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Türkei lässt Flüchtlinge ziehen - Athen schließt Grenzübergang
International 5 Min. 28.02.2020 Aus unserem online-Archiv

Türkei lässt Flüchtlinge ziehen - Athen schließt Grenzübergang

15 afghanische Flüchtlinge sind am Freitag auf Lesbos angekommen, nachdem sie zuvor die Türkei mit einem Schlauchboot verlassen hatten.

Türkei lässt Flüchtlinge ziehen - Athen schließt Grenzübergang

15 afghanische Flüchtlinge sind am Freitag auf Lesbos angekommen, nachdem sie zuvor die Türkei mit einem Schlauchboot verlassen hatten.
Foto: AFP/Aris Messinis
International 5 Min. 28.02.2020 Aus unserem online-Archiv

Türkei lässt Flüchtlinge ziehen - Athen schließt Grenzübergang

Laut Medienberichten machen sich Flüchtlinge aus verschiedenen türkischen Städten in Richtung EU auf. Von den Behörden in der Türkei werden sie offenbar nicht mehr aufgehalten. Auslöser soll der syrische Luftangriff auf türkische Soldaten sein.

(dpa/AFP/KNA/jt) - Die Türkei will Flüchtlinge nicht länger daran hindern, nach Europa zu reisen. Das berichtet die Nachrichtenagentur AFP am Freitag unter Berufung auf einen hohen Regierungsvertreter in Ankara. Zuvor waren bei einem syrischen Luftangriff in der Rebellenzone Idlib in der Nacht auf Freitag mindestens 33 türkische Soldaten getötet worden.

Infolge der Berichte über eine Öffnung der türkischen Grenzen für Flüchtlinge in Richtung Europa haben sich Hunderte Migranten am griechisch-türkischen Grenzfluss Evros (türkisch: Meric) versammelt. Das griechische Staatsfernsehen (ERT) zeigte am Freitag Bilder von Menschen, die auf der türkischen Seite des Grenzübergangs von Kastanies/Pazarkule auf eine Gelegenheit warteten, nach Griechenland zu kommen. 

Griechenland hat den Grenzübergang mittlerweile geschlossen. Wie lange die Schließung dauern werde, sei unklar, berichtete das Staatsfernsehen Griechenlands. Reporter vor Ort berichteten, auf der griechischen Seite habe die Regierung in Athen zahlreiche Polizisten und Grenzschutzbeamte sowie Soldaten zusammengezogen.

Der griechische Regierungschef Kyriakos Mitsotakis informierte die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel telefonisch über das Vorgehen an der Grenze zur Türkei. 

Die Nachrichtenagentur DHA berichtete am Freitagmorgen von rund 300 Menschen, die sich auf den Weg in Richtung eines Grenzübergangs in Edirne gemacht hätten. Die Provinz grenzt sowohl an Griechenland als auch an Bulgarien. Griechenland hat angesichts der neuen Entwicklungen eine Verstärkung der Grenzpatrouillen angekündigt. 

Andere Flüchtlinge kamen in der türkischen Provinz Canakkale nahe Ayvacik zusammen, um per Boot auf die griechische Insel Lesbos und damit in die EU zu gelangen.  

Ein Boot mit 15 afghanischen Flüchtlingen, fünf Kindern, drei Frauen und sieben Männern, kommt am Freitag auf der griechischen Insel Lesbos an. Ein Sprecher der türkischen Regierungspartei AKP drohte der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu zufolge kaum verhohlen damit, den Flüchtlingen im Land die Grenzen zu öffnen.
Ein Boot mit 15 afghanischen Flüchtlingen, fünf Kindern, drei Frauen und sieben Männern, kommt am Freitag auf der griechischen Insel Lesbos an. Ein Sprecher der türkischen Regierungspartei AKP drohte der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu zufolge kaum verhohlen damit, den Flüchtlingen im Land die Grenzen zu öffnen.
Foto: Angelos Tzortzinis/dpa

EU pocht auf Einhaltung des Flüchtlingsdeals

Die EU-Kommission rief zu einem Ende der Gewalt in Syrien auf. Dort herrsche "entsetzliches menschliches Leid", sagte EU-Kommissionssprecher Peter Stano am Freitag in Brüssel. ER bezeichnete die Eskalation als "gefährlich"; die militärische Konfrontation müsse sofort beendet werden. 

Zu Medienberichten, die Türkei wolle den Flüchtlingsdeal aufkündigen und viele Syrer hätten sich bereits auf den Weg Richtung EU gemacht, sagte Stano, Ankara habe der EU zugesichert habe, das EU-Türkei-Abkommen gelte weiter. "Wir erwarten, dass die Türkei weiterhin die Vereinbarung einhält", so Stano. 

Das EU-Türkei-Abkommen sieht vor, dass die Türkei die Fluchtbewegung Richtung Europa eindämmt und Griechenland illegal eingereiste Migranten in die Türkei zurückschickt. Im Gegenzug übernimmt die EU in einem geregelten Verfahren gleich viele syrische Flüchtlinge aus der Türkei und unterstützt dort Hilfsorganisationen finanziell bei der Versorgung der Flüchtlinge. 

