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Tschernobyl, 34 Jahre später: Alte Ängste kochen hoch
International 5 Min. 26.04.2020

Tschernobyl, 34 Jahre später: Alte Ängste kochen hoch

"Stopp! Verbotene Zone": Die Botschaft bleibt auch 34 Jahre nach der Reaktorhavarie von Tschernobyl unmissverständlich.

Tschernobyl, 34 Jahre später: Alte Ängste kochen hoch

"Stopp! Verbotene Zone": Die Botschaft bleibt auch 34 Jahre nach der Reaktorhavarie von Tschernobyl unmissverständlich.
Foto: dpa
International 5 Min. 26.04.2020

Tschernobyl, 34 Jahre später: Alte Ängste kochen hoch

Seit fast drei Wochen brennen Wälder und Wiesen in der verstrahlten Sperrzone von Tschernobyl. Ausgerechnet vor dem Jahrestag der schwersten Katastrophe in der zivilen Nutzung der Atomkraft.

(dpa) -  Vor dem Jahrestag der schwersten Atomkatastrophe in der zivilen Nutzung der Kernkraft am 26. April bleibt der große Löscherfolg aus: Die schlimmsten Feuer seit Jahren im verseuchten Gebiet um die Atomruine des explodierten Reaktors von Tschernobyl nehmen kein Ende. Riesige Flächen sind bereits verkohlt. Wälder und Felder schwarz. Extreme Trockenheit und Wind fachen die Brände immer wieder an. Auch gesundheitsschädliche radioaktive Teilchen im Boden werden aufgewirbelt. 


This picture taken on April 5, 2020, shows a forest fire burning at a 30-kilometer (19-mile) Chernobyl exclusion zone, not far from the nuclear power plant. - Ukrainian authorities on April 5 reported a spike in radiation levels in the restricted zone around Chernobyl, scene of the world's worst nuclear accident, caused by a forest fire. "There is bad news - radiation is above normal in the fire's center," Yegor Firsov, head of Ukraine's state ecological inspection service, said on Facebook. (Photo by Yaroslav EMELIANENKO / AFP)
Brand in Tschernobyl-Sperrzone noch nicht unter Kontrolle
Seit einer Woche brennen die Wälder in der Sperrzone um Tschernobyl. Die Radioaktivität sei unter Kontrolle, heißt es.

Schon seit drei Wochen kämpft der ukrainische Katastrophenschutz gegen die Flammen. Armee und Nationalgarde helfen Feuerwehrleuten mit schwerem Gerät. Auch am Wochenende sind wieder  mehr als 1000 Kräfte im Einsatz. Ausländische Hilfe kommt unter anderem aus Deutschland mit Feuerwehrschläuchen, einem Einsatzwagen und Dutzenden Dosimetern zur Messung der Strahlenbelastung. Die Böden dort sind verseucht mit radioaktiven Stoffen - Cäsium 137, Plutonium 239 und Strontium 90, wie die Umweltschutzorganisation Greenpeace zum 34. Jahrestag des Unglücks erinnert.

„Die verheerenden Feuer zeigen, wie lange die Menschheit mit den gefährlichen Folgen von Atomunfällen zu kämpfen hat“, sagt der Greenpeace-Atomphysiker Heinz Smital. Die Brände seien beunruhigend. Menschen könnten die strahlenden und giftigen Partikel einatmen. Aber die Ärzteorganisation IPPNW in Berlin sieht - anders als 1986 - noch keine Bedrohung in Deutschland durch eine radioaktive Wolke. Bis heute seien aber etwa im bayerischen Wald Wildschweine, Beeren und Pilze so stark verstrahlt, dass ihr Verzehr das Krebsrisiko erhöhe, teilte der Arzt und IPPNW-Co-Vorsitzende Alex Rosen mit.

Erinnerung an den GAU: Vor sich hin rostende Auto-Scooter auf dem Festplatz der gesperrten ukrainischen Stadt Pripjat im Sperrgebiet nahe dem Unglücksreaktor von Tschernobyl.
Erinnerung an den GAU: Vor sich hin rostende Auto-Scooter auf dem Festplatz der gesperrten ukrainischen Stadt Pripjat im Sperrgebiet nahe dem Unglücksreaktor von Tschernobyl.
Foto: dpa

Vor allem aber bei vielen Menschen in der Ukraine flammen angesichts der Brände auch die alten Ängste auf - nicht zuletzt davor, dass die Behörden der Ex-Sowjetrepublik das wahre Ausmaß der Gefahr verschleiern. Die Hauptstadt Kiew mit ihren mehr als drei Millionen Einwohnern liegt nur 70 Kilometer von der Sperrzone entfernt. Tagelang hielten sich Rauch und Brandgeruch in der Stadt. Den offiziellen Informationen traut kaum jemand.

Es sei unklar, ob die Feuerwehrleute ausreichend Schutzausrüstung hätten und regelmäßig ausgewechselt würden, um die zulässige Strahlendosis nicht zu überschreiten, meinte die 62-Jährige Olga Mussafirowa. Die Journalistin stellt beim TV-Sender Ukrajina 24 fest, dass Welten liegen zwischen Augenzeugenberichten in sozialen Netzwerken und den Angaben der Behörden. Sie erinnert an die „Liquidatoren“, die 1986 ohne richtigen Schutz zur Beseitigung der Katastrophe nach Tschernobyl geschickt wurden.


