore is responding to a shooting incident at the Capital Gazette in Annapolis," the Bureau of Alcohol, Firearms, and Tobacco said on Twitter. County Sheriff Ron Bateman told Fox News a suspect had been taken into custody.
 / AFP PHOTO / SAUL LOEB
Kugelhagel in US-Zeitungsredaktion
Möglicherweise war es das Ende einer jahrelangen Fehde: Ein Mann stürmt in die Redaktionsräume einer Lokalzeitung und schießt um sich. Fünf Menschen sterben.

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft verbarrikadierte der Verdächtige einen Ausgang der Redaktion, damit die Mitarbeiter nicht entkommen konnten. Die Redaktion habe zwei Türen gehabt, sagte Staatsanwalt Wes Adams. Der Mann sei zur vorderen Tür hineingekommen, die hintere habe er verbarrikadiert. Eines der Opfer habe versucht, durch diese Tür zu entkommen und sei dann getroffen worden.

Reporter des Blattes berichteten, wie sie sich unter ihren Schreibtischen verschanzten. „Ich habe nur gehofft, dass mein Telefon nicht klingelt“, sagte der Journalist Phil Davis dem Sender CNN. Eine andere Reporterin musste den Tod eines Kollegen aus nächster Nähe mit ansehen. „Ich sah nicht den Täter, aber ich sah, wie er (der Kollege) getroffen wurde“, sagte sie. Ein Fotograf erklärte, er sei um sein Leben gerannt und habe dabei über die Leiche eines Kollegen hinwegspringen müssen. Ein Journalist sprach von einem „Kriegsgebiet“.

Unter den Opfern sind zwei Frauen - eine Verkaufsassistentin, die erst seit kurzem bei dem Blatt arbeitete, sowie eine Lokalreporterin und Kolumnistin. Getötet wurden auch ein langjähriger Sportjournalist, ein Leitartikel-Autor und der stellvertretende Chefredakteur. Zwei Menschen erlitten Verletzungen.

AFP PHOTO / Capital Gazette / Family Photo via Batimore Sun

Der Schütze wurde festgenommen. Der 38-Jährige soll mit dem Blatt seit Jahren einen erbitterten Rechtsstreit ausgefochten haben. Der stellvertretende Polizeichef Bill Krampf sprach von einem gezielten Angriff. Vor den tödlichen Schüssen habe es über soziale Medien Drohungen gegen die Redaktion gegeben, sagte er. Details zu Inhalt und Urheber nannte er zunächst nicht.


Kommentar: Good guys without guns
In Nashville und Toronto haben zwei Männer im Angesicht schlimmer Verbrechen Heldentaten vollbracht. Sie geben Hoffnung auf eine zivile Antwort.

Laut „Capital Gazette“ hatte die Zeitung 2011 über Belästigungsvorwürfe gegen den Mann geschrieben. Er soll einer ehemaligen Mitschülerin auf Facebook gedroht und ihr das Leben zur Hölle gemacht haben. Wegen der Berichterstattung über den Fall sei der Mann vor Gericht gezogen und habe verloren, schrieb die Zeitung. Weder der Kolumnist, der damals berichtete, noch der damalige Herausgeber und Verleger arbeiteten heute noch für die Zeitung, zum Zeitpunkt des Angriffes seien sie auch nicht in der Redaktion gewesen.

Trump nimmt Journalisten in Schutz

Das Entsetzen über die Tat ist groß. Präsident Donald Trump drückte den Opfern und ihren Angehörigen via Twitter sein Mitgefühl aus. Am Freitag verurteilte er die Attacke noch einmal scharf und nahm den Berufsstand der Journalisten in Schutz: „Journalisten, wie alle Amerikaner, sollten bei ihrer Arbeit frei sein können von der Angst gewalttätiger Angriffe“, sagte der Präsident. Er kündigte an, seine Regierung werde nicht ruhen, ehe alles getan sei, um die Fälle von Gewaltverbrechen zu reduzieren.

Der Angriff auf die kleine Redaktion fällt mitten hinein in eine Zeit, in der das gesellschaftliche Klima in den USA in vielen Bereichen vergiftet erscheint. In sozialen Netzwerken ergießt sich immer wieder Hass gegen Medien. Manche Journalisten berichten von Todesdrohungen.

Trump teilt selbst immer wieder gegen ihm unliebsame Medien aus, er hat sie als „Feinde des amerikanischen Volkes“ bezeichnet. Nach der Tat wurde diese Äußerung auf Twitter etliche Male aufgegriffen. Spekulationen über das mögliche Motiv des Täters schossen ins Kraut. Der Sender CNN fragte am Freitag, ob die medienfeindliche Rhetorik zu weit gegangen sei. 

Aber nichts deutet bislang darauf hin, dass die Tat mit Trumps Attacken oder der medienfeindlichen Stimmung in Teilen der Gesellschaft in Zusammenhang stehen könnte. Vielmehr deutet alles auf ein persönliches Motiv des Täters hin.

Ich kann nicht schlafen, also werde ich das Einzige tun, was ich kann - und berichten.

Der Mann wurde am Freitagmorgen des fünffachen Mordes angeklagt. Die „Capital Gazette“ berichtete weiter. Reporter Phil Davis schrieb dazu: „Ich kann nicht schlafen, also werde ich das Einzige tun, was ich kann - und berichten.“



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Journalisten seien "Feinde des Volkes", so sagt es Donald Trump. Einen Mann, der dieselbe Floskel gegenüber Journalisten des "Boston Globe" benutzte, nahm jetzt das FBI fest. Der Mann hatte Mitglieder der Redaktion auch mit dem Tod bedroht.
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 / AFP PHOTO / SAUL LOEB
Parkland und die Folgen
Am 14. Februar erschießt ein 19-Jähriger 17 Menschen an der Highschool von Parkland, Florida. Solche grausamen Zwischenfälle gab es in den USA schon öfter. Diesmal regt sich aber Widerstand - gegen die Regierung, den Waffenkult, die NRA.
(FILES) In this file photo taken on February 15, 2018 Mourners grieve as they await the start of  a candlelight vigil for victims of the Marjory Stoneman Douglas High School shooting in Parkland, Florida. 
There have been renewed calls for stricter gun control in the United States following the shooting deaths last week of 14 students and three adults at a Florida high school. The White House has said following the Florida school shooting that President Donald Trump supports efforts to improve the federal background check system for gun buyers. / AFP PHOTO / RHONA WISE
Kommentar: Es reicht!
Wann sehen endlich alle Amerikaner ein, dass die USA das einzige Land der Welt ist, in dem mit schockierender Regelmäßigkeit Menschen über den Haufen geschossen werden?
Fassunglos kniet eine trauernde Frau an der Gedenkstätte für die Opfer der Schießerei an der Marjory Stoneman Douglas High School in Florida.
Kommentar: Entwaffnet Euch!
Wieder sind in den USA Menschen erschossen worden, wieder passiert politisch nichts Konkretes. Stattdessen: "Thoughts and Prayers". Amerika verweigert sich allen Argumenten. Das muss aufhören.
Ein schwer erträgliches Bild: Trauer um 26 Opfer des Massakers von Sutherland Springs.