Laut griechischen Medien leben auf den griechischen Inseln inzwischen 42.000 Migranten. Die dortigen Camps seien jedoch nur auf 8.000 Menschen ausgelegt. Die 6 Milliarden Euro, die die EU für Flüchtlinge in der Türkei über das Abkommen bereitgestellt hat, sind komplett verplant, teilte die EU-Kommission am Freitag mit. 4,7 Milliarden der Gesamtsumme sind bereits vertraglich zugesichert und 3,2 Milliarden ausgezahlt.  

"Hier ist die Tür zu Europa"

Die staatliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu hatte zuvor berichtet, dass sich Migranten in den Städten Izmir, Mugla and Canakkale sammelten für die Reise Richtung EU. In Mugla hätten einige Gummiboote mitgebracht. Flüchtlinge versuchen regelmäßig, mit Booten aus der Türkei nach Griechenland überzusetzen.

In Istanbul kamen Menschen Medien zufolge unter anderem im Stadtteil Zeytinburnu zusammen, um in Sammeltaxis und Bussen nach Edirne oder in Küstenorte zu fahren. Auf CNN Türk war ein Mann einer Transportfirma zu hören, der Menschen anlockte mit dem Slogan „Hier ist die Tür zu Europa“. Der Sender TRT zeigte Szenen von Migranten, die im Morgengrauen an einem Strand standen, oder über Felder liefen. Die Bilder ließen sich nicht unmittelbar verifizieren.

Eine offizielle Bestätigung gab es zu den angeblich „offenen Grenzen“ nicht. Beobachter hielten die vor allem von regierungsnahen Medien lancierten Berichte zunächst für ein Mittel, Druck aufzubauen und Hilfe für die Situation im nordsyrischen Idlib zu bekommen.  

Vergeltungsschläge der Türkei nach Luftangriff

Zuvor waren offiziellen Angaben nach bei einem syrischen Luftangriff in Idlib in der Nacht auf Freitag mindestens 33 türkische Soldaten getötet worden. 

Bei Gegenangriffen der türkischen Streitkräfte auf syrische Stellungen starben mindestens 16 syrische Soldaten. Die türkische Armee habe die syrischen Stellungen östlich und südlich der Stadt Idlib mit Artillerie und aus der Luft attackiert, teilte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Freitag mit. 

Rauch über der Stadt Saraqib bei Idlib nach einem Bombenangriff der syrischen Armee.
Rauch über der Stadt Saraqib bei Idlib nach einem Bombenangriff der syrischen Armee.
Foto: AFP/AFP Aref Tammawi

Der türkische Verteidigungsminister Hulusi Akar sagte der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu zufolge, das Militär habe mehr als 200 Regime-Ziele angegriffen und dabei 309 Soldaten neutralisiert. Das kann getötet oder verletzt bedeuten. Außerdem seien unter anderem fünf Helikopter, 23 Panzer und Gebäude eines militärischen Hauptquartiers zerstört worden.


Smoke billows over the town of Saraqib in the eastern part of the Idlib province in northwestern Syria, following bombardment by Syrian government forces, on February 27, 2020. - Syrian rebels reentered the key northwestern crossroads town of Saraqib lost to government forces earlier this month but fierce fighting raged on in its outskirts today, an AFP correspondent reported. (Photo by Aref TAMMAWI / AFP)
Türkisch-syrischer Konflikt eskaliert: 33 Tote bei Luftangriff
Unter syrischem Beschuss sterben mindestens 33 türkische Soldaten. Die Türkei startet Vergeltungsangriffe, fordert Beistand der Nato - und droht kaum verhohlen mit einer Grenzöffnung für syrische Flüchtlinge.

Die Nato hat den jüngsten Luftangriff in Nordsyrien scharf verurteilt. „Die Alliierten verurteilen die fortgesetzten rücksichtslosen Luftangriffe des syrischen Regimes und Russlands auf die Provinz Idlib“, sagte Generalsekretär Jens Stoltenberg am Freitag nach einem kurzfristig einberufenen Treffen der Nato-Botschafter.

Der Norweger rief Syrien und Russland dazu auf, ihre Offensive zu beenden, internationales Recht zu achten und die Bemühungen der Vereinten Nationen für eine friedliche Lösung zu unterstützen. „Diese gefährliche Situation muss deeskaliert werden.“

Waffenruhe gebrochen

Idlib ist das letzte große Rebellengebiet in dem Bürgerkriegsland. Die Situation dort war jüngst eskaliert. Die Türkei unterstützt in dem Konflikt islamistische Rebellen. Mit Russland als Schutzmacht der syrischen Regierung hatte sie ein Abkommen getroffen, um in Idlib eine Deeskalationszone einzurichten und hatte dort Beobachtungsposten eingerichtet. Eigentlich gilt auch eine Waffenruhe. In den vergangenen Wochen war das syrische Militär mit russischer Unterstützung aber weiter in dem Gebiet vorgerückt. Fast eine Million Menschen sind nach UN-Angaben in der Region auf der Flucht.

Hunderttausende fliehen vor syrischen und russischen Angriffen auch in Richtung türkische Grenze. Das hatte in der Türkei, die bereits Millionen Flüchtlinge beherbergt, Sorgen ausgelöst.

Erdogan hatte mehrfach gewarnt, sein Land werde einen neuen Zustrom von Flüchtlingen „nicht alleine schultern können“ und „alle europäischen Länder würden die negativen Folgen zu spüren bekommen“.


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