Die Serie ruft Erinnerungen an die Katastrophe in dem ukrainischen Kernkraftwerk wach.
Katastrophenserie „Chernobyl“ berührt und verblüfft
Die Serie „Chernobyl“ in der Zapping-Kritik: Die realen Geschehnisse um die Kernschmelze Mitte der 1980er-Jahre sind Basis der aktuell „besten“ Serie der Welt.

Damals explodierte nach einem missglückten Leistungstest im Kraftwerk am 26. April 1986 Block vier der sowjetischen Anlage. Tausende Menschen starben oder wurden verletzt. Zehntausende wurden zwangsumgesiedelt. Bei Einsatzkräften kam es laut IPPNW zu Krebs, Schlaganfällen, Infarkten, Erblindung und anderen strahlungsbedingten Krankheiten.

Und heute? Berichte aus der Brandzone sind rar in ukrainischen Medien. Viele Menschen äußern sich aber besorgt. „Verzeih mir bitte, ich wollte dich nicht belügen. Ich wollte nicht, dass du dir Sorgen machst“, sagte der Feuerwehrmann Oleg beim TV-Sender 1+1 seiner Mutter. Der deutsche IPPNW-Arzt Rosen sagte, auch er mache sich Sorgen, dass die jungen Männer dort bei den aktuell erhöhten Strahlenwerten ihren Einsatz mittelfristig mit ihrer Gesundheit bezahlen werden.

Die öffentliche Diskussion in der Ukraine dreht sich aber vor allem um die Ursachen. Brandstiftung gilt als Grund - wie bei ähnlichen Feuern dort in der Vergangenheit. Im Raum steht auch der Verdacht, Kriminelle könnten die Brände gelegt haben, um illegale Abholzungen in der waldreichen Sperrzone zu vertuschen.

„Wir hatten natürlich kleinere Brände von fünf, zehn, maximal einhundert Hektar. Doch Tausende Hektar waren sehr selten.“

Sergej Sibzew, Professor für Forstwirtschaft

Gründe sieht der Professor für Forstwirtschaft, Sergej Sibzew, auch im trockenen Winter und im starken Wind. Die ukrainische Feuerwehr sei nicht auf Brände dieses Maßstabs vorbereitet. „Wir hatten natürlich kleinere Brände von fünf, zehn, maximal einhundert Hektar. Doch Tausende Hektar waren sehr selten“, sagte er der Zeitung „Den“. Zuletzt habe es dort auch keine Feuerwehrübungen mehr gegeben.

Schutzhülle aus Stahl: Greenpeace ist dennoch alarmiert wegen der seit fast drei Wochen lodernden Feuer, durch die auch radioaktive Partikel aufgewirbelt und verteilt werden.
Schutzhülle aus Stahl: Greenpeace ist dennoch alarmiert wegen der seit fast drei Wochen lodernden Feuer, durch die auch radioaktive Partikel aufgewirbelt und verteilt werden.
Foto: Ebrd Photostream/dpa

„Das staatliche Brandschutzsystem wurde in den vergangenen Jahren völlig zerstört“, sagte auch Sergej Botschkowski, der Ex-Chef des Katastrophenschutzes, in einem Zeitungsinterview. Es fehle an allem - Waldschneisen, Brandschutzstreifen, Löschteichen. Ein Übergreifen von Feuern auf den mit einem Sarkophag geschützten Reaktor schließt er jedoch aus. „Dort gibt es einen großen Brandschutzstreifen, das Feuer gelangt nicht dorthin.“


A woman drinks coffee while standing by a gift shop at the checkpoint of the Chernobyl exclusion zone during tourist tour on April 23, 2018. / AFP PHOTO / Sergei SUPINSKY
Gau-Reaktor wird zum Touristenziel
Am 26. April 1986 gegen 01.20 morgens, geschah das Unfassbare: eine atomare Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes, verursacht durch eine unglückliche Verkettung von Pannen, Unwissenheit, und Missachtung von Sicherheitsvorschriften. Mittlerweile ist der Reaktor zur Attraktion geworden.

Auf dem riesigen Gelände gibt es nach Darstellung des Kernphysikers Smital von Greenpeace Hunderte Depots mit atomar belastetem Material - oft sicher in Beton eingeschlossen. Aber es gebe aber auch kleinere Lagerstätten, die schlecht dokumentiert seien. Experten müssten sich nach den Bränden einen Überblick über das Ausmaß der Schäden verschaffen, fordert er.

Sperrzone kein Platz für Selfies

Beim staatlichen Atomkonzern Energoatom fordert die in Tschernobyl geborene Sprecherin Natalia Degtjarenko ein Umdenken mit Blick auf die Zone. Ziel sei immer gewesen, die Gefahren klein zu halten. „Stattdessen wählte die Zonenverwaltung in den vergangenen fünf Jahren als Hauptfunktion die Entwicklung des Tourismus“, kritisiert sie. 34 Jahre nach der Katastrophe steht wieder einmal fest, „dass die Tschernobyl-Sperrzone kein Platz für Selfies ist“.